Interview

... mit Hermann-Josef Große Kracht

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
Weil sich heute alle oft und gerne auf den Wert der Solidarität beziehen – und manche zunehmend das Gefühl haben, dabei... >>>
... mit Hermann-Josef Große Kracht

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
Weil sich heute alle oft und gerne auf den Wert der Solidarität beziehen – und manche zunehmend das Gefühl haben, dabei irgendwie aneinander vorbei zu reden. Es könnte nämlich sein, dass die Solidarität gar kein ›Wert‹ ist; und auch wenig mit Tugend und Moral zu tun hat. Eine Rückbesinnung auf die überraschend wenig bekannte Theoriegeschichte des Solidaritätsbegriffs – in seinem Spannungsfeld zwischen Soziologie und politischer Theorie – ist deshalb dringend an der Zeit.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Nimmt man den erst im 19. Jahrhundert entstandenen politisch-sozialen Begriff der Solidarität – er ist ein spätes Kind der politischen Moderne – systematisch in den Blick, dann kann er – dies ist zumindest meine Vermutung – eine ›postliberale‹ Perspektive zur normativen Selbstverständigung moderner Gesellschaften eröffnen, die den heute dominierenden Freiheits- und Gerechtigkeitskonzeptionen aus der Tradition des politischen und ökonomischen Liberalismus theoretisch und empirisch überlegen ist.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Der normative Gehalt der Kategorie der Solidarität ist – anders als etwa an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – weitgehend in Vergessenheit geraten. Jedenfalls ist die Leistungsfähigkeit dieses Konzepts – gerade in der Verhältnisbestimmung zu den Theorien der Gerechtigkeit – heute deutlich unterbestimmt. Ich hoffe, dass mein Buch, das u.a. an den Erfolg des republikanischen ›solidarisme‹ der Jahrhundertwende erinnert, etwas daran ändern kann.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Es wäre ein Traum, wenn ich mein Buch ein paar Abende lang mit Émile Durkheim und Oswald von Nell-Breuning bereden könnte. Aber da beide seit langem tot sind, werden sich diese Abende bis auf Weiteres nicht realisieren lassen.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Die verschüttete Tradition des solidaristischen Denkens wird aufgeweckt – und gegen den politischen Liberalismus in Stellung gebracht. <<<


Hermann-Josef Große Kracht

Solidarität und Solidarismus

Postliberale Suchbewegungen zur normativen Selbstverständigung moderner Gesellschaften

Der Begriff der Solidarität, der in der Zeit nach der Französischen Revolution geprägt wurde, steht in einer spezifischen Spannung zu den liberalen Sozialtheorien des 18. Jahrhunderts. Während er in den Sozialwissenschaften, bei Comte und Durkheim, als zentrale Beschreibungskategorie arbeitsteiliger Gesellschaften fungiert, avanciert er im Solidarismus der Jahrhundertwende (u.a. bei Léon Bourgeois) zum republikanischen Legitimationskonzept des entstehenden Wohlfahrtsstaates. Im 20. Jahrhundert erlebt er dann jedoch theoretisch und programmatisch einen eigentümlichen Niedergang.
Hermann-Josef Große Kracht wirft in seiner Ideengeschichte des Solidaritätsbegriffes die Frage nach einem ›Neustart solidaristischer Vernunft‹ auf.


 

Hermann-Josef Große Kracht (apl. Prof. Dr. phil., theol. habil.), geb. 1962, ist Akademischer Oberrat am Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt.

Homepage:
Hermann-Josef Große Kracht: TU Darmstadt

Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Theologie, Wissenschaftsgeschichte

Print 39,99 €

11/2017, 380 Seiten, kart.
ISBN 978-3-8376-4181-3

Artikel-Nr.: 4181

-4181-3: Große Kracht, Solidarität und Solidarismus

Postliberale Suchbewegungen zur normativen Selbstverständigung moderner Gesellschaften

 

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