Autoreninterview

... mit Dagmar Freist

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Die Beiträge in diesem Buch greifen in historischer Perspektive ein Thema auf, dass die... >>>
... mit Dagmar Freist

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Die Beiträge in diesem Buch greifen in historischer Perspektive ein Thema auf, dass die Menschen heute intensiv beschäftigt und auch beunruhigt. Es geht um Selbstbildungsprozesse und die Reibung mit gesellschaftlichen Erwartungen und Normen, also die Frage nach erfolgreicher Subjektwerdung durch Einpassung oder durch Widerständigkeit und kritische Reflexion. Ein Beispiel: Aktuell zeichnet sich ein Prozess ab, in dem aus der derzeitigen, performativ wiederholten Betonung der technischen Voraussetzungen für ›Selbstoptimierung‹ durch Selbstüberwachung im digitalen Zeitalter eine gesellschaftliche Erwartung und schließlich eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit konstruiert wird, der sich Menschen in ihren sozialen Praktiken anpassen und die sie damit zugleich hervorbringen und bestätigen, oder aber verwerfen. Das Buch befasst sich aus praxistheoretischer Perspektive mit diesem Zusammenspiel von Diskursen, Artefakten, Selbstbildungen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen in einer Epoche, die Zeitgenossen in ihrer Selbstbeschreibung als Beginn eines neuen Zeitalters definierten: die Frühe Neuzeit.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Das Potential so inspirierter praxeologischer Ansätze für die Geschichtswissenschaft liegt darin, das spannungsvolle Zusammenspiel von Einpassung und Veränderung, von sozialer Reproduktion und ›Überschreibung‹, von Unterordnung und Widerstand im praktischen Vollzug sichtbar zu machen. In mikrohistorischer Perspektivierung zeigt sich, wie die Akteure des Sozialen (Menschen, Dinge, Artefakte, Organismen) immer wieder neu zueinander in Beziehung treten, welche Positionen sie einnehmen, und welche Bedeutungen sie jeweils aufweisen. Dieser praxeologischen Neuperspektivierung der Vergangenheit liegt die Annahme zugrunde, dass sich Gesellschaften nicht allein über die Rationalität sozialen Handelns, ein deterministisches Verständnis von Strukturen, die inhärenten Logiken von Systemen oder die Entschlüsselung voraus gesetzter Bedeutungen erklären lassen.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Die Historisierung sozialer Praktiken und die damit verbundenen empirischen Herausforderungen sind in der soziologisch dominierten Theoriediskussion bislang zu kurz gekommen. Soziale Praktiken stehen in einem historischen Kontinuum und verweisen zugleich in die Zukunft, indem situativ, reflexiv und improvisierend auf Herausforderungen reagiert wird, Handlungsroutinen durchbrochen und neue Umgangsweisen im praktischen Vollzug erprobt werden. Mit einer so gewonnenen historischen Tiefenschärfe wird die lange dominierende Fokussierung praxistheoretischer Studien auf Handlungsroutinen und erfolgreiche Einpassungen in kollektive Handlungsmuster erweitert durch die Frage nach den Möglichkeiten und Bedingungen gesellschaftlicher Transformationsprozesse.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit Menschen, die offen dafür sind, vertraute Denkstile und disziplinär verankerte wissenschaftliche Traditionen irritieren zu lassen, das eigene Tun kritisch zu reflektieren und durch radikale Perspektivwechel gesellschaftliche Phänomene zu ›entselbstverständlichen‹ und neu zu denken.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Das Buch fragt nicht nur nach dem ›Warum‹ sozialer Phänomene, sondern interessiert sich für das ›Wie‹ der Gestaltung sozialer Beziehungen und Veränderungen. <<<


Dagmar Freist (Hg.)

Diskurse – Körper – Artefakte

Historische Praxeologie in der Frühneuzeitforschung

Ausgehend von der These, dass die gesellschaftliche Dynamik der frühen Moderne weder strukturalistisch noch handlungstheoretisch ausreichend erklärbar ist, beschäftigen sich die Beiträge in diesem Band mit Praktiken der Selbstbildung – etwa als jüdischer Offizier, als Jungunternehmer, als Arzt, als kinderlose Frau, als Weltreisende oder als Konvertit. Sie fragen danach, wie sich Menschen im praktischen Zusammenspiel von Diskursen, Körpern und Artefakten entwarfen, sozial/räumlich verorteten und anerkannt wurden, und zeigen auf, wie kulturelle Deutungsschemata im Vollzug sozialer Praktiken aktualisiert wurden. Die so entstehenden Spannungen, die praxistheoretisch unzureichend als Nichtpassungen beschrieben worden sind, werden als fruchtbare Reibungen analysiert, die Reflexivität und Kritik ermöglichen und gesellschaftlichen Wandel hervorbringen.


 
Autorenbild Freist, Dagmar;(Hg.)

Dagmar Freist (Dr. phil.) ist Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und stellvertretende Sprecherin des DFG-Graduiertenkollegs 1608/2 »Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung in historischer und interdisziplinärer Perspektive«.

Homepage:
Uni Oldenburg

Geschichtswissenschaft, Ethnologie, Kulturwissenschaften, Gender Studies und Kunstgeschichte

Print 39,99 €

03/2015, 408 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-2552-3

Artikel-Nr.: 2552

-2552-3: Freist (Hg.), Diskurse – Körper – Artefakte

Historische Praxeologie in der Frühneuzeitforschung

 

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E-Book 39,99 €

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03/2015, 408 Seiten
ISBN 978-3-8394-2552-7

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