Michael Cowan / Kai Marcel Sicks (Hg.)

Leibhaftige Moderne

Körper in Kunst und Massenmedien 1918 bis 1933

Nach 1918 stützen sich zahlreiche Versuche, einen Begriff von der »Moderne« zu entwickeln, auf die Zuweisung neuer Sinnpotenziale an den Körper. In der Lebensreformbewegung wird der Körper zum Inbegriff von Natürlichkeit, der Wettkampfsport richtet ihn am Kriterium der Effizienz aus, und die entstehende Modeindustrie macht den Leib zur Ware. Die Kunst und die neuen Massenmedien bieten diesen Positionen ideale Foren zur Austragung ihres symbolischen Streits. Der bebilderte, umfangreiche Band führt die wesentlichen Körperkonstrukte der zwanziger Jahre erstmals zusammen und analysiert sie vom Maschinenmensch über die FKK-Ästhetik und den Mannequin-Körper bis zum Ausdruckstanz in mehr als 20 Ausprägungen.


 

Michael Cowan (PhD) ist Germanist und Romanist an der University of California in Berkeley.
Kai Marcel Sicks (Mag. phil.) ist Germanist am Kölner Forschungskolleg »Medien und kulturelle Kommunikation«.

»[This] collection of essays, five of which are in English, will surely benefit any scholar working in the quickly expanding field of body studies, and the admirably interdisciplinary nature of this volume means that it should be on the bookshelf of anyone who studies art, film, fashion, dance, sports, or the FKK movement in Weimar Germany.«
Erik Jensen, German Studies Review, 2 (2007)
Besprochen in:

Kulturwissenschaftliches Jahrbuch Moderne, 2 (2006), Stefanie Rinke

Kulturgeschichte, Cultural Studies, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Sportwissenschaft

Die Zeit der Weimarer Republik wird vor allem durch einen kulturellen Sachverhalt gekennzeichnet: die besessene Thematisierung und Inszenierung des menschlichen Körpers. Unter diesem einleitenden Aspekt ist es den Herausgebern Michael Cowan und Kai Marcel Sicks gelungen, in ihrem interdisziplinär angelegten Band Beiträge aus den Forschungsfeldern Germanistik, Kunstgeschichte, Musik-, Medien- und Sprachwissenschaften zu versammeln und diese aus kulturwissenschaftlicher Perspektive produktiv miteinander zu verbinden. Einen wesentlichen Aspekt der Untersuchung stellt die Analogisierung von Sport und Kunst bzw. Körper und Maschine in der Ästhetik der Weimarer Republik dar, wobei hier unter anderem die Konsequenzen der vergangenen (und zukünftigen) Kriegserfahrungen weitergeschrieben, aber vor allem in den »modernen Leib« der Weimarer Republik eingeschrieben werden. Den Angelpunkt des Sammelbandes bildet die innovative These, dass in der Zwischenkriegszeit aber auch eine Gegenbewegung ausgemacht werden kann, die eine oben angesprochene Technisierung des Körpers konsequent negiert. Dieser diskursive Dualismus von industrialisierter Technik versus Natürlichkeit verbindet inhaltlich die insgesamt dreiundzwanzig Beiträge und wird formell durch die markierten Verweise zwischen den einzelnen Beiträgen übersichtlich weitergeführt.
So sind es die Leistungskörper des professionellen Wettkampfsports, die von Autoren wie Brecht, Musil, Kramer, Gühne u. a. sowie den Malern Grosz, Baumeister, Räderscheidt, Laserstein neu thematisiert werden, wenn sie Kunst und Sport parallelisieren und in Analogie setzen, um das heute ungewöhnliche Diktum der 20er Jahre postulieren zu können: Sport ist Orientierungspunkt der Kunst. Dabei wird der Sport poetisiert, wie wiederum die Kunstdisziplinen Musik, Malerei, Fotografie und Literatur »versportlicht« werden. Erwähnenswert scheint die Beobachtung, dass zwar eine Emanzipation der Frau als Sportkameradin gefördert wurde, im gleichen Maße aber die sporttreibende Frau als unbewegliche und »enterotisierte Puppe« mit Bubi-Schnitt in der Malerei dargestellt wird. Diese Thematisierung des weiblichen, aber auch des männlichen Körpers wird von den AutorInnen anhand normierter Körper in Modeindustrie und Modegrafik gezeigt. Der natürliche Körper der FKK- und Lebensreformbewegung mit seinen idealisierten Charakteristika des schlanken, sonnengebräunten (sprich »bronzenen«) und durchtrainierten Körpers wird unter anderem als ein Fetisch der Freikörperkultur verortet, der sich einerseits von den technisierten Körpern stark distanziert, aber sich andererseits als ein Kristallisationspunkt der »sonnenbraunen Kulturnation« erweist. Jedoch werden in den Beiträgen nicht nur genuin ästhetische Felder abgedeckt, sondern gleichermaßen wird nachgewiesen, wie die Perfomance des rhythmisierten Körpers in Choreographie und Tanz zur politischen Vision des kämpfenden Arbeiters wird, kurz: Der tanzende Körper wird zur politischen Theorie. Ein ähnlicher Sachverhalt - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen - zeigt sich bei den Ausstattungsrevuen der 20er Jahre, in denen der Mannequin-Körper zum ökonomischen Kapital wird, zur Projektionsfläche und Verkörperlichung materieller Wünsche, wenn der weibliche Körper unter anderem als Edelstein personifiziert wird. Und später wird in diesem Kapitel neben der Wechselwirkung von Musik und Körperbildung als eine »musikimmanente Körperlichkeit«, auf den »schwarzen«, afroamerikanischen Körper im Kontext der Jazzbewegung eingegangen. Bemerkenswert rundet das abschließende Kapitel über groteske Körper den Band ab, wenn hier der »deformierte« bzw. »erkrankte« Körper als Angriff auf den »idealen« Körper interpretiert wird. Ferner wird unter einem medientheoretischen Aspekt gewinnbringend der Einfluss medialer Strategien auf moderne Episteme bzw. einer »Produktion von Wissen« nachgezeichnet. Jene diagnostischen und physiognomischen Blicke auf den Körper werden unter anderem als kulturelle Bedeutungsträger entlarvt, die sich als politisch motivierte Strategien einer visuellen Differenzierung zwischen pathogenen Körpermerkmalen (der Arbeiter und Juden) und der idealisierten Vorstellung einer Körper-Leitfigur in den Illustrationen der einschlägigen Zeitschriften erweisen.
Dieser Sammelband beeindruckt vor allem in seiner Verbindung der kulturellen Praktiken von Sport und Kunst, deren enges Zusammenwirken die Literatur-, Kunst- und Kulturgeschichte der Weimarer Republik noch ganz entscheidend prägt, wie auch jene zeitlich vergangenen Körper einen historisch bedeutenden Angelpunkt ausmachen, der für die nachfolgenden Köper-Generationen nicht zu unterschätzen ist.

(Rupert Gaderer [Mag. phil.] ist zurzeit mit seinem Dissertationsprojekt über Poetisierungen technischer Blicke Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.)


Schon wieder ein Modernebegriff - könnte man (seufzend) meinen. In der Tat sind die Konzeptionalisierungen von Moderne Legion. Die dem Gegenstand in aller Regel zugeschriebene Unübersichtlichkeit scheint sich in der beunruhigenden Vielzahl der Versuche, Moderne zu fassen und stillzustellen, zu spiegeln. Aber wie so oft täuscht auch angesichts des von Michael Cowan und Kai Marcel Sicks herausgegebenen Bandes der erste, vorschnelle Eindruck: Bereits der Titel des Sammelbandes, »Leibhaftige Moderne«, ist klug gewählt, ist nicht bloßes Etikett, sondern führt ins Zentrum der auf den folgenden Seiten geführten Debatte. Mindestens zwei Zugriffsebenen werden hier gekoppelt: Einerseits die Betonung der Körperlichkeit, der »Besessenheit durch Idealkörper« - so eine Leitthese - als Kennzeichen der Moderne, anderseits die Akzentuierung auf Wirklichkeit - »leibhaftig« eröffnet und erschließt eben auch diese Bedeutungsebene. Das ist insofern interessant, da im vorliegenden Band und mit der vorgenommenen Ausrichtung jene Forschungstradition konterkariert, korrigiert und ergänzt wird, die im Fahrwasser des linguistic turns die rein sprachliche Verfasstheit von Wirklichkeit propagiert.
Dabei ist der gerade eingeführt Schematismus des Einerseits-Andererseits irreführend, da er die Tiefendimension des Titels verflacht, eben die Gleichzeitigkeit von Inszenierungen, Konstruktionen, Wahrnehmungsprozessen und Praktiken, Diskursivem und Nicht-Diskursivem, die auf den Körper zielen und / oder von diesem ausgehen.
Über das grobe Raster eines an Rationalisierung, Technisierung oder Normierung ausgerichteten Modernebegriffs wird ein feineres Raster gelegt. Dieses Raster zieht sich durch die 21 Fallbeispiele, die zwar theoriegeleitet sind, nicht aber theoriebildend verfahren. Deduktiv erproben die einzelnen Beiträge die »künstlerische und massenmediale Inszenierung der 'neuen' Körperpraktiken in der Weimarer Republik«. Sport, Mode, Lebensreform, Tanz und Film werden ebenso thematisch wie widerständige, in Bezug auf Idealkörper subversive Inszenierungsstrategien. Besonders überzeugend sind all jene Beiträge, die Überschneidungen, Überblendungen und Austauschprozesse mit thematischen Formationen ausloten, die zum Standardrepertoire der Auseinandersetzung mit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zählen: der kriseologische Subjekts- und Identitätsdiskurs, medientheoretische Überlegungen und poetologische Fragestellungen.
Die Beiträge bewegen sich (von wenigen Ausnahmen abgesehen) auf der Höhe aktueller theoretischer Überlegungen, seien es Anleihen bei der kulturwissenschaftlichen Theoriebildung oder Übernahmen von und Anknüpfungen an medientheoretische(n) Denksätze(n).
So bietet der Band, und das ist ein seltenes Glück, Instruktives für ein noch wenig informiertes Publikum und zeichnet zugleich, aufgrund der Vielzahl von Einzeluntersuchungen, der Vielschichtigkeit dank Interdisziplinarität und Internationalität, ein facettenreiches Bild, das auch dem versierten, dem mit dem Themenkomplex vertrauten Leser Denkanstöße, Anregungen und neue Einsichten liefert. Die hohe Anschlussfähigkeit ist dabei nicht zuletzt der Strukturierungsleistung der Herausgeber geschuldet, die in fünf Kapiteln ein für die Moderneforschung relevantes Gebiet erschließen.
Angesichts des rasanten Ausstoßes von Sammelbänden ist es überdies eine Wohltat, einen Band in Händen zu halten, bei dem über die inhaltliche Qualität nicht die Sorgfalt beim Edieren vergessen wurde. Leider auch keine Selbstverständlichkeit mehr.
Jenseits genuin wissenschaftlicher Fragestellungen geraten auch unsere heutigen Körpervorstellungen in den Blick. Der Band betreibt en passant eben auch eine Archäologie der zeitgenössischen Körpervorstellungen, -praktiken und -inszenierungen und verdeutlicht somit einmal mehr, wie lohnend die Auseinandersetzung mit den zwanziger Jahren immer noch ist. So liest man im Vorwort von Hans Ulrich Gumbrecht: »Die in den zwanziger Jahren entworfenen Idealkörper faszinieren uns also (vorerst) ohne Ende, weil sie der Anfang einer Ästhetisierung des physischen Lebens waren, gegenüber der wir heute keine Alternative mehr haben, wenn wir - körperlich - überleben wollen (…).«

(Jan Engelke, MA [USA], Universität zu Köln)


Die Sprachskepsis der Jahrhundertwende, die mit dem Weltkriegsschock als einer der Gründe für die Hinwendung zum Körper gesehen wird, schlägt sich in den vorliegenden 21 Fallstudien zur künstlerischen und massenmedialen Inszenierung der neuen Körperpraktiken der Weimarer Republik nur mehr im anschaulichen Bildmaterial (dem »Esperanto des Auges«) und dem offenen Ende der Sammlung nieder, sonst wird dankenswerter Weise dem Hang der Geisteswissenschaftler verschiedener Fachgebiete und Wissenschaftstraditionen zu »exzessiv geistreichen Formulierungen« (so das Vorwort) nachgegeben. Es ist wohl kein Zufall, dass der erste Beitrag des Bandes der Zeitschrift Der Querschnitt gewidmet ist, denn in diesem exemplarischen Blatt wurden Körper und Kunst in einen Zusammenhang gebracht, wobei der Zusammenstellung der Beiträge sinnstiftende Bedeutung zukam. Ähnlich werden auch die Beiträge in diesem Band durch ihren Kontext mitbestimmt: Sie sind trotz einer praktikablen Systematisierung Teil einer im gleichen Layout uniformierten Masse und werden in ihrer Serialität zur Schau gestellt wie die Körper der Tiller-Girls, wobei sie in ihrer inhaltlichen Vielfalt ständig aufeinander verweisen, wenn auch nicht immer explizit. Am Beginn der Untersuchungen von Film, Foto, Bild, Bühne, Schaufenster, Stadion, Musik und Text steht der energiegeladene und effiziente Idealkörper, am Ende sein pathologisches, aber identitätsstiftendes Gegenbild; in die Mitte des Themen-Quintetts genommen sind neben der Modeindustrie und ihren Modellen auch »natürliche« (aber nicht unbedingt naturbelassene) Körper in der FKK- und Lebensreformbewegung sowie Körper im Dienst der Tanzkunst und der Musik. Ausdrücklich wird zu einer Quer-Lektüre dieses Netzwerks aus Bezügen und Verknüpfungen eingeladen, wobei der so erfolgte Querschnitt eine breite Übersicht über den sich am Körper manifestierenden Zeitgeist von 1918-1933 gewährt.

(Mag. Jakob Starzinger, Universität Wien)

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03/2005, 384 Seiten, kart., zahlr. Abb.
ISBN 978-3-89942-288-7

Artikel-Nr.: 288

-288-7: Cowan/Sicks, Kunst und Körper

Körper in Kunst und Massenmedien 1918 bis 1933

 

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09/2015, 384 Seiten
ISBN 978-3-8394-0288-7

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