Interview

... mit Birgit Wudtke

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
Die letzten 15 Jahre habe ich selber nach Veröffentlichungen gesucht, die einmal genauer die Struktur digitaler Fotokunst analysieren und diese im Vergleich... >>>
... mit Birgit Wudtke

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
Die letzten 15 Jahre habe ich selber nach Veröffentlichungen gesucht, die einmal genauer die Struktur digitaler Fotokunst analysieren und diese im Vergleich mit den tradierten Deutungen analoger Fotokunst differenziert herausarbeiten. Darüber hinaus fehlte es mir an Untersuchungen, die die Herstellungstechniken und Strategien derjenigen Künstler kritisch behandeln, die in der Übergangszeit immer noch als ›Fotografen‹ bezeichnet werden, obgleich sie Computergrafiken und Montagen präsentieren.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Das oben skizzierte Aufgabenfeld meiner Forschung bezieht die Analysen der beiden wichtigsten Fototheoretiker – Roland Barthes und Vilém Flusser – mit ein. Es wird unter anderem deutlich: Der fotochemische Materialabdruck und die digitale Fotografik sind nicht nur auf struktureller Ebene voneinander zu unterscheiden. Der Künstler präsentiert sich bei ihrer Vorlage jeweils als anderer Stratege: Einmal geht es ihm darum, ein Momentum der Vergangenheit zu fixieren, ein anderes Mal darum, fantastische Szenerien zu konstruieren.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Bei der Betrachtung zeitgenössischer Fotografiken, bei denen etwa in Folge einer digitalen Manipulation die Aufnahmestruktur verschoben, in Teilen eliminiert oder collagiert wurde, muss darauf hingewiesen werden: ‹Es-ist-nicht-so-gewesen›. Das Universum technischer Bilder umfasst heute eine Vielzahl digitaler Bildformen, die nur noch anhand einer interessierten Auswahl, ihrer spezifischen Unterscheidung und sorgfältiger Lesart an Bedeutung gewinnen können. Die Ausdifferenzierung kann ein Anliegen postdigitaler Fototheorien sein.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit Studenten, die heute mit den verschiedenen fotografischen Medien experimentieren. Mein Buch ist aus der Perspektive einer Praktikerin geschrieben. Ich wurde vor allem in einer Übergangszeit geprägt, in der tradierte Handwerksarbeiten weitestgehend durch digitale Operationen und die Arbeit am Monitor ersetzt wurden. Diese Veränderungen haben in mir viele Fragen aufgeworfen und machen mich neugierig darauf, die künstlerischen Strategien einer neuen Generation kennenzulernen.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Tradierte Deutungsmuster analoger Fotografie können unsere aktuelle fotografisch anmutende Bilderwelt nicht mehr sinnvoll beschreiben und so stellt sich die Frage: Was ist das Noema der digitalen Fotografie? <<<


Birgit Wudtke

Fotokunst in Zeiten der Digitalisierung

Künstlerische Strategien in der digitalen und postdigitalen Phase

»Computer sind gewaltige Instrumente zum Projizieren alternativer Wirklichkeiten, vorher ungeahnter Welten. Aber das alles hat wenig Sinn, solange wir nicht wissen, wozu das alles.« (Vilém Flusser 1990)
Seit sich die Computerindustrie in aggressiver Weise der optischen Technologie bemächtigt und der Kunstmarkt von fotografisch anmutenden Bildwerken überschwemmt wird, ist Vilém Flussers Aufforderung, »gegen den Apparat zu spielen«, aktueller denn je.
Birgit Wudtke entschlüsselt die (Meta-)Programme der »Apparate« mit Hilfe ausgewählter Theorien und künstlerischer Positionen aus der Perspektive einer schreibenden Praktikerin und wagt eine Neuinterpretation der »Fotokunst« der 1990er Jahre. Sie präsentiert Werke, die zumeist keine Fotografien mehr sind, sondern digitale Collagen, Computergrafiken oder Renderings dreidimensionaler Grafikmodelle. Die Analysen umfassen die Übergangszeit der Digitalisierung von 1990-2010 bis hin zur sogenannten »postdigitalen Phase«.


 

Birgit Wudtke (Dr. phil. in art.), geb. 1973, beschäftigt sich mit dem Medium Fotografie in Theorie und Praxis. Sie forschte hierzu an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, beteiligte sich an Ausstellungsprojekten und hielt Gastvorträge im In- und Ausland.

Homepage:
Birgit Wudtke: www.birgitwudtke.net

»›Was bleibt, wenn das erste digitale Feuerwerk vorbei ist?‹ Diese Frage bleibt unbeantwortet. Wie andere Fragen auch, die hier gestellt werden. Doch dass und wie sie gestellt werden, macht die Kraft und Bedeutung dieses Buches aus.«
Gottfried Jäger, PHOTOKUNST, 2 (2017)

Fotografie, Fototheorie, Bildwissenschaft, Medientheorie, Kunstgeschichte

Print 34,99 €

09/2016, 210 Seiten, kart., zahlr. Abb.
ISBN 978-3-8376-3280-4

Artikel-Nr.: 3280

-3280-4: Wudtke, Fotokunst in Zeiten der Digitalisierung

Künstlerische Strategien in der digitalen und postdigitalen Phase

 

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09/2016, 210 Seiten
ISBN 978-3-8394-3280-8

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