Interview

... mit Katharina Witterhold

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
Der Beitrag, den Frauen als Bürgerinnen aber auch als Verbraucherinnen leisten, wird im Mainstream der Forschung (das gilt sowohl für die... >>>
... mit Katharina Witterhold

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
Der Beitrag, den Frauen als Bürgerinnen aber auch als Verbraucherinnen leisten, wird im Mainstream der Forschung (das gilt sowohl für die Partizipations- wie auch für die Verbraucherforschung) häufig übersehen. Gerade Letzteres hat mich immer irritiert, wenn in wissenschaftlicher Literatur von ›dem Verbraucher‹ gesprochen wird, man es aber in der Forschungspraxis dann regelmäßig mit Frauen zu tun hat, wenn es um Fragen der Organisation von, ich nenne es jetzt einmal, häuslicher Konsumroutine geht. In gleichem Maße wird in der Partizipationsforschung die ›unsichtbare Arbeit‹ von Bürgerinnen nur selten in den Blick genommen, obwohl soziale Bewegungen in höchstem Maße auf die Beziehungsarbeit ihrer Unterstützerinnen angewiesen sind.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Die on/offline Perspektive auf den politischen Konsumalltag ermöglicht es, neue Formen von Engagement zu identifizieren, jedoch auch die eben angesprochenen unsichtbaren Unterstützungsleistungen sichtbar zu machen. Ein großer Vorteil der durch Social Media gestützten Kommunikation ist, dass die kleinteilige und anstrengende Arbeit der Mobilisierung anderer deutlicher hervortritt, bspw. durch Facebook-Posts. Auf der anderen Seite zeigt sich aber, dass es sich bei politischem Konsum als eine Form von ›Lifestyle Politics‹ nicht um eine nur low-cost/low-time Beteiligungspraktik handelt, sondern sich gerade im Alltag und im sozialen Umfeld der Bürgerinnen robuste Widerstände zeigen.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Einen wichtigen Beitrag liefert das Buch sicherlich zur politischen Verbraucherforschung, da der bisherige Blick auf politischen Konsum als vorwiegend ökonomische Praktik erheblich erweitert wird. Statt nur zu kaufen oder zu boykottieren nehmen im Offline-Bereich vor allem Praktiken des Prosumings, der Eigenherstellung von Waren und Dienstleistungen, einen zentralen Stellenwert ein. Online können dagegen vor allem Praktiken des diskursiven politischen Konsums beobachtet werden. Zentral scheint mir jedoch der Blick auf die Informationspraktiken der politischen Verbraucherinnen zu sein, nicht nur, weil sie eine wichtige Ressource des Prosumings offline darstellen, sondern auch, weil sie als Ausdruck eines neuen Wissensverständnisses gedeutet werden können.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Ein Austausch mit Michele Micheletti wäre sicherlich sehr spannend. Außerdem würde mich interessieren, wie mein Beitrag aus der Perspektive der Gender-Studies bewertet wird. Aber ganz ehrlich, am liebsten diskutiere ich mit meinem Vater, da er als Ingenieur, Prosument und maßgeblich Konsumverantwortlicher im Haushalt meiner Eltern eine so herausfordernd andere Sicht auf viele meiner Fragestellungen ermöglicht.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Da würde ich mich an ein Zitat aus der Abschiedsrede von Barack Obama anlehnen: Change only happens when ordinary > practices< get involved. <<<


Katharina Witterhold

Politische Konsumentinnen im Social Web

Praktiken der Vermittlung zwischen Bürger- und Verbraucheridentität

Politische Beteiligung wandelt sich. Der sozialwissenschaftliche Diskurs weist immer wieder auf eine Hinwendung der Bürger_innen zu neuen Formen des Engagements hin, die außerhalb der Einflusskanäle des repräsentativen Systems liegen. Dem Social Web kommt in diesem Prozess eine besondere Bedeutung zu, da es potenziell einen Raum für bürgerschaftliche Bildungsprozesse darstellt.
Katharina Witterhold untersucht die dieser Entwicklung zugrunde liegenden Bedingungen am Beispiel politischer Konsumentinnen. Mit dem Blick auf Frauen als Wegbereiterinnen eines neuen Politikstils sowie mit der Entwicklung einer praxeologischen Analyseperspektive auf Alltagspolitik betritt ihre Studie auch theoretisch Neuland.


 
Autorenbild Witterhold, Katharina

Katharina Witterhold (Dr. phil.), Soziologin, lehrt und forscht zu politischem Konsum und Digitalisierung an der Universität Siegen. Sie setzte sich im Rahmen des DFG-Projekts »Cybercash. Konsumpraktiken in der virtuellen Alltagsökonomie« (Projektleitung Jörn Lamla und Sighard Neckel) mit der Wechselwirkung von Ökonomisierung und Digitalisierung auseinander und wendete sich in dem DFG-Projekt »Consumer Netizens – neue Formen von Bürgerschaft an der Schnittstelle von politischem Konsum und Social Web« (Projektleitung Sigrid Baringhorst) den Politisierungsprozessen im Kontext von Alltag und Internet zu. In dem Forschungsprojekt »Verbraucherschutz und Konsumsozialisation von Geflüchteten« (gefördert durch das Land NRW) befasst sie sich mit den kulturellen Bedingungen ökonomischer Partizipation.

Homepage:
Katharina Witterhold: Uni Siegen

Besprochen in:
Zivilgesellschaft Info, II/8 (2017)

Soziologie, Politikwissenschaft, Medienwissenschaft, Kulturwissenschaften sowie die interessierte Öffentlichkeit

Print 39,99 €

03/2017, 332 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-3710-6

Artikel-Nr.: 3710

-3710-6: Witterhold, Politische Konsumentinnen im

Praktiken der Vermittlung zwischen Bürger- und Verbraucheridentität

 

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