Interview

... mit Phillip M. Ayoub

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
In den letzten zwei Jahrzehnten hat die LGBT-Bewegung eine Dynamik entwickelt, die unbestreitbar in Tempo und Plötzlichkeit beispiellos ist und viele neue... >>>
... mit Phillip M. Ayoub

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
In den letzten zwei Jahrzehnten hat die LGBT-Bewegung eine Dynamik entwickelt, die unbestreitbar in Tempo und Plötzlichkeit beispiellos ist und viele neue und spannende Fragen für Wissenschaftler aufwirft. Warum verabschieden Staaten, von denen wir annahmen, dass es ›sehr unwahrscheinlich‹ ist, LGBT-Gesetze, während andere sie ablehnen? Mein Buch untersucht die Geschichte der Zurückweisung transnationaler Bewegungen in Europa, fokussiert auf die Verbreitung der verteidigten Normen und die alles umfassende Frage, warum die Kurven der juristischen Anerkennung der LGBT-Minderheiten zwischen den Staaten so unterschiedlich verlaufen.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
In meinem Buch beschäftige ich mich mit Normen, die sich im weiteren Sinne dem Schutz sexueller Minderheiten widmen. Mit der ›Politik der Sichtbarkeit‹ beschreibe ich in diesem Zusammenhang die Fähigkeit von Regierungen und Gesellschaften, Ideen für ›angemessenes Verhalten‹ gegenüber sexuellen Minderheiten fortlaufend zu formulieren und weiterzuentwickeln. Dabei können derartig geschaffene Akzeptanzstandards zu sich verändernden Formen der individuellen Selbstwahrnehmung führen, innerhalb bzw. außerhalb der LGBT-Gemeinschaft und auch länderübergreifend.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Der neue ›sehr unwahrscheinliche‹ Fall ist, dass die verabschiedeten LGBT-Gesetze uns zwingen, neue Normen in den alten, sich bisher nur auf innerstaatliche Erklärungen fokussierten Wissenschaft zur LGBT-Politik aufzubauen. Ich beschreibe ausführlich, wie eine solche Politik den Dialog zwischen unterschiedlichen sozialen Bewegungen und Staaten befördert, also nicht nur innerhalb der LGBT-Gemeinschaft selbst, sondern auch zwischen ihren Gruppen und der staatlichen bzw. gesamtgesellschaftlichen Ebene. Dabei fußt die Sichtbarkeit sexueller Minderheiten häufig sowohl auf nationalen als auch auf internationalen Prozessen, deren Fortgang wir bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen können. Es ist kein Zufall, dass sich beispielsweise die Homo-Ehe in wenigen Jahren auf mehreren Kontinenten verbreitet hat. LGBT-Menschen haben durch internationale Zusammenarbeit viel zu gewinnen.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Ich habe eine lange Liste mit couragierten und wegweisenden Aktivisten,
(z.B. Magnus Hirschfeld, Axel and Eigil Axgil, Sylvia Rivera, Marsha P. Johnson), verteilt über verschiedenste Jahrzehnte bis zurück ins 19. Jahrhundert, die ich gerne treffen würde. Wenn es möglich wäre, würde ich mit ihnen sowohl über ihre Arbeit als auch ihr Konzept der transnationalen Solidarität diskutieren.

5. Ihr Buch in einem Satz:
LGBT-Personen dürfen ihre lange Geschichte der Solidarität über Staatsgrenzen hinweg nicht vergessen. <<<


Phillip M. Ayoub

Das Coming-out der Staaten

Europas sexuelle Minderheiten und die Politik der Sichtbarkeit (übersetzt aus dem Englischen von Katrin Schmidt)

In den letzten zwei Jahrzehnten ist die LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) in einer im Vergleich zu anderen Menschenrechtsbewegungen beispiellosen Geschwindigkeit gewachsen.
Phillip M. Ayoub zeichnet die jüngere Geschichte dieser transnationalen Bewegung in Europa nach. Er zeigt, wie das »Coming-out« die marginalisierte Gesellschaftsgruppe ins Zentrum der politischen Debatte rückte und ihr zu längst fälligen Rechten verhalf. Neben der Analyse der von der Bewegung vertretenen Normen steht vor allem die Frage im Zentrum, warum die gesellschaftsrechtliche Anerkennung der LGBT-Minderheiten in den jeweiligen Staaten so unterschiedlich verläuft.


 
Autorenbild Ayoub, Phillip M.

Phillip M. Ayoub, geb. 1983, ist Assistenzprofessor für Politikwissenschaften an der Drexel University in Philadelphia. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen internationale Beziehungen und vergleichende Politikwissenschaft, Gleichstellungspolitik sowie in der Erforschung sozialer Bewegungen. Seine Doktorarbeit wurde von der European Union Studies Association, von der American Political Science Association und mit dem Kenneth-Sherrill-Award ausgezeichnet. Zudem erhielt er 2011 den Kahin-Preis und 2014 den Esman-Preis für außergewöhnliche Studien der Cornell University. Er publiziert u.a. im European Journal of International Relations, Comparative Political Studies, Journal of Human Rights und Perspectives on Europe.

Homepage:
Phillip M. Ayoub: www.phillipmayoub.com

O-Ton:»LGBTI-Rechte und die EU« – Philipp Ayoub im Gespräch mit Pascal Beck von unique.
http://ow.ly/dC4830e8d7Z

Politikwissenschaft, Soziologie, Geschichte, Anthropologie, Gender Studies, Queer Studies sowie Journalist_innen im Bereich der (internationalen) Geschlechterpolitik und die interessierte Öffentlichkeit

Print 29,99 €

10/2017, 316 Seiten, kart., zahlr. Abb.
ISBN 978-3-8376-3797-7

Artikel-Nr.: 3797

-3797-7: Ayoub, Das Coming-out der Staaten

Europas sexuelle Minderheiten und die Politik der Sichtbarkeit (übersetzt aus dem Englischen von Katrin Schmidt)

 

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09/2017, 316 Seiten
ISBN 978-3-8394-3797-1

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