Interview

... mit Angela Jannelli

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Amateurmuseen sind in der Museologie ein kaum beachteter Forschungsgegenstand und werden als... >>>
... mit Angela Jannelli

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Amateurmuseen sind in der Museologie ein kaum beachteter Forschungsgegenstand und werden als zugerümpelte, von hoffnungslosen Nostalgikern betriebene Räume der Gegenwartsflucht abgetan. Diese Haltung hat mich immer erstaunt, werden doch ca. 50% aller Museen von Amateuren betrieben. Was aber motiviert all diese Leute? Was ist so attraktiv am Museum? Unter einer solchen Fragestellung, die den Fokus auf das Museummachen als populäre kulturelle Praxis legt, wurden Amateurmuseen noch nie betrachtet.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
In meiner Arbeit habe ich Claude Lévi-Strauss' Theorie des ›wilden Denkens‹ auf die Museumswelt angewandt: Indem ich Amateurmuseen als ›wilde Museen‹ – also als nicht-wissenschaftliche aber der Wissenschaft gleichberechtigte Formen der Welterklärung – betrachtet habe, war es möglich, das Amateurmuseum als eigenständige kulturelle Äußerungsform zu begreifen und nicht lediglich als ›stammelnde Vorstufe‹ des wissenschaftlichen Museums abzutun. Das ›wilde Museum‹ wird so als wirkungsmächtiger symbolischer Handlungsraum sichtbar, die dem Sammeln und (An-)Ordnen innewohnenden sinn- und identitätsstiftenden Qualitäten treten deutlich hervor. Das (Amateur-)Museum zeigt sich als Raum, in dem es im buchstäblichen wie auch im übertragenen Sinn darum geht, die Dinge in Ordnung zu bringen. Die mündliche Überlieferung spielt dabei eine wichtige Rolle, werden ›die Dinge‹ doch vorwiegend in Führungen interpretiert und nicht durch Ausstellungstexte. Trotz ihrer Dingfixiertheit zeigen sich die Amateurmuseen damit als Orte der Oralität, als typische ›milieux narratifs‹ der Spätmoderne.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Für meine Untersuchung des Amateurmuseums als populäre kulturelle Praxis habe ich Forschungen aus den Bereichen Gedächtnis und Erinnerung, materielle Kultur und Narratologie, Raumsoziologie und Performanztheorie miteinander verwoben. Auf diese Weise war ein neuer Blick auf das Amateurmuseum möglich, ein Blick, der sich jenseits der Musealisierungstheorie der 1980/90er Jahre – die den Museumsboom als ein die Unsicherheiten des Fortschritts kompensierendes Phänomen interpretierte – und den Forderungen der New Museology nach einer stärkeren gesellschaftlichen Relevanz und der Integration von Laien in die Museumsarbeit bewegt. Durch meine Untersuchung konnte ich Antworten auf die Frage finden, welchen persönlichen und gesellschaftlichen ›Mehrwert‹ das Museummachen bietet. Für professionelle Museumsmacher liegt ein praktischer Nutzen meiner Arbeit darin, die häufig in der Zusammenarbeit mit Laien entstehenden Konflikte zu vermeiden, da sie für die oftmals grundverschiedenen Erwartungen der ›wissenschaftlichen‹ und der ›wilden‹ Museumsmacher sensibilisiert.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit Claude Lévi-Strauss. Ich wüsste zu gerne, wie er die Anwendung seiner Theorie des ›wilden Denkens‹ auf die Museumswelt findet. Außerdem mit der Museologin Sharon Macdonald, die sich in jüngster Zeit auch mit der Bedeutung der Oralität in Museen auseinandersetzt.

5. Ihr Buch in einem Satz:
In meinem Buch geht es darum, warum das Medium Museum von so vielen Menschen genutzt wird und welche tiefen Bedürfnisse das Museummachen befriedigt. <<<


Angela Jannelli

Wilde Museen

Zur Museologie des Amateurmuseums

In den letzten Jahrzehnten sind im Zuge des Museumsbooms auch zahlreiche von Amateuren betriebene Museen entstanden. Was aber motiviert sie dazu? Was ist so attraktiv am Sammeln und Ausstellen?
Inspiriert von Claude Lévi-Strauss' Theorie des »wilden Denkens« hat Angela Jannelli eine Feldforschung in drei Amateurmuseen durchgeführt und dort erstmalig das Sammeln und Ausstellen als kulturelle Praxis untersucht.
Die so gewonnenen Einsichten werfen nicht nur ein neues Licht auf die Bedeutung von Dingen und den musealen Umgang mit ihnen, sondern auch auf das Museum als Wissensort und symbolischen Handlungsraum.
Für professionelle Museumsmacher bietet die Studie darüber hinaus wertvolle Anregungen für die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen oder die Realisierung partizipativer Projekte.


 
Autorenbild Jannelli, Angela

Angela Jannelli (Dr. phil.), Volkskundlerin und Museologin, realisiert im »historischen museum frankfurt« die Dauerausstellung »Frankfurt Jetzt!« und ist als Dozentin für Museologie tätig.

Homepage:
Angela Jannelli: www.historisches-museum.frankfurt.de
Angela Jannelli: www.jannelli.de

»Die vorliegende Publikation ist ein anregendes Fachbuch, das gerade in Zeiten der Professionalisierung von Museen überzeugend zeigt, dass in der Museologie ein ähnlicher Paradigmenwechsel erfolgen muss, wie ihn die Ethnologie mit Levi-Strauss schon vor über fünfzig Jahren vollzogen hat.«
Esther Gajek, Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2014
»Angela Jannelli [gelingt es], die Charakteristika der Amateurmuseen, das eigenwillige Vorgehen und die besondere Leistung der nichtkanonischen Museumsmacher zu beschreiben.
Darüber hinaus werden mit dieser Veröffentlichung professionellen Museumsmachern wichtige Anregungen für die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Helfern geboten.«
Mitteilungen, 46/2 (2013)
»[Die] Studie bietet nicht nur einer wissenschaftlichen sondern auch breiteren Leser/innenschaften einen Einstieg zu einem Thema, das durch Jannelli in der Riege aktueller Museumsanalysen einen eigenen Platz einnimmt. Gleichzeitig liefert sie gerade mit ihrem Forschungsdesign und ihrer Herangehensweise einen wichtigen methodologischen Beitrag für die Museumsanalyse sowie für das Vielnamensfach Volkskunde, Europäische Ethnologie, Kulturanthropologie, Empirische Kulturwissenschaft.«
Natalie Bayer, H-Soz-u-Kult, 13.02.2014
»Für professionelle MuseumsmitarbeiterInnen bietet die Studie Anregungen im Umgang mit dem eigenen Sammlungsbestand und in Bezug auf die vielfach erwünschte Partizipation.« Form Geschichtskultur Ruhr, 1 (2013)
Besprochen in:
Mitteilungsblatt, 8 (2012)
Mitteilungen, 43 (2012)
Das Archiv, 4 (2014), Tanja Neumann

Kulturwissenschaft, Museologie, Volkskunde, Ethnologie, Geschichte, Pädagogik

Print 33,80 €

05/2012, 390 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-1985-0

Artikel-Nr.: 1985

-1985-0: Jannelli, Wilde Museen

Zur Museologie des Amateurmuseums

 

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E-Book 32,99 €

PDF-Download, 2,36 MB
03/2014, 390 Seiten
ISBN 978-3-8394-1985-4

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