Autoreninterview

... mit Ming-huei Lee

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Wir leben in einem Zeitalter der ›Globalisierung‹, in dem sich transkulturelle... >>>
... mit Ming-huei Lee

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Wir leben in einem Zeitalter der ›Globalisierung‹, in dem sich transkulturelle Perspektiven mit zunehmender Insistenz aufdrängen. Im Zentrum des Buches steht der ›konfuzianische Humanismus‹ – ein für abendländische Leser vermutlich zunächst einmal irritierender Terminus. In dessen Klärung besteht der besondere Beitrag des Buches. Es enthält Analysen konfuzianischer Klassiker und vergleichende Forschungen zu Konfuzianismus und abendländischer (vor allem Kant'scher) Philosophie. In diesen zeigt sich der Konfuzianismus als eine Art von ›Humanismus‹, der nicht im Gegensatz zu Religion steht – im Unterschied zum abendländischen Humanismus. Von daher spricht man von der ›Religiosität‹ des Konfuzianismus oder von ›humanistischer Religion‹ und sieht im ›konfuzianischen Humanismus‹ eine transkulturelle Bedeutung, die nicht nur für Sinologen, sondern auch für Philosophen und Religionswissenschaftler von Interesse ist. Darüber hinaus versuche ich deutlich zu machen, inwiefern es der konfuzianischen Tradition gelungen ist, ihre Lebenskraft aufgrund ihrer modernen Selbsttransformation zu bewahren. Wie mein Buch »Der Konfuzianismus im modernen China« (Leipzig 2001), ist auch dieses Buch relevant für einen breiten Kreis von Lesern und Wissenschaftlern, die sich für das moderne Schicksal des Konfuzianismus und für Chinas moderne Entwicklung interessieren.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Das Buch eröffnet eine transkulturelle Perspektive, indem es drei Themen verbindet. Zunächst erweitert es die Bedeutung des ›Humanismus‹, indem es den chinesischen (konfuzianischen) und den abendländischen Humanismus vergleicht. Zweitens führt es den Begriff des ›konfuzianischen Humanismus‹ ein, indem es klassische konfuzianische Texte, insbesondere Lunyü und Mengzi eingehend erörtert. Sodann wird die besondere Bedeutung von Kants Philosophie für die Selbsttransformation des ›Modernen Neukonfuzianismus‹ hervorgehoben. Dabei wird neben der Kant-Rezeption in China die Rekonstruktion thematisiert, die der Neukonfuzianer Mou Zongsan von Kants Philosophie gegeben hat (Kapitel 4). Schließlich wird Kants Begriff der ›moralischen Religion‹ als Punkt der geistigen Begegnung zwischen Kants Religionsphilosophie und ›konfuzianischem Humanismus‹ diskutiert.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Folgende vier Fragen leiten die Diskussion des Buches an:

1. Gibt es einen ›konfuzianischen Humanismus‹? Wenn ja, wie lässt er sich charakterisieren?
2. Welche philosophischen Theorien und Begriffe sind im Rahmen von Wiederbelebung bzw. Selbsttransformation der konfuzianischen Tradition im modernen China besonders einflussreich gewesen?
3. Handelt es sich beim Konfuzianismus um eine Religion oder nicht? Wenn ja, in welchem Sinne?
4. Was bedeutet die Beantwortung dieser Fragen für das Verständnis des Schicksals der konfuzianischen Tradition im modernen China?

Seit dem Beginn direkter Kulturkontakte zwischen China und dem Westen ist vor allem das Verhältnis von Konfuzianismus und Religion ein wichtiges Thema sehr kontroverser Debatten gewesen. In diesem Buch wird Kants Begriff der ›moralischen Religion‹ zum Ausgangspunkt einer erneuten Reflexion dieses Problems gemacht. Kant versteht ›moralische Religion‹ als ›Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft‹. Sein Religionsbegriff führt ihn allerdings in ein Dilemma: Entweder folgt aus dem Postulat der Existenz Gottes eine Relativierung seiner Grundkonzeption moralischer Autonomie, oder aber der absolute Sinn der moralischen Autonomie macht das Postulat von der Existenz Gottes überflüssig. Ich ziehe Kants Begriff der ›moralischen Religion‹ heran, um zunächst die Herausbildung der Vorstellung von ›immanenter Transzendenz‹ im frühen Konfuzianismus und dann deren konzeptionelle Weiterentwicklung im mittelalterlichen Neokonfuzianismus zu erläutern. Darüber hinaus versuche ich jedoch zu zeigen, inwiefern der Konfuzianismus seit Konfuzius' Zeiten sich schrittweise in Richtung einer moralischen Religion entwickelt hat, die das Dilemma vermeiden kann, in das Kants christliche Fassung des Begriffs mündet. In diesem Sinne ist mein Buch vor allem ein transkultureller Beitrag zur Debatte um das Verhältnis von Immanenz und Transzendenz (Stichwort immanente Transzendenz).

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Nicht nur mit Sinologen möchte ich über die in meinem Buch aufgestellten Thesen diskutieren. Als Diskussionspartner wünsche ich mir auch Philosophen, Religionswissenschaftler und andere Sozialwissenschaftler, deren Spezialgebiete zwar nicht direkt mit China zu tun haben, die aber an Humanismus und Religion interessiert sind.

5. Ihr Buch in einem Satz:
In diesem Buch wird durch den Begriff des konfuzianischen Humanismus eine Perspektive eröffnet, die es erlaubt, sich mit der philosophischen Interpretation chinesischer Kultur vertraut zu machen und jenen Prozess der Selbsttransformation besser zu verstehen, den sie im Zuge der chinesischen Modernisierung erfahren hat. <<<


Ming-huei Lee

Konfuzianischer Humanismus

Transkulturelle Kontexte

Ist der Konfuzianismus ein Humanismus? Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts ist er, sowohl im Westen als auch in China, vielfach in diesem Licht betrachtet worden.
Ming-huei Lees Studie unternimmt den Versuch, die Vielfalt und Lebendigkeit der konfuzianischen Tradition in Vergangenheit und Gegenwart aus transkultureller Perspektive zu verdeutlichen. Schwerpunkte bilden dabei die philosophische Interpretation klassischer konfuzianischer Texte und das für den modernen Konfuzianismus höchst folgenreiche Zusammentreffen mit der Philosophie Kants. Neben einem Vergleich des konfuzianischen und des abendländischen Humanismus und einer Analyse des Schicksals des Konfuzianismus im heutigen China werden mit »Lunyü« und »Mengzi« klassische konfuzianische Texte ebenso diskutiert wie die Kant-Rezeption in China.
Ist der Konfuzianismus eine Religion? Ming-huei Lee zeigt, dass der Konfuzianismus eine moralische Religion im Kantischen Sinne ist und dass er – im Unterschied zum neuzeitlichen europäischen Humanismus – als Humanismus mit religiöser Dimension verstanden werden kann.


 

Ming-huei Lee (Dr. phil.) ist Research Fellow an der Academia Sinica, Taipei/Taiwan und lehrt Philosophie an der National Taiwan University, Taipei. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Konfuzianismus und die Philosophie Immanuel Kants.

Homepage:
www.litphil.sinica.edu.tw

»Das flüssig geschriebene Buch verschafft einen auch persönlichen Überblick über die Rezeptionsgeschichte der Kantschen Philosophie in China und vermittelt eingängiges Wissen über die Entwicklung und den Einfluss des deutschen Geisteslebens auf die frühe Republikzeit Chinas [...]. Durch die Lektüre erfährt man den Fortgang der chinesischen Rezeption bis zur Behandlung des chinesischen Marxismus und Liberalismus.«
Andreas Bechtle, huminismus aktuell, 14.05.2015
»Die hier versammelten Aufsätze machen deutlich, wie lebendig der Konfuzianismus im chinesichen Sprachraum bis heute diskutiert wird.«
Gudula Linck, Internationales Asienforum, 1-2 (2014)
»Der west-östliche Religionsdialog bekommt ganz erstaunliche, auch widersprüchliche Konturen trotz und gerade wegen der weiterhin geltenden ›Orthodoxie‹ des Marxismus in China. Dennoch scheinen im Zusammenhang eines umfassenden Humanismus ermutigende Konvergenzen zwischen dem Westen und dem Fernen Osten möglich zu werden. Dass Ming-huei Lee westliche LeserInnen darauf aufmerksam macht, ist der größte Vorzug dieses Buches.«
Reinhard Kirste, Ein-Sichten, 01.12.2013
Besprochen in:

VKRG Inform, 1 (2014)
www.frauenrat-nrw.de, 19.01.2014, Christa Tamara Kaul

Philosophie, Sinologie, Religionswissenschaft

Print 24,80 €

08/2013, 174 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-2515-8

Artikel-Nr.: 2515

-2515-8: Lee, Konfuzianischer Humanismus

Transkulturelle Kontexte

 

Lieferzeit in der Regel 3-5 Werktage

 
 
 

E-Book 21,99 €

PDF-Download, 1,35 MB
03/2014, 174 Seiten
ISBN 978-3-8394-2515-2

Preise inkl. gesetzlicher MwSt.*

Weitere Titel zum Thema

Kultur, Religion, Mensch

Weitere Titel aus der Reihe

Interkultureller Humanismus