Autoreninterview

... mit Eva Kreissl

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Ich verkneife mir die Gegenfrage, ob die Welt tatsächlich Bücher braucht. Doch gewiss ist,... >>>
... mit Eva Kreissl

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Ich verkneife mir die Gegenfrage, ob die Welt tatsächlich Bücher braucht. Doch gewiss ist, dass Bücher die Welt brauchen, zumindest jenen winzigen Teil der Welt, der mittels Lesen kommuniziert.
Diesem aber mag es guttun, einen kritischen Blick auf die Folgen von Büchern zu werfen, die die Welt zu brauchen glaubt. Denn wichtige Bücher schreiben in der Regel eine Sicht auf die Welt fest. Doch viele Menschen lesen die Welt anders als es wichtige Bücher tun. Darüber nachzudenken, möchte dieses Buch anregen.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Aberglaube ist das andere Wissen, oft genug widerlegt und doch hartnäckig verankert in einem Alltagswissen, das die Welt in unumschränkter Bezüglichkeit deutet. Wo immer Medizin, Technik, Naturwissenschaften und Religion versagen, suchen Menschen Zuflucht zu einer Weltsicht, die keinen Zufall kennt. Das Buch beleuchtet Aberglauben als Strategie der Weltaneignung, die den Menschen nicht als Maß aller Dinge sieht, sondern als Teil einer Ordnung, die er beeinflussen, aber nicht beherrschen kann.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Jahrzehntelang galt Aberglaube als von mythologisierenden Kulturwissenschaftlern kontaminiertes Terrain, so dass sich nur wenige moderne Fachvertreter an das Thema wagten. Auch in den Nachbardisziplinen galt Aberglaube eher als ein Kuriosum. Seit sich herausgestellt hat, dass rationale Ordnungen die Welt nicht säkularisiert haben, sich im Gegenteil Sinnsuchende aus einem üppigen Buffet an spirituellen Angeboten in synkretistischer Manier bedienen, ist es an der Zeit, die Frage nach der Bedeutung des Aberglaubens neu zu stellen.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit allen, die erkannt haben, dass die großen Wissenssysteme alleine unsere Welt weder erklären können noch erträglicher machen – aber auch mit allen rationalistischen Hardlinern, deren Deutungsphantasie beim Placebo endet.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Das Buch greift Traditionslinien des Aberglaubens auf und liest sie aus heutiger Sicht neu als kulturelle Überlebensstrategie zwischen Religion und Aufklärung. <<<


Eva Kreissl (Hg.)

Kulturtechnik Aberglaube

Zwischen Aufklärung und Spiritualität. Strategien zur Rationalisierung des Zufalls

Wahrheit wird immer wieder neu konstruiert – und damit auch, was nicht dazugehört. Was nicht den jeweils aktuellen, allgemein akzeptierten oder hegemonial durchgesetzten Deutungsweisen der Realität entspricht, gilt als falsches Wissen oder falscher Glaube. Aberglaube definiert sich also nicht selbst. Er wird durch Diskurse bestimmt, die den Abstand zu ihm suchen und ihn als irrational oder kurios einstufen.
Die Beiträge in diesem Band zeigen: Die Praktiken des Aberglaubens lassen sich neu lesen als in sich logische Vorstufen moderner Popularmagie – aber auch als Symptome einer defizitären Aufklärung. In transdisziplinär angelegtem Bogen nähern sie sich den historischen und gegenwärtigen Strategien einer der größten Ängste des Menschen: der Angst vor dem Zufall.


 
Autorenbild Kreissl, Eva;(Hg.)

Eva Kreissl (Dr. phil.) ist Kuratorin am Universalmuseum Joanneum in Graz. Ihre Ausstellungen umkreisen seit vielen Jahren die kulturwissenschaftliche Neudeutung tradierter Kulturmuster.

Homepage:
museum-joanneum.at/de/volkskundemuseum

»Ein vorbildliches Beispiel gegenseitiger Befruchtung von Wissenschaft, Forschung und Museum. Wer sich zukünftig mit superstitiösen Phänomenen beschäftigt, kommt an ›Kulturtechnik Aberglaube‹ nicht vorbei.«
Stephanie Böß, Zeitschrift für Volkskunde, 2 (2015)
Besprochen in:

GMK-Newsletter, 11 (2013)
ROTWEISSROT, 4 (2013), Hanna Ronzheimer
http://austria-forum.org
Begegnungszentrum für aktive Gewaltlosigkeit, 150. Rundbrief 38/1 (2014)
Die Furche, 09.10.2014
Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde, (2015), Nils Freytag

Kulturwissenschaften, Volkskunde, Kulturanthropologie, Geschichte, Religionswissenschaften, Literaturwissenschaft, Museologie

Print 29,90 €

08/2013, 584 Seiten, kart., zahlr. Abb.
ISBN 978-3-8376-2110-5

Artikel-Nr.: 2110

-2110-5: Kreissl (Hg.), Kulturtechnik

Zwischen Aufklärung und Spiritualität. Strategien zur Rationalisierung des Zufalls

 

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PDF-Download, 11,71 MB
03/2014, 584 Seiten
ISBN 978-3-8394-2110-9

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