Interview

... mit Elsbeth Bösl

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Der Forschungsansatz der Disability History ist im deutsprachigen Raum noch vergleichsweise neu,... >>>
... mit Elsbeth Bösl

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Der Forschungsansatz der Disability History ist im deutsprachigen Raum noch vergleichsweise neu, denn hier wird Behinderung explizit historisiert und dekonstruiert. Disability History zu schreiben bedeutet, neue Geschichten von Behinderung zu erzählen und frische, in ihrer historischen Tiefe differenzierte Bilder vom gesellschaftlichen Umgang mit Behinderungen entstehen zu lassen.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Versteht man Behinderung als Differenzierungskategorie der gesellschaftlichen Ordnung, die aus diskursiven und sozialen Kräfteverhältnissen herrührt und diese wiederum beeinflusst, und setzt sie als Analysekategorie ein, gelingt es, auf neue Weise auf das Zusammenleben in Gesellschaften und den Umgang mit menschlichen Unterschieden zu blicken. Ich frage einerseits danach, wie im wissenschaftlichen und politischen Diskurs der Bundesrepublik die Kategorie Behinderung konstituiert wurde. Andererseits zeige ich, wie sich wiederum das Diskursive konkretisierte: Behinderung wurde als primär medizinisches Problem gefasst und als solches mit medizinischen und sozialstaatlichen Lösungsstrategien beantwortet.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Eine Kernfrage der Querschnittsdisziplin der Disability Studies lautet, wie und warum die Kategorie Behinderung überhaupt hergestellt wird und in welchen institutionellen Kontexten sich die für die ›Moderne‹ als typisch betrachteten Zugänge zu Behinderung entwickeln: Therapie, Isolierung, Pädagogik, Rehabilitation. Hier sind historische Arbeiten gefragt. Ich zeige beispielsweise, dass es in der Bundesrepublik darum ging, scheinbar defizitäre Menschen in ihrer Funktionalität in Bezug auf das Erwerbs- und Berufsleben zu normalisieren und dem gesetzten Ideal des erwerbstätigen, leistungsfähigen Arbeitnehmers anzupassen.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Ich freue mich auf das interdisziplinäre Gespräch. Innerhalb meiner eigenen Disziplin, der Zeitgeschichte, möchte ich besonders dafür werben, Behinderung als allgemeine Analysekategorie der Historiografie – wie Geschlecht oder Ethnizität – zu etablieren.
Zudem glaube ich, dass sich am historischen Beispiel Orientierungswissen für die behindertenpolitischen Akteurinnen und Akteure generieren lässt. Deshalb würde ich mein Buch auch gern mit Vertreterinnen und Vertretern der Emanzipations- und Gleichstellungsbewegung, der Professionen und Bürokratien diskutieren.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Die behindertenpolitische Kernstrategie der Bundesrepublik war es aufgrund des ihr zugrunde liegenden medizinisch-individuellen Modells von Behinderung, als defizitär erachtete Menschen im Bezug auf ihre Erwerbsfähigkeit funktional zu normalisieren. <<<


Elsbeth Bösl

Politiken der Normalisierung

Zur Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland

Die von der Zeitgeschichte bislang kaum beachtete Analysekategorie »Behinderung« erschließt einen neuen Blick auf komplexe, gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge in der Bundesrepublik Deutschland. Unter der Leitfrage, wie sich die Kategorie »Behinderung« in wissenschaftlichen und politischen Diskursen konstituiert, untersucht Elsbeth Bösl die bundesdeutsche Behindertenpolitik. Die historische Analyse zeigt, dass diese Politik bis Mitte der 1970er Jahre primär auf die funktionale Normalisierung von Menschen mit Behinderungen sowie die Herstellung von Erwerbsfähigkeit und Produktivität gerichtet war.


 
Autorenbild Bösl, Elsbeth

Elsbeth Bösl (Dr. phil.), geb. 1978, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Bundeswehr München. Sie hat Geschichte und Archäologie studiert. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Wissenschafts- und Technikgeschichte und der Disability History.

Homepage:
Elsbeth Bösl: Universität der Bundeswehr München

»[Die Analyse liefert] spannende Einsichten für die zeitgeschichtliche Rekonstruktion der Behindertengeschichte, der Geschichte der Behindertenpolitik und der politischen Praxis des Umgangs mit Behinderung für Deutschland. Darüber hinaus leistet sie auch einen wichtigen Beitrag zur Historisierung der in Deutschland sich etablierenden Disability Studies im Sinne einer ›Disability History‹.«
Werner Schneider, Soziologische Revue, 36 (2013)
»Die künftige Forschung zur Geschichte von Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik wird an Elsbeth Bösls Pionierstudie nicht vorbeikommen.«
Hans-Walter Schmuhl, H-Soz-u-Kult, 07.01.2011
»Disability policy has [...] come to encompass equality or civil rights policies as well as social welfare and rehabilitation policies. It is the accomplishment of this book to have shown how these developments took place.«
Carol Poore, H-Disability, 14.05.2010
»[Das Buch eignet sich] für eine breite Zielgruppe und ist, neben behindertenpolitischen Interessenvertretungen, allen mit einem Interesse an Zeitgeschichte, Behindertenpädagogik, Disability Studies und Dis/ability History mit Nachdruck zu empfehlen.«
Benjamin Haas, www.socialnet.de, 21.04.2010
»Bösl liefert [...] nicht nur einen zeitgeschichtlich wertvollen Beitrag, sondern schließt an aktuelle Debatten zum Diversity Management an, welche oftmals den kritischen Blick auf sozial konstruierte Kategorien und Normalisierungs-/Normierungsdiskurse vermissen lassen.«
Zeitschrift für Politikwissenschaft, 16.03.2010

Geschichtswissenschaft, Disability Studies, Kulturwissenschaft, Sozialstaatsforschung

Print 29,80 €

12/2009, 406 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-1267-7

Artikel-Nr.: 1267

-1267-7: Bösl, Politiken der Normal.

Zur Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland

 

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07/2015, 406 Seiten
ISBN 978-3-8394-1267-1

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