Interview

... mit Julia Herzberg

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Weil es Vergnügen bereitet, das Buch zu lesen. Es führt Sie als Leser nicht nur in die... >>>
... mit Julia Herzberg

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Weil es Vergnügen bereitet, das Buch zu lesen. Es führt Sie als Leser nicht nur in die rasant sich wandelnde Welt bäuerlichen Lebens im ausgehenden Zarenreich, sondern zeigt auch, dass die Art und Weise wie wir über unser Leben sprechen, davon geprägt ist, wem wir unsere Geschichte erzählen und bei wem wir Gehör finden wollen. Autobiographien und Tagebücher sind keine Monologe, sondern sie sind Dialoge zwischen Autoren, Adressaten, Lesern und Sammlern, an denen wir bis heute teilhaben können.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Mein Buch zeigt an bisher weitgehend übersehenen Quellen, wie groß die Aufmerksamkeit für vermeintlich ›authentische‹ Lebensgeschichten der unteren Schichten schon nach der Bauernbefreiung 1861 war. Dieses Interesse setzte entgegen der bisherigen Forschung nicht erst in der Sowjetunion ein. Publizisten, Wissenschaftler und Leser sahen in bäuerlicher Autobiographik Zeugnisse, mit denen sich ihre Sicht auf das Zarenreich belegen ließ. Bauern hingegen erkannten, dass sie in und mit ihren Lebensgeschichten Anspruch auf Mitsprache anmelden konnten.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Orte und Praktiken der Überlieferung sind der blinde Fleck der Autobiographieforschung. Ich möchte dazu anregen, Archivierung und autobiographisches Schreiben zusammen zu denken. Der Kreis derer, die durch Autobiographik handeln, geht über die Autoren hinaus. Sowohl das Schreiben als auch das Sammeln dieser Texte war ein Mittel, in Beziehungen zu treten und Einfluss zu erlangen. Die archivarischen Praktiken schreiben so an der Geschichte mit, die erzählt werden kann: Sie zeigen, wem zu welchem Zeitpunkt eine Stimme zugetraut wird und wann diese Stimme als bewahrenswert gilt.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit Ihnen!

5. Ihr Buch in einem Satz:
Schreiben in Zeiten des Umbruchs: Sozialer Wandel, Zukunftshoffnungen und gesellschaftliche Gegenentwürfe in autobiographischen Texten russischer Bauern zwischen Zarenreich und Sowjetunion. <<<


Julia Herzberg

Gegenarchive

Bäuerliche Autobiographik zwischen Zarenreich und Sowjetunion

Gewalttätig, naiv und stumm – nach der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 galt diese Charakterisierung des russischen Bauern nicht mehr. Der Bauer wurde zum Symbol für eine in Bewegung geratene Gesellschaft. In Autobiographien und Tagebüchern erzählten Bauern ihre Leben als Sklaven, Autodidakten oder religiös Erweckte und eroberten eine Leserschaft, die in diesen Texten neben dem vermeintlich ›echten‹ Bauern auch alternative Gesellschaftsentwürfe fand. Julia Herzberg analysiert Entstehungssituationen, Publikation und Überlieferung dieser einzigartigen Quellen bis zur Kollektivierung der 1930er Jahre, die mit der bäuerlichen Autonomie auch das Erzählen über das eigene Leben erstickte.


 
Autorenbild Herzberg, Julia

Julia Herzberg (Dr. phil.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Rachel Carson Center der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die populare Autobiographik sowie die Wissenschafts- und Umweltgeschichte des Zarenreichs und der Sowjetunion.

Homepage:
Julia Herzberg: www.carsoncenter.uni-muenchen.de

»Besonders interessant, tiefschürfend und subtil ist [...] Herzbergs vergleichende Analyse der Wissenschaftstraditionen von Historikern und anderen, die sich in den letzten anderthalb Jahrhunderten in Russland und Deutschland mit Bauernautobiographik befasst haben.«
Wim van Meurs, Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 64 (2016)
»Eine vorzügliche, anregende und gut geschriebene Studie, die einen Einblick in eine zumeist unbekannte Welt bietet und über den Umgang mit bäuerlicher Autobiographik insgesamt nachdenken lässt.«
Holger Böning, Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte (2014)
»In jeder Hinsicht ist dieses Buch beeindruckend. Angefangen von der Fülle neu gehobener bäuerlicher autobiographischer Materialien hin zur Anfechtung klassischer Lesarten bäuerlicher Lebensweisen bis zur profunden Neubewertung autobiographischen Schreibens im Allgemeinen. Julia Herzbergs Dissertation [...] wird hoffentlich zur Standardlektüre all derjenigen werden, die sich für das interessieren, was gemeinhin Ego-Dokumente genannt wird.« Alexandra Oberländer, Neue Politische Literatur, 58 (2013)
»Julia Herzberg hat ein intellektuell wie sprachlich äußerst anregendes Buch geschrieben, das sowohl für die osteuropäische Geschichte wie auch für die Autobiographieforschung neue Perspektiven eröffnet.«
Hans-Christian Petersen, H-Soz-u-Kult, 11.11.2013
»Ein Buch [...], das auch jenseits der Disziplin der Osteuropäischen Geschichte Maßstäbe setzen dürfte.«
Katja Bruisch, www.sehepunkte.de, 13/7-8 (2013)

Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Slawistik, Soziologie

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03/2013, 496 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-2136-5

Artikel-Nr.: 2136

-2136-5: Herzberg, Gegenarchive

Bäuerliche Autobiographik zwischen Zarenreich und Sowjetunion

 

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03/2014, 496 Seiten
ISBN 978-3-8394-2136-9

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