Unterscheiden und herrschen

Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart

Mit der Kölner »Nacht, die alles veränderte« ist einiges in Bewegung geraten. Vielleicht sind Bewegungen auch nur sichtbarer geworden. Feministische Anliegen finden zwar verstärkt Gehör, doch dies ist eng verwoben mit neuen Rassismen und der Kulturalisierung sozialer Ungleichheiten. Eine der hier auffälligsten Paradoxien ist die Mobilisierung von Gender, Sexualität und einer Vorstellung von Frauenemanzipation durch nationalistische und fremdenfeindliche Parteien sowie durch konservative Regierungen zur Rechtfertigung rassistischer bzw. islamfeindlicher Ausgrenzungspolitiken.

Wollen wir dagegen verstehen, wie unsere gesamte Lebensweise in Kategorien der Über- und Unterordnung gefasst ist und wie diese feinen Unterschiede Handeln, Einstellungen und Gefühle aller bestimmen, dann gilt es, Sexismus, Rassismus und Heteronormativität nicht als voneinander unabhängige soziale Teilungsverhältnisse zu untersuchen. Die Analyse komplexer Wirklichkeiten erfordert ein Nachdenken, das die wechselseitige Bedingtheit verschiedener Differenzen in den Blick nimmt.

»Against those who would pit a feminism for white women against migrant communities and a multi-racial feminism, this brave and brilliant work of critical feminism refuses to be divided from its allies, conquered by those who would appropriate and defame feminism itself. This work is not only a model for socially engaged critique for our times, but thought set into action, mobilizing for the future of difference.« (Judith Butler)

»Ein hochaktueller und überfälliger Text zur rechten Zeit. Er wendet sich gegen jede totalisierende Rhetorik, schafft notwendige Klärungen, ohne einfache Auflösungen zu bieten, ohne Kontroversen zu scheuen und ohne in besserwisserische Gesten zu verfallen. Und er führt die heute wieder auftauchende Meinung ad absurdum, Feminismus müsse nicht studiert werden.« (Christina Thürmer-Rohr)

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2017-07-06, 176 Seiten
ISBN: 978-3-8376-3653-6

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Sabine Hark

Sabine Hark, Technische Universität Berlin, Deutschland

Paula-Irene Villa

Paula-Irene Villa, Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland

... mit Sabine Hark und Paula-Irene Villa

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?

Anlass für dieses Buch ist die Silvesternacht 2015 in Köln. »Köln« steht für nachhaltige Verschiebungen im gesellschaftlichen Gefüge der Bundesrepublik. Seitdem sehen wir, wie hierzulande und überall in Europa fremdenfeindliche, nationalistische Parteien und Bewegungen die Rhetorik der Gleichberechtigung der Geschlechter nutzen, um Migranten im Allgemeinen und Muslime im Besonderen als rückschrittlich, gewalttätig und also bedrohlich für ›uns‹ darzustellen. Gleichzeitig wurde nach »Köln« sexualisierte Gewalt zum politischen und juristischen Thema, wurden feministische Positionen dazu breit wahrnehmbar. »Köln« steht demnach für höchst ambivalente und irritierende Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart.

2. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen gesellschaftlichen Debatten zu?

Man kann es kaum überschätzen. Am Umgang mit geflüchteten Menschen, den ›Fremden‹, verhandelt die Gesellschaft in Deutschland immer auch sich selber. Dabei spielen Differenzen – etwa zwischen Geschlechtern, Religionen, Kulturen – eine zentrale Rolle. Unser Buch geht diesen Differenzen und ihrer diskursiven Konstruktion im politischen Raum nach.

3. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Wir versuchen, Differenzierungen zu denken und eine ethische Haltung zum Umgang mit Differenzen zu entwickeln. Statt von verdinglichenden Differenzen auszugehen, etwa in rassisierenden oder kulturalistischen Deutungen von Sexismus, plädiert dieses Buch für die Analyse von Herrschaft durch Differenz-Setzung. Das Buch plädiert für eine Neuorientierung feministischer Theorie und Praxis, indem die Geschlechterfrage in einen umfassenden Kontext politischen Denkens gestellt wird. Versämtlichende Abstraktionen und hegemoniale Vorannahmen simplifizierender Entweder-Oder-Diskurse werden als Form von Herrschaft analysiert.

4. Welche besonderen Aspekte kann die wissenschaftliche Betrachtung in die öffentliche Diskussion einbringen?

Die Analyse komplexer Wirklichkeiten erfordert ein Nachdenken, das die wechselseitige Bedingtheit verschiedener Differenzen in den Blick nimmt. Kritische Wissenschaft befragt die fortwährenden, gewaltvollen Versämtlichung der sozialen Welt und der derzeit besonders intensiven Konstruktion imaginärer Anderer. Sie untersucht vermeintliche Evidenzen und Plausibilitäten angeblich gegebener, nicht-verhandelbarer, identitätsbasierter Differenzen. Differenzen, ob sie nun geschlechtliche, sexuelle, kulturelle oder ethnische Unterschiede markieren sollen, werden nicht als an-sich gegeben oder gar unveränderbar angenommen.

5. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Alice Schwarzer, Seyran Ates, geflüchteten Menschen, Kommunalpolitiker_innen aller Couleur, queer-feministischen Aktivist_innen.

6. Ihr Buch in einem Satz:

Unsere gesamte Lebensweise ist in Kategorien der Unter- und Überordnung gefasst und diese feinen Unterschiede bestimmen Handeln, Einstellungen und Gefühle aller.

»Der sicher anspruchvollste und gleichzeitig gelungenste Versuch der Einordnung der ›Kölner Silvesternacht‹.«
Tanja Dückers, Amnesty Journal, 21.03.2018
»Mit diesem Essay haben die Autorinnen einen sehr wichtigen, da sehr umfassenden und differenzierten Beitrag zur Debatte um ›Köln‹ geleistet.«
Marcel Amoser, AEP Informationen, 1 (2018)
»Der Titel [...] verleiht den feuilletonistisch ausgetragenen Kämpfen eine dringend notwendige analytische Tiefe.«
Sara Morais dos Santos Bruss, www.kritisch-lesen.de, 09.01.2018
»Der Essay liefert [...] ein starkes Plädoyer gegen Dichotomisierungen, Reduzierungen und Essentialisierungen, die nicht nur aus ethischen Gründen zurückgewiesen werden, sondern auch als den gesellschaftlichen Verhältnissen inadäquat entlarvt werden.«
Miriam Kogeles, frauen*solidarität, 4 (2017)
O-Ton: »Krudes wurde sagbar« – Sabine Hark und Paula-Irene Villa im Interview mit Peter Rehberg beim Freitag.
http://bit.ly/2AeIuz9
»Hark und Villa [zeigen] überzeugend, wie es in den Diskussionen über ›die Muslime‹ und den ›arabischen Mann‹ zu Kurzschlüssen kommt, zu Verallgemeinerungen, mittels derer Herkunft, Religion, Gewalt, Geschlecht und feministische Anliegen zu einer einfachen Erklärung verbunden werden. Eigenschaften werden zugeschrieben und totalisiert.«
Anja Kühne, Der Tagesspiegel, 12.12.2017
»Das Buch ist ein Plädoyer dafür, die Differenz in Differenz zu denken, ohne Ungleichheiten zu behaupten.
Wer [es] gelesen hat, kann in Zeiten politischer Polarisierung Herrschaftstechniken des Unterscheidens entlarven – und die finden sich längst nicht nur bei sogenannten Populisten und Rassisten.« Stephanie Rohde, Deutschlandfunk – Andruck, 20.11.2017
O-Ton: »Gender Studies: Ausgrenzend, elitär, realitätsfern? – Sabine Hark im Gespräch mit Svenja Flaßpöhler beim Deutschlandfunk Kultur am 01.10.2017.
http://bit.ly/2m37Fls
»Der Band bietet wichtige Anregungen sowohl für die wissenschaftliche Analyse als auch die gesellschaftliche Debatte.«
Heinz-Jürgen Voß, www.socialnet.de, 24.10.2017
O-Ton: »Sprechen organisiert eine soziale Ordnung« – Sabine Hark beim Deutschlandfunk im Gespräch über die aktuelle Sexismus-Debatte am 21.10.2017.
http://bit.ly/2hZFY80
»Der Essay [bietet] Unmengen an Stoff um darüber nachzudenken, wie konkret feministische Analysen und feministischer Aktivismus Hetero_Cis_Sexismus, Rassismus, Ableismus etc. fokussierend aussehen könnte.«
Charlott Schönwetter, www.maedchenmannschaft.net, 25.07.2017
»Ein anregender Beitrag zur Debattenkultur, der dazu auffordert, die eigene Haltung als Feminist*in immer wieder selbstkritisch zu hinterfragen.«
Maxi Braun, Missy Magazine, 4 (2017)
O-Ton: »Die Debatte um Frauenrechte hat sich verschoben« – Paula-Irene Villa im Gespräch bei radio eins/rbb am 21.02.2018.
http://bit.ly/2CpGA3m
Besprochen in:
http://www.frauensolidaritaet.org, 9 (2017)
Newsletter der Vernetzungsstelle für Gleichberechtigung, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, 10 (2017)
BZgA-InfoDienst Migration, 4 (2017)
IDA-NRW, 3 (2017)
http://www.hamburger-frauenbibliothek.de, 1 (2018)
GENDER, 1 (2018), Heike Mauer
Amnesty Journal, 21.03.2018, Tanja Dückers
Autor_in(nen)
Sabine Hark / Paula-Irene Villa
Buchtitel
Unterscheiden und herrschen Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
176
Ausstattung
kart.
ISBN
978-3-8376-3653-6
DOI
Warengruppe
1726
BIC-Code
JFSJ JFSL
BISAC-Code
SOC032000 SOC031000 SOC041000
THEMA-Code
JBSF JBSL1
Erscheinungsdatum
2017-07-06
Auflage
2
Themen
Rassismus, Geschlecht, Zeitdiagnose
Adressaten
Gender Studies, Soziologie, Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft, Kultur- und Medienwissenschaft sowie die interessierte Öffentlichkeit
Schlagworte
Feminismus, Sexismus, Rassismus, Intersektionalität, Ethik, Essay, Situiertes Wissen, Politik, Gender, Gender Studies, Migration, Soziologie, Geschlecht

Video-Interview

 

Buch-Präsentation (Dezember 2017)

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