Klaus E. Müller / Ute Ritz-Müller

Des Widerspenstigen Zähmung

Sinnwelten prämoderner Gesellschaften

Die meisten Tätigkeiten werden unbedacht, rein routinemäßig verrichtet. Bei anderen dagegen, von denen Wichtiges, vielleicht das Leben, abhängt, denkt sich der Handelnde etwas, das sein Verhalten dann leitet. Bewußt »sinnlos« würde in derartigen Fällen wohl kaum jemand handeln. Sinnvoll können jedoch nur handlungsleitende Zwecke erscheinen, die auch von anderen als solche verstanden werden. Sinnsysteme sind daher immer Gruppenkonzepte, die Orientierungs- und darum notwendig auch Begründungs- und Präskriptions-, in umstrittenen Fällen zusätzlich Rechtfertigungsfunktionen erfüllen. Das läßt sich besonders deutlich an prämodernen, stark traditionsbestimmt lebenden, d.h. höchstmäßig kohärenten Gesellschaften darstellen. Die Buchbeiträge exemplifizieren das an zwei Haupttypen derartiger Gemeinschafts- und Kulturformen und zeigen anschließend auf, wie unter dem Einfluß stratifizierter, »hochkulturlicher« Sozietäten die alten Sinnsysteme zerfallen, umgedeutet, rekombiniert und neue entwickelt werden – bis hin zur postkolonialen Zeit. Den Abschluß bildet eine allgemeine Entwicklungssystematik und Theorie der Sinntypenkonstituierung. Das Fazit lautet, daß Sinnkonzepte einem Grundbedürfnis sozialer Gruppen entsprechen, Identität begründen und insofern eine fundamentale analytische Bedeutung für das Verständnis gesellschaftlicher Seins- und Lebensauffassungen sowie das Vermögen besitzen, sich erfolgreich mit Konfliktsituationen gerade auch unter den Bedingungen pluralistischer, multikultureller Gesellschaftsformen auseinanderzusetzen.


 

Klaus E. Müller (Dr. phil.) ist emeritierter Professor für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Er steht der »Wissenschaftlichen Gesellschaft zur Förderung der Parapsychologie« vor und arbeitet in verschiedenen interdisziplinären Forschungsprojekten mit, u.a. am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und am Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst.
Ute Ritz-Müller studierte Ethnologie, Romanistik und Geographie an der Universität Frankfurt am Main. Nach Feldforschungen im Sudan und Arbeiten im Sonderforschungsbereich »Kulturentwicklung und Sprachgeschichte im Naturraum westafrikanische Savanne« war sie Stipendiatin der DFG und Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen.

Besprochen in:

TRIBUS, 54/11 (2005), Wolfgang Creyaufmüller

Kulturwissenschaftler, Ethnologen, Historiker, Soziologen

Man liest schon im Titel unwillkürlich Shakespeare mit, sicher kein Zufall. Eigentlich ist gar nichts an der Gesamtkomposition des Buches zufällig, sondern wohlgesetzt. Von Klaus E. Müller stammen die allgemeinen und systematischen Kapitel, von Ute Ritz-Müller eine detaillierte Fallstudie, die an sechster Stelle steht, wenn man das ausführliche Vorwort mitzählt. Und dies sollte man, denn hier wird über den Sinn und seinen Gegenwartsbezug intensiv reflektiert.
   Im zweiten Kapitel steht der Mensch auf der prädatorischen Stufe im Mittelpunkt, die interessanterweise eigentlich eine Überflussgesellschaft war. Dass hier das Tier eine besondere Rolle in der Geistesauffassung bildete, betrachten wir heute (intellektuell rückblickend) als selbstverständlich. Müller belegt seine Argumente reichhaltig durch ethnologische Parallelen. Grundsätzlich musste die diesseitige und die übersinnliche Welt in Einklang gebracht werden. Diesen Einklang stellten die Menschen her, die wir heue generell als Schamanen bezeichnen und die sich in beiden Welten bewegen konnten.
   Aller guten Dinge sind Drei und »Verflucht sei der Acker« – das dritte Kapitel widmet sich den Anfängen der Ackerbaukulturen weltweit, ihren neuen Techniken wie z.B. Keramik und der sich verändernden Geisteskultur und der daraus folgenden Kulte. Denn die Erde muss verletzt, verwundet werden, wenn der Acker bestellt wird. Sühne ist die Folge. Der Mensch verstrickt sich in Schuld gegenüber der Geistigkeit der Welt. An zentraler Stelle lesen wir die Reflektion über die drei grundlegenden Mythenkreise der Weltkultur und wir finden darin viele Motive der späteren Hochreligionen.
   »Der Palast« ist die Reflektion über die sich entwickelnden Herrschaftsstrukturen überschrieben, denn eine komplexer werdende Welt muss eingeteilt werden. Und beim Teilen kommt Streit auf, was wieder gesellschaftliche Reaktionen hervorruft: Handel, Stadtmauern, Heere, Sicherheit! Und Absicherung der weltlichen Spitze nach oben zu einem Götterhimmel – eine fast kausallogische Abfolge.
   »Der Auszug«: Von den Inseln der Hochkulturen wurde die Welt durchdrungen. Dieser Prozess hat in der Gegenwart sein Ende erreicht. Wir sehen aber die Spuren dieser Phase allerorten, denn karge Regionen bedürfen besonderer Nutztiere und der Fernhandel brauchte Zuchttiere wie Pferde und Kamele. Die Herrschaftsform verwandelte sich vom sakralen Königtum bis hin zu Superstratieformen geschichteter Gesellschaften der jüngeren Geschichte. Hier kommt Müller mit seiner Gesamtbetrachtung im 20 Jahrhundert an, bei den afrikanischen Sozialismusversuchen im Osten wie bei Apartheid im Süden.
   Logischerweise folgt nun die Fallstudie, ausgehend von einem Mord in Westafrika im Sommer 2001. Ritz-Müller analysiert diesen Fall und zeigt die sehr komplexen Verflechtungen einer modernen Welt mit einer durch und durch traditionellen auf. In Afrika begegnen sich beide Sphären nahezu ohne Übergangszone und die Menschen leben oft in beiden Bereichen gleichzeitig – ein gigantischer Spagat. Die Autorin vermittelt aber durch ihre exzellente Studie auch die tieferen Schichten, denn der Kriminalfall bliebe unverständlich ohne Kenntnis afrikanischer Geistigkeit. Dafür haben die vorausgehenden Kapitel den Boden bereitet und wir können den afrikanischen Spezialfall als exemplarisch in der Welt stehend betrachten: Es hätte auch an fast jeder anderen Stelle des Globus sein können. Mit einer eigenartig (aber nur auf den ersten Blick) anmutenden Trickstergeschichte endet dieser Exkurs und leitet über zum siebten Anschnitt:
   »Vom Sinn des Ganzen.« Es ist ein großer Schritt, Weltentwicklung und Geistesentwicklung in einem Zusammenhang abzuhandeln, aber es spricht für das Autorenteam, dass dies gelungen ist ohne in Plattheiten abzurutschen. Die Genesis ist vollendet.
   Vorsicht: Das Buch ist eine Herausforderung für jeden Leser, es hat viele Querbezüge, aber aus den komprimierten, tiefen Gedanken lässt sich Gewinn für Jahre ziehen. Man sieht dem Werk an, dass es die reife Frucht eines langen Forscherlebens ist und die Gedanken wirken beim Leser nach und bilden Keime, die sich entfalten. 19 Seiten Literaturverweise bieten zusätzlich Material in Hülle und Fülle.
Dr. Wolfgang Creyaufmüller, Freie Waldorfschule Aachen

Was »macht Sinn«? Oder deutscher: Was ist Sinn? »Der plausible und verlässlich beglaubigte Bedeutungszusammenhang, der Erfahrungs- und Lebenswelt erklärt, seine Motivationsdynamik aus einem Satz elementarer Werte schöpft, für die viele ihr Leben einzusetzen bereit sind, und der insofern das Dasein als lohnend erscheinen lässt, Orientierung vorgibt und das Handeln normativ leitet.« (S. 187, Hervorhebungen von HPH) Kultur aber »ist der permanente menschliche Kampf um die Anwort nach dem Sinn des menschlichen Lebens« (S. 60, Anm. 8).
Vorliegendes Buch untersucht die verschiedenen kulturellen Systeme (prädatorische, frühagrarische, hochagrarische, frühhochkulturliche, peregrine, modern-postmoderne) auf Sinnstrukturen. Sinn dient nicht nur der »Bewältigung« von (der Nießbrauch Luckmannscher Terminologie sei erlaubt) kleinen, mittleren und großen Kontingenzen (etwa plötzlicher Krankheit; schlimmer Tod, Kapitalverbrechen, Naturkatastrophen), sondern - und das vor allem - alltäglicher systemischer Inkonsistenzen (dass etwa Menschen, Tiere und Pflanzen, die das eigene System als ihnen wesensverwandt vorgibt, töten müssen, um selbst zu leben: in prädatorischen und agrarischen Gesellschaften). Noch komplizierter wird die Generierung und Perpetuierung von Sinn, wenn Gesellschaften (mit je eigenen Sinnstrukturen) sich überlagern, etwa eine eingewanderte neue Herrenschicht, eine autochthone Bevölkerung (sekundäre Superstratiereiche, am Beispiel eines Königtums in Burkina Faso, ehemals Obervolta, datailliert vorgeführt). Oder wenn in städtischen Hochkulturen die funktionelle Spezialisierung (Berufe), Hierarchisierung (Verwaltung) und die multikulturelle Differenzierung (Zuwanderung) übergreifende Sinnkonstruktionen erschwert, zersetzt oder verunmöglicht. Das ist natürlich auch die Situation des »Projekts der Postmoderne« auf Sinnsuche. Und das war auch der Anlass zu diesem Band, der (u.a.) im Rahmen der Studiengruppe »Sinnkonzepte als lebens- und handlungsleitende Orientierungssysteme« im kulturissenschaftlichen Institut Essen 1997-2002 Ergebnisse aus ethnologischer Perspektive vorlegt.
Ob allerdings eine Kulturwissenschaft durch historisches »Erzählen« (als einer »mentalen Operation der Sinnbildung«) »aus Zeit Sinn macht« (indem sie kontingentes Geschehen - wie Ereignisse, die zu einschneidenden Veränderungen führen - der Erfahrung deutend integriert, sie sinnvoll erscheinen lässt und damit auch Orientierungsfunktionen für die Gegenwart übernimmt: S. 183f.) und mit ihrem Anspruch nicht etwas zu hoch greift, bleibe dahingestellt. Bei allem (rasanten) Wandel, dessen Zeugen wir gegenwärtig sind, würde der Rezensent (HPH) der Religion als längstem, bewährtestem, nicht unproblematischen Sinnlieferanten auch heute noch die Siegerpalme reichen.

Prof. Hans- Peter Hasenfratz, Universität Bochum, Evangelisch-Theologische Fakultät

Sinnvolles Handeln ist in jeder Situation des Lebens angebracht. Dies gilt für alle Kulturen und wird normalerweise ohne große Überlegung umgesetzt. In Gefahrensituationen reagiert der Mensch jedoch überlegt. Bei einer als übernatürlich angesehenen Gefahr greifen Mechanismen ein, die von früheren Generationen übernommen worden sind. Das können religiöse Riten oder magische Handlungen sein, die einzeln oder von einer Gruppe agierender Menschen ausgeführt werden. Niemand würde dabei bewusst sinnlos handeln, sondern nach einem Konzept, das auch von den anderen Mitgliedern der Gruppe verstanden und mitgetragen wird. Sinnkonzepte »sind immer auch Ausdruck der Identität der Gruppe« (S. 161).

In den beiden ersten Kapiteln befasst sich Klaus E. Müller mit prädatorischen (Sammlerinnen- und Jägerkulturen) und frühagrarischen Gesellschaften sowie der Übergangsform zwischen beiden, sogenannten Erntevölkern. Er gibt eine knappe Einführung in diese Gesellschaften, ihre Lebensweise, Gruppenkonzepte und Kulturen. Die Kulturen bezeichnet er als »Sinnsysteme«, die den Menschen »verbindliche Orientierungsrichtlinien für Denken und Handeln« geben. Sie müssen »bewährt erscheinen und einsichtig begründete Antworten auf alle grundlegenden Fragen des Daseins geben« (S. 45). Ihre sakrale Legitimation ist der Mythos. Sehr eindrücklich wird dem Leser der Unterschied der Lebensweisen und entsprechend auch der Sinnsysteme erläutert.

In einem weiteren Kapitel legt Müller die Entstehung und das Funktionieren von Herrschaftssystemen dar, die erst durch das Aufkommen von Sesshaftigkeit und Hochkulturen möglich wurden. Er unterscheidet dabei prinzipale Systeme, Marktsysteme, Superstratiesysteme (Königtümer), Satellitensysteme, urbane und pagane Systeme, um sich schließlich mit dem Gottesstaat auseinander zu setzen.

Unter der Überschrift »Warum sind die Hyänen im Fluss?« findet sich ein ausführlicher Bericht von Ute Ritz-Müller über ihre Erfahrungen mit dem Sinnsystem und -konzept des Mossi-Königreiches Tenkodogo in Burkina Faso. Dabei kommen vor allem Konflikte und deren Lösung in der gegenwärtigen Situation zum Ausdruck: Das Aufeinandertreffen von traditionellem Sinnkonzept und modernem Staat. Dies ist ihr vorzüglich gelungen, wobei nicht zuletzt interne Probleme dargestellt werden, die sich aus der Gegenwartssituation ergeben und früher vermutlich eine drastischere Lösung gefunden hätten. Dieses Beispiel zeigt das Funktionieren eines Sinnsystems und zugleich seine Anpassung an die neue oder überhaupt an eine veränderte Situation.

Im Schlusskapitel kommt Klaus E. Müller zu dem Ergebnis, dass Sinnkonzepte »nicht nur eine Universale, sondern auch ein Grundbedürfnis menschlicher Gesellschaften« darstellen, und dass »die Stabilität der Sinnsysteme eine Grundvoraussetzung für ihre Funktionsfähigkeit darstellt« (S. 161f.). Er zeigt am Beispiel der frühagrarischen Gesellschaften die Bedingungen / Voraussetzungen unter denen Sinnsysteme existieren. Müller stellt die Regeln der Gemeinsinnigkeit zusammen und erläutert schließlich Sinnkrisen, die durch endogene oder exogene Störimpulse entstehen können, sowie die Suche nach Mitteln und Wegen zur Behebung solcher Krisen. Sinnkonzepte entsprechen dem Grundbedürfnis sozialer Gruppen und begründen deren Identität.

Diese wichtige Veröffentlichung belegt, dass Sinnkonzepte und -syteme sich nach Meinung des Rezensenten nicht nur als soziales und ethnologisches Phänomen erweisen, sondern sie sollten auch unter kulturethologischem Aspekt Beachtung finden.

Jürgen Zwernemann

Print 23,80 €

09/2004, 214 Seiten, kart.
ISBN 978-3-89942-134-7

Artikel-Nr.: 134

-134-7: Müller/Ritz-Müller, Des Widerspenstigen Zähmung

Sinnwelten prämoderner Gesellschaften

 

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07/2015, 214 Seiten
ISBN 978-3-8394-0134-7

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