Autoreninterview

... mit Imcke Schmincke und Jasmin Siri (Oktober 2013)

1. Der laufende Strafprozess gegen Beate Zschäpe und andere, der NSU-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags und journalistische Recherchen haben bereits... >>>
... mit Imcke Schmincke und Jasmin Siri (Oktober 2013)

1. Der laufende Strafprozess gegen Beate Zschäpe und andere, der NSU-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags und journalistische Recherchen haben bereits vieles, wenn auch wohl längst nicht alles über die Morde des NSU aufgeklärt. Was können wissenschaftliche Analysen zur Aufarbeitung des Rechtsterrorismus der NSU beitragen, wie sie nun neben einigen publizistischen und literarischen Beiträgen in dem von Ihnen herausgegebenen Band vorliegen?
Die wissenschaftliche Perspektive geht insofern über die Ebene des scheinbar Faktischen hinaus, als sie versucht Ereignisse zu kontextualisieren. Es geht ihr darum, soziale Wirklichkeit zu beschreiben, zu deuten und auch zu erklären. In Bezug auf die Morde des NSU bedeutet das, genauer zu analysieren, welche Rolle Rechtsterrorismus und Rassismus in der Gesellschaft spielen. Daher gibt es in unserem Band Beiträge, die Kontinuitäten zu rechtsterroristischen Anschlägen herausarbeiten wie bspw. der Text von Fabian Virchow. Darüber hinaus beschäftigen sich verschiedene Beiträge (Falter, Fuhrmann/Hünemann) kritisch mit dem Extremismuskonzept, das vielerorts die Debatten bestimmt, für die Analyse des Rechtsterrorismus jedoch wenig hilfreich ist und die Problematik fälschlich an den gesellschaftlichen ›Rand‹ verschiebt. Die Alltäglichkeit von Rassismus, der ja auch teilweise die mediale Debatte grundiert, ist beispielsweise Thema der Beiträge von Ayata und Bojadzijev. Ein kritischer Blick auf die mediale Konstruktion von Wirklichkeit ist ebenfalls etwas, was der Sammelband zu leisten versucht. Hier wären die Texte von Köttig, der es um die Funktion von Genderstereotypen geht, und Lessenich zu nennen, der den Fokus darauf legt, wie in der Darstellung eines ›braunen Ostens‹ eine deutsch-deutsche Problematik verhandelt wird.

Der öffentliche Diskurs über die NSU-Morde begann mit der unseligen Verkennung als ›Döner-Morde‹ und setzte sich dann als ein merkwürdiges ›Erstaunen‹ fort. Hat der mediale und politische Diskurs nunmehr ein geringeres Ausmaß an Verkennung und Verdrängung erreicht?
Viele soziologische Theorien gehen davon aus, dass Realität nicht einfach ›da ist‹, sondern sozial konstruiert wird. Dies kann man auch am Fall der NSU-Morde sehr gut beobachten. In den Ermittlungen wie in der Berichterstattung sind von vielen geteilte ›Wahrheiten‹ und (oft rassistisches) ›Common-Sense‹-Wissen zum Einsatz gekommen. Wenn ein ›Ausländer‹ stirbt, ist es wahrscheinlich Bandenkriminalität, wäre so eine ›Wahrheit‹. ›In Deutschland gibt es keinen rechten Terror‹ wäre eine andere. Gerade letzteres scheinen viele Menschen auch wider besseres Wissen der Experten und Expertinnen und selbstverständlich auch gegen die Erfahrung der Shoah ›gewusst‹ zu haben. Aus der psychoanalytischen Perspektive könnte man dies sicher als einen Akt kollektiver Verdrängung bezeichnen. So kann man auch die merkwürdige Tatsache erklären, dass rechte Gewalt ganz anders als z.B islamistischer Terrorismus, in Deutschland fast nie als Gewalt von größeren Gruppen gedacht wird. Auch der NSU wird noch immer häufig als ›Dreiergruppe‹ beschrieben, obwohl man bereits länger weiß, dass eher ein großes Netzwerk hinter den Taten steht. Das alles ist rational betrachtet unlogisch, weil rechter Terror sich durch die Geschichte der BRD zieht und es ja sogar starke Verbindungen mit Institutionen wie dem Verfassungsschutz gibt. Es ist paradox. Einerseits werden in diesem Land viele Reden über die Gräuel des Nationalsozialismus und die Erfahrung der Shoah gehalten, andererseits führte die stereotypisierend-rassistische Betrachtung von ermordeten ›Ausländern‹ dazu, dass die Erkenntnisse von Fallanalytikern/-innen, die schon früh auf die Wahrscheinlichkeit rechter Täter/-innen hingewiesen hatten, systematisch ignoriert wurden.
Und so zog sich, als die NSU-Morde bekannt wurden bzw. bekannt wurde, dass Rechtsterroristen/-innen sie verübt hatten, in der Tat eine Welle recht naiver Erstaunensbekundungen durch Medien und Öffentlichkeit. Diese Naivität ist heute in Bezug auf den Rechtsterror des NSU dank der guten Arbeit von Dokumentationsarchiven und Journalisten/-innen wohl nicht mehr möglich. Wir werden daher über Prozesse der Verdrängung und der Exkulpation durch den Prozess und die journalistische Beobachtung des Prozesses sicher noch viel lernen, wenn auch die Bereitschaft in Deutschland, den Verfassungsschutz oder andere Behörden zu kritisieren oder gar Konsequenzen aus seinem Versagen zu fordern, sehr gering ist. Die Scheuklappen scheinen hinsichtlich notwendiger Konsequenzen bei systematisch versagenden Institutionen dann doch wieder gut zu sitzen.

Rassismus zeigte sich nicht nur in den Taten des NSU und in den medialen Berichterstattungen, sondern auch in den Ermittlungen der Polizei und den Vertuschungen der Sicherheitsbehörden. Der Rassismus reicht damit weit über die offen rechtsextremen Milieus hinaus und schlägt sich offenbar mal mehr, mal weniger bewusst in den alltäglichen Handlungspraxen vieler ›normaler‹ Menschen nieder, die sich wohl mehrheitlich selbst nicht für rassistisch halten. Wie erklärt sich das? Und ist dagegen ›kein Kraut gewachsen‹?
Die Hartnäckigkeit, mit der sich rassistische Einstellungen in allen Schichten der Bevölkerung, sowohl in Alltagsäußerungen wie in offiziellen Verlautbarungen, zeigen und halten, ist immer wieder frappierend. Im Sommer 2012 hat eine repräsentative Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gezeigt, dass 25,1 % der Deutschen ausländerfeindliche Einstellungen und 9 % ein ›geschlossen rechtsextremes Weltbild‹ haben, was seit 2010 einen Anstieg bedeutet (vgl. http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_12/mitte-im-umbruch_www.pdf ).
Wichtig sind auch hier sowohl soziologische wie psychologische Analysen, die die Funktion dieser Haltung aufzeigen und den Alltags-Common Sense immer wieder zu erschüttern versuchen. Offenbar erfüllt die Angst vor dem/der Fremden und die damit einhergehende Aggression eine wichtige Funktion in modernen Gesellschaften, die von Ungleichheiten und Spaltungen durchzogen sind (s. hierzu auch das Interview mit Nassehi im Band). Aber dass gegen diese gleichzeitig antimoderne und irrationale Haltung kein Kraut zu wachsen scheint, hängt auch damit zusammen, dass viele Interessensgruppen Politik mit dem Mobilisieren von Ressentiments machen, und das gilt gewiss nicht nur für rechtsextremistische Gruppierungen. Denken wir nur an die ›das Boot-ist-voll‹-Metapher in der Asylpolitik und die ›Kinder-statt-Inder‹-Kampagne. Es bräuchte daher neben den Analysen auch einen politischen Willen, Menschen nicht nach ihrer Herkunft bzw. der Zuschreibung von Fremdheitsmerkmalen zu klassifizieren, selbst wenn dies Stimmen bringt.

Zum Abschluss möchte ich Sie fragen: Welche Rolle können und sollten die Sozialwissenschaften in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rassismus spielen?
Wir meinen, dass Wissenschaft, insbesondere die Sozialwissenschaften, sich mit aktuellen politischen Ereignissen und Veränderungen beschäftigen sollte. Darüber hinaus denken wir, dass ihr eine kritische Funktion zukommt, dass Wissenschaft Beiträge zu Aufklärung und Möglichkeiten der Veränderung leisten können sollte. Gerade mit Blick auf Verbreitung von Rassismus und die teilweise tödlichen Folgen ist die Wissenschaft gefragt, auf die irrationalen Momente aufmerksam zu machen. Das kann sie auch deshalb, weil es ihr, zumindest in einigen wenigen Nischen, gelingen mag anders als den populären Medien, Analysen zu produzieren, die jenseits einer unmittelbaren Verwertungslogik liegen und damit Selbstverständlichkeiten in Frage stellen und der normativen Macht des Faktischen etwas entgegen setzen können. Aufklärung leisten, im besten Sinne. <<<


Imke Schmincke / Jasmin Siri (Hg.)

NSU-Terror

Ermittlungen am rechten Abgrund. Ereignis, Kontexte, Diskurse

Unter dem Namen »NSU« beging eine rechtsextreme Gruppe über mehrere Jahre Banküberfälle und rassistisch motivierte Morde. Jahrelang wurde die Mordserie auch deshalb nicht gestoppt, weil sich die Ermittlung auf die Opfer selbst richtete. Nach Bekanntwerden des NSU-Terrors reagierte die Öffentlichkeit mit Erstaunen und Entsetzen.
Der Band geht den vielen offenen Fragen zu diesem Ereignis nach. Die wissenschaftlichen, künstlerischen und publizistischen Beiträge widmen sich dem Versagen und Vertuschen der Verfassungsschutzorgane ebenso wie den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die das »Übersehen« rechtsterroristischer Aktivitäten möglich gemacht haben.
Mit Beiträgen u.a. von Ulrich Bielefeld, Herta Däubler-Gmelin, Stephan
Lessenich, Armin Nassehi, Fabian Virchow und Uljana Wolf.


 

Imke Schmincke (Dr. phil.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Jasmin Siri (Dr. phil.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Homepage:
Siri
Schmincke

»Das Buch schafft Raum, um Rassismus und seine Bedeutung für die Genese von Gesellschaft zu diskutieren.«
Lee Hielscher, http://www.kritisch-lesen.de, 06.10.2015
»Dass [...] die wissenschaftlichen Beiträge jedes Abschnitts durch ein Interview ergänzt werden, wirkt erfrischend. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass [...] auch die von der Gewalt der NSU unmittelbar Betroffenen zu Wort kommen.«
Jan Schedler, Portal für Politikwissenschaft, 27.03.2014
»Der eigentliche Mehrwert des Buches zeigt sich vor allem im kritischen Engagement, mit dem sich die Autorinnen und Autoren dem Thema (nein, dem Problem, oder besser: dem Skandal) gewidmet haben. Sie haben mehr kritische Fragen aufgeworfen, als Antworten zu geben.«
Wolfgang Frindte, www.socialnet.de, 03.02.2014
»Die Beiträge bieten sehr unterschiedliche Zugänge und Perspektiven nicht nur zum sogenannten Terrortrio und seinem Umfeld, sondern auch zu den gesellschaftlichen Bedingungen, die dessen Handeln möglich gemacht haben.«
Claudia Krieg/Johannes Spohr, Konkret, 2 (2014)
»Wer sich für die Hintergründe rund um den ›rechten Abgrund‹ interessiert, der und dem sei dieser Sammelband empfohlen.«
Reinhard Pohl, Gegenwind, 304/1 (2014)
»Das Buch [...] vermag es mit seiner grundsätzlichen Problematisierung einem_er die Tür aus dem Elfenbeinturm zu weisen.«
Marty Huber, kulturrisse, 2 (2013)
»Der Sammelband [leistet] einen profunden, vielseitigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit den NSU-Morden, der weit über die bisher geführten Diskussionen hinausgeht und längst notwendige Denkanstöße liefert.«
Judith Goetz, Progress, 5 (2013)
Besprochen in:

Wissenschaft & Frieden, 1 (2014)
www.literaturkritik.de, 3 (2014), Martin Schönemann
Forena-Forum, 1 (2014)

Kultur- und Sozialwissenschaften, Politik- und Rechtswissenschaft sowie die interessierte Öffentlichkeit

Print 22,99 €

10/2013, 224 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-2394-9

Artikel-Nr.: 2394

-2394-9: Schmincke/Siri (Hg.), NSU-Terror

Ermittlungen am rechten Abgrund. Ereignis, Kontexte, Diskurse

 

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E-Book 20,99 €

PDF-Download, 1,60 MB
03/2014, 224 Seiten
ISBN 978-3-8394-2394-3

EPUB-Download, 0,80 MB
03/2014
ISBN 978-3-7328-2394-9

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