Interview

... mit Frank Schulz-Nieswandt

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
Die Griechenlandbücher von Erhart Kästner mögen trösten und helfen, die Seele baumeln zu lassen. Ich wollte (für mich selbst) ein... >>>
... mit Frank Schulz-Nieswandt

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
Die Griechenlandbücher von Erhart Kästner mögen trösten und helfen, die Seele baumeln zu lassen. Ich wollte (für mich selbst) ein – eher kleines – Buch über Erhart Kästner schreiben. Der Fokus sollte auf seinen Landschaftsbeschreibungen als religiöser Erfahrungsmodus liegen, den ich bereits in einer Abhandlung über den Altertumsforscher Walter F. Otto verarbeitet hatte. Heraus kam eine komplexe Analyse, eine Person und ihr Werk aus einem Netzwerk Gleichgesinnter im Kontext der Verlaufsgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert heraus zu verstehen. Angesichts der sozialen und der ökologischen Probleme und angesichts der Fragilität der Demokratie unserer Zeit weist das Thema viele aktuelle Bezüge auf.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Perspektiven für wen? Für wissenschaftlich Interessierte am Werk von Erhart Kästner stellt meine Arbeit einen vielschichtigen Zugang dar. Liebhaber von Kästner, für die er nur schöne Reiseliteratur im Griechenlandurlaub war, könnten verärgert sein, denn es wird jede weitere naive Lektüre fraglich. Das hängt mit der Griechenlandsehnsucht (überhaupt die Sehnsucht, aus dem eigenen Alltag zu entfliehen) zusammen, die kritisch reflektiert wird. Und es wird die politische Haltung von Kästner, die in seinen Griechenlandbüchern nicht vollständig zum Ausdruck kommt, problematisiert.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Verschiedene Diskurse und Themenlandschaften werden angesprochen und inter-disziplinär verklammert: u.a. die Rekonstruktion der Ursachen und Ausprägungen anti-demokratischer Haltungen in Deutschland aus der langen Geschichte seit der Romantik (als inhärente Problematik der Moderne) heraus, die besondere Prägekraft der geistigen und seelischen Verarbeitung des 1. Weltkrieges. Es werden die Diskussionen und die ›Dialektik der Aufklärung‹ und die ›Arbeit am Mythos‹ aufgegriffen und verknüpft. Methodologisch wird zugleich erkennbar, wie im Zusammenhang mit der Analyse von Subjektivierungsformen das Habitus-Konzept psychodynamisch in Richtung auf einen psychischen Arbeitsapparat weiter gedacht werden kann.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Ich meine, eine für die deutsche Mentalitätsgeschichte auch aktuell noch relevante Art konservativer Welthaltung aufgedeckt und re-konstruiert zu haben. Es wird zugleich deutlich, wie variantenreich Konservatismus ist. Daher als Antwort: Mit Politikwissenschaftler_innen, Vertreter_innen der Psychodynamik, die zugleich kulturtheoretisch interessiert sind, ferner mit Forscher_innen, die die Arbeit am Mythos in Deutschland von der Romantik bis nach 1945 (in den verschiedenen Disziplinen, aber auch in der Kunst) bearbeitet haben; interessant wäre ein Gespräch mit Sloterdijk als Querdenker.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Jeder Mensch hat seinen Alltag, seine Sehnsuchtsziele, seine Träume. In der Reiseliteratur wird dies oftmals überaus deutlich. Das Gesamtwerk von Kästner im Kontext seiner Inter-Textualitäten verkörpert jedoch mehr: Eine hoch problematische geistige Haltung zur Moderne insgesamt. <<<


Frank Schulz-Nieswandt

Erhart Kästner (1904-1974)

Griechenlandsehnsucht und Zivilisationskritik im Kontext der »konservativen Revolution«

Im Kontext der sogenannten »Konservativen Revolution« rekonstruiert Frank Schulz-Nieswandt nicht nur die viel gelesenen Griechenlandreiseerzählungen, sondern das literarische Gesamtwerk von Erhart Kästner aus intertextueller Perspektive.
Die Analyse gibt über die konkrete Person Erhart Kästners hinaus Aufschluss über das Phänomen der »Griechenlandsehnsucht« und über die deutsche Mentalitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts insgesamt. Im Vordergrund steht dabei eine Kulturkritik, die sich zu einer Zivilisationskritik der totalitären Welt steigert.


 
Autorenbild Schulz-Nieswandt, Frank

Frank Schulz-Nieswandt (Dr. rer. soc.), geb. 1958, ist Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln und lehrt Sozialpolitik, Methoden der qualitativen Sozialforschung und Genossenschaftswesen. Er ist außerdem Honorarprofessor für Sozialökonomie der Pflege an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar.

Homepage:
Frank Schulz-Nieswandt: Seminar für Genossenschaftswesen
Frank Schulz-Nieswandt: Uni Köln

Besprochen in:
Vier Viertel Kult, 7 (2017), Ulrich Brömmling

Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie, Literaturwissenschaft, Theologie, Kulturwissenschaften, Religionswissenschaften

Print 44,99 €

01/2017, 360 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-3682-6

Artikel-Nr.: 3682

-3682-6: Schulz-Nieswandt, Erhart Kästner (1904-1974)

Griechenlandsehnsucht und Zivilisationskritik im Kontext der »konservativen Revolution«

 

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02/2017, 360 Seiten
ISBN 978-3-8394-3682-0

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