Autoreninterview

... mit Henrike Schmidt

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Ich kenne keine Bücher, die die Welt nicht braucht. Zumal in Kunst und Literatur ist doch das... >>>
... mit Henrike Schmidt

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Ich kenne keine Bücher, die die Welt nicht braucht. Zumal in Kunst und Literatur ist doch das Überflüssige oft das Interessante. Für das Internet mit seiner exzessiven, ungesteuerten Kulturproduktion gilt das besonders, ungeachtet aller Müllhalden-Metaphorik. Mein Buch über die russische Literatur im Internet eröffnet Einblicke gerade auch in solche scheinbar nutzlosen Phänomene wie digitale Hobby-Bibliotheken und Laien-Literatur-Portale, Online-Slang und Spam-Poesie. Und erklärt, welche ästhetische, aber auch gesellschaftspolitische Bedeutung ihnen zukommt. Wenn etwa Präsident Medwedjew seine Modernität durch Kenntnis des populären Slangs der virtuellen ›Nichtsnutze‹ (padonki) beweist.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Literatur im Internet wurde bisher primär aus der Perspektive des Hypertexts betrachtet, als Inbegriff non-linearen Erzählens. Dem frühen Hypertext-Hype der 1990er Jahre folgte schnell Desillusionierung angesichts fehlender ›Meisterwerke‹. Der Blick auf das russische Internet (RuNet) zeigt, dass sich literarische Kreativität hier weniger im genialen Einzelwerk manifestiert, als vielmehr in den massenhaften Literaturphänomenen, der kollektiven Sprachschöpfung. Daher nehme ich, unterstützt durch die Volkskundlerin Dagmar Burkhart, die russische Netzliteratur aus der Perspektive der Folklorekunde in den Blick. Kurz: Digitale Vormoderne statt Postmoderne.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Mein Buch stellt die erste kompakte Studie zu Geschichte, Soziologie und Ästhetik der russischen Literatur im Internet dar und ich sehe sie als einen Beitrag zur Lokalisierung des Medientheoriebetriebs, der nach Meinung Geert Lovinks noch ›prä-1989‹ ist und seine ›post-koloniale Periode noch vor sich hat‹. Das globale Medium muss eben auch lokal interpretiert werden. So entfaltet sich etwa die Praxis des digitalen Selbstverlags in Russland vor dem historischen Hintergrund des dissidentischen Samizdat der Sowjet-Ära.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit dem russischen Folklorekundler Aleksandr Afanas'ev, der im 19. Jahrhundert Werke der Folklore sammelte, erforschte und publizierte. Er gab unter anderem eine Sammlung erotischer Märchen heraus, die zu seinen Lebzeiten zensiert wurde und in Russland erstmals in der Perestroika erscheinen konnte. Afanas'ev hätte sicher seine Freude an der kreativen, dabei oftmals obszönen Sprachkultur und Literaturproduktion des russischen Internet.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Digitale Märchen und obszöne Folklore, patriotische Medienelite und kreative Blog-Propaganda – die im Buch porträtierten Phänomene und Protagonisten des russischen Internets stellen über provokante Paradoxa das etablierte Verständnis von Literatur und Neuen Medien in Frage. <<<


Henrike Schmidt

Russische Literatur im Internet

Zwischen digitaler Folklore und politischer Propaganda

Graphomanische Laienkultur und Renaissance klassischer Regelpoetik, obszöne Gegenkultur und politisches Guerilla-Marketing – das widersprüchliche Kolorit der russischen Literatur im Internet verdankt sich dem historischen Kontext der Digitalisierung Russlands. In paradoxalen Wellenbewegungen konstituiert sich das russische Internet als autonomer Raum und marginales Experimentierfeld, als strategische Ressource im Kampf um die mediale Elite und die unterhaltungslustigen Massen.
Henrike Schmidt eröffnet Einblicke in einen faszinierenden Kulturraum und diskutiert am russischen Spezialfall allgemeine Probleme der digitalen und vernetzten Literatur (Autorschaft, Fiktionalität, Medienwechsel).


 

Henrike Schmidt (Dr. phil.) ist als Slavistin wissenschaftlich und übersetzerisch tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Russische und Bulgarische Literatur des 19. bis 21. Jahrhunderts sowie Literatur und Medien.

»[Das Buch] ist eine wahre Fundgrube an Internetkultur und bietet einen hochinteressatnen Einblick gerade in die frühe RuNet-Literatur, die heute schon wieder in Vergessenheit gerät.«
Gernot Howanitz, Zeitschrift für Slavische Philologie, 70/2 (2014)
»Schmidts Buch [beeindruckt] einerseits durch seine Materialfülle, andererseits durch die Art und Weise der Systematisierung des Materials. Zudem hat der Band einen (literar-)historischen Wert, der in der Dokumentierung eines Zustandes liegt, der bereits heute nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar ist.«
Doris Boden, Fabula, 54/1-2 (2013)
»Es handelt sich hier um eine einzigartige Dokumentation, die freilich bei der Schnellebigkeit des Gegenstands in vielen Details bereits überholt sein mag, die aber der Literaturwissenschaft einen neuen Raum erschließt, um auf dem laufenden zu bleiben.«
Klaus Steinke, Informationsmittel IFB, 5 (2012)
Besprochen in:

New Literary Observer, 118 (2012), Aleksander Markov

Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Osteuropakunde

Print 43,80 €

04/2011, 738 Seiten, kart., zahlr. z.T. farb. Abb.
ISBN 978-3-8376-1738-2

Artikel-Nr.: 1738

-1738-2: Schmidt, Russische Literatur im Internet

Zwischen digitaler Folklore und politischer Propaganda

 

Lieferzeit in der Regel 3-5 Werktage

 
 
 

E-Book 42,99 €

PDF-Download, 8,14 MB
03/2014, 738 Seiten
ISBN 978-3-8394-1738-6

Preise inkl. gesetzlicher MwSt.*

Weitere Titel zum Thema

Internet, Literatur

Weitere Titel aus der Reihe

Lettre