Autoreninterview

... mit Christina M. Heinen

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Die Ethnografie verknüpft individuelle Erfahrungsberichte von Neuköllner Musikern... >>>
... mit Christina M. Heinen

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Die Ethnografie verknüpft individuelle Erfahrungsberichte von Neuköllner Musikern mit einer Analyse von Konzerten und Kulturevents und bettet diese in einen theoretischen Kontext ein. So liefert sie Erkenntnisse über die Konstruktion geografischer und sozialer Grenzen und deren Wechselwirkung mit künstlerischen Produktionsweisen. Urbane Transformationsprozesse werden anhand von auf musikalischen Praktiken basierenden Raumeroberungen und Ausgrenzungen neu beleuchtet.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Das Buch beantwortet Appadurais Frage ›Was bedeutet Örtlichkeit als gelebte Erfahrung innerhalb einer globalisierten, enträumlichten Welt?‹ im Hinblick auf die Situation der Musiker in Neukölln. Anhand einer Neuköllner Fluxus-Performance wird die Aufhebung von Raum und Zeit durch Radiosounds deutlich gemacht. Auch Empfindungen, die einen Sound begleiten, sind von den Musikern selten klar lokalisierbar oder liegen in virtuellen Vorstellungsräumen. Dennoch wird in den Interviews als auch in der Analyse der produzierten Klänge deutlich, wie wichtig die zumindest temporäre Verortung im Kiez selbst für die Musiker ist, die sich und ihre Kunst eher in einem globalen Raum positionieren.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
In Bezug auf urbane Transformationsprozesse wurde ›Gentrifizierung‹ auch in Neukölln zu einem medialen Kampfbegriff. Als Musikethnologin untersuche ich primär Kunstpraktiken, die jedoch nicht unabhängig von Mediascapes bestehen. Mein Buch zeigt, wie städtische Institutionen ebenso wie die mediale Berichterstattung die Selbstverortung der Musiker beeinflussen und die Entstehung neuer Musikräume in Neukölln befördern. Gesellschaftliche Transformationsprozesse werden so in ihrer Wechselwirkung mit künstlerischen Praktiken beleuchtet.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Die Frage, ob ein vermeintlicher Laborcharakter eines Kiezes auch die experimentellen Merkmale von Musikgenres generiert, kann ich nicht abschließend beantworten. Deshalb würde ich mich gern mit Anthropologen austauschen, die das Phänomen ›Improvisation‹ über längere Zeit in diversen urbanen Kontexten untersuchen. Außerdem interessiert mich die Sichtweise von Noise-Forschern auf Tendenzen der Ausgrenzung spezifischer akustischer und musikalischer Phänomene.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Ethnologen, Stadtplaner und Musiker sind gleichermaßen an der sozialen Produktion und Transformation städtischer Räume im Sinne Lefèbvres beteiligt – auch an der Produktion akustischer Räume. <<<


Christina M. Heinen

»Tief in Neukölln«

Soundkulturen zwischen Improvisation und Gentrifizierung in einem Berliner Bezirk

Stadträume werden für und durch Musik erobert und transformiert. Dieser Band bietet Erkenntnisse über die symbolischen Konstruktionen von sowohl sozialen als auch geographischen Grenzen im Berliner Stadtteil Neukölln. In mehr als 60 Interviews mit Musikern, Soundkünstlern und Akteuren städtischer Institutionen wird nach der lokalen Verortung ästhetisch-klanglicher Phänomene gefragt. Medial vermittelte Vorstellungen über Neukölln und institutionelle Rahmenbedingungen erweisen sich dabei als konstitutiv für die Lebenswelten der kreativen Newcomer und deren ästhetische Ideen. Daneben veranschaulichen imaginierte, virtuelle Musikräume eine globale Mobilität von elektronischen Soundkulturen im Kiez. Die Studie greift zudem stadtsoziologische Fragen nach dem Zusammenhang von improvisierter Musik und städtischen Verdrängungsprozessen auf.


 
Autorenbild Heinen, Christina M.

Christina M. Heinen (Dr. phil.) ist Musikethnologin sowie Künstlerin.

Homepage:
Christina M. Heinen: www.coconut-farm.org

»Das Buch [leistet] einen wichtigen Schritt zur Erforschung der akustischen Seite urbanen Wandels. Indem es Musiker ausführlich zu Wort kommen lässt, legt es nahe, dass Soundscapes ebenso Teil urbaner Wirklichkeit sind wie demografische Fakten.«
Anja Schwanhäusser, Zeitschrift für Volkskunde, 2 (2014)
»Wer lernen möchte, wie sehr konkrete Örtlichkeit als gelebte Erfahrung innerhalb der globalisierten, enträumlichten Welt notwendig ist, um kulturellen Fortschritt im Allgemeinen und musikalische Avantgarde im Konkreten zu ermöglichen, findet hier den Schlüssel.«
Ulrich Grunert, Melodie & Rhythmus, 9/10 (2013)
Besprochen in:

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde, (2016), Klaus Näumann

Musik-, Stadt- und Raumsoziologie, Kulturwissenschaften, Musikwissenschaften und -ethnologie, Sound Studies sowie die interessierte Öffentlichkeit und die Institutionen der Berliner Kreativ- und Kulturwirtschaft

Print 33,80 €

05/2013, 350 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-2321-5

Artikel-Nr.: 2321

-2321-5: Heinen, »Tief in Neukölln«

Soundkulturen zwischen Improvisation und Gentrifizierung in einem Berliner Bezirk

 

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E-Book 32,99 €

PDF-Download, 4,29 MB
03/2014, 350 Seiten
ISBN 978-3-8394-2321-9

Preise inkl. gesetzlicher MwSt.*

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