Jürgen Budde

Männlichkeit und gymnasialer Alltag

Doing Gender im heutigen Bildungssystem

Das Buch widmet sich der aktuellen Frage, wie Jungen im heutigen Bildungssystem Geschlecht herstellen (doing gender). Männlichkeit entsteht hier als Ergebnis von Interaktionen, an denen neben den Mitschülern auch Lehrkräfte, Mitschülerinnen und institutionelle Rahmenbedingungen beteiligt sind. Es zeigt sich, dass die bisherigen Männlichkeitsbilder zunehmend dysfunktional werden und in Bewegung geraten. Zugleich existieren Situationen, in denen Geschlecht an Relevanz verliert (undoing gender). Anhand vieler Beispiele gibt das Buch einen detaillierten Einblick in den Alltag von Schülern der Mittelstufe im Gymnasium und skizziert Möglichkeiten der Veränderung von Männlichkeit.


 

Jürgen Budde (Dr. phil.) arbeitet an der Universität Hamburg sowie als freiberuflicher Bildungsreferent. Seine Forschungsschwerpunkte sind Männlichkeitsforschung, Gender Studies und Jungenarbeit.

Besprochen in:
www.genderundschule.de, 21.10.2005 www.lehrerbibliothek.de, 25.10.2010, Christian Prior
»[D]das Buch [ist] wegen seiner detailreichen Analysen, die die Generierung von Männlichkeit im schulischen Alltag nachvollziehbar machen, sowohl für Wissenschaftler/-innen als auch Praktiker/-innen im besten Sinne des Wortes aufschlussreich.«
Barbara Scholand,www.querelles-net.de, 17 (2005)

Erziehungswissenschaft, Schulforschung, Soziologie, Gender Studies, Männerforschung

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch »Männlichkeit und gymnasialer Alltag« von Jürgen Budde sollte möglichst schnell von allen Hochschulen und Universitäten angeschafft werden, an denen junge Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden. Es sollte in den Fundus der Grundlagenliteratur aller Seminare aufgenommen, die Fragestellungen der »Konstruktion von Geschlechterstereotypen«, »Doing Gender« oder »Interaktionen im Klassenraum« thematisieren. Die ausführlich, umfassend und zugleich spannend zu lesenden dokumentierten ethnographischen Studien geben Einblick in die Interaktionsstrukturen zwischen den Jungen, zwischen den Jungen und den Mädchen und den Lehrkräften und den Jugendlichen.
Aber auch Lehrkräfte, die schon im Dienst sind, sollten sich zumindest auszugsweise ab und an mal mit einigen der Forschungsergebnisse beschäftigen. Es muss nicht gleich das sehr umfangreiche Buch gelesen werden, um neue Sichtweisen auf Jungen, auf ihre Mechanismen zur Konstruktion von Geschlecht und Hinweise und Tipps zur Reflexion des eigenen Verhaltens zu erhalten. Dies ist notwendig, weil die Lehrkräfte für die Gestaltung einer geschlechtergerechteren Schule »ein fundiertes theoretisches Wissen um die spezifischen Konstruktionsmechanismen von Männlichkeit und Weiblichkeit und von den geschlechtlichen Identifikationsprozessen ihrer Schülerinnen und Schüler« benötigen.

Die zentrale Fragestellung, der Budde nachgeht lautet, wie Jungen im schulischen Kontext an ihrem Bild von Männlichkeit basteln. »Welche Methoden wenden die Schüler an, um geschlechtliche Zugehörigkeit herzustellen?« und »Was machen Jungen in der Schule eigentlich, um legitim als Jungen zu gelten?« sind dabei zwei zentrale Fragstellungen, die Budde vor allem durch eine Präsentation einer an einem Hamburger Gymnasien durchgeführten ethnographischen Studie zu beantworten sucht.
Die Dokumentation dieser methodischen Vorgehensweise zeigt aber auch, dass die Lehrkräfte (Männer wie Frauen) an der Konstruktion von Männlichkeit entscheidend beteiligt sind. Budde geht in diesem Zusammenhang der Frage nach, ob nicht das Verhalten der Lehrkräfte zu einer Dramatisierung, zu einer Verschärfung der Geschlechterstereotype auf Seiten der Jungen führt. Budde greift damit einen Diskurs auf, zu dem sich Lemmermöhle (Universität Göttingen) folgendermaßen äußert: »Gerade wenn es darum geht, Geschlechterstereotype und -ungleichheiten aufzubrechen, stehen Lehrerinnen und Lehrer vor widersprüchlichen Aufgaben: Sie müssen die Geschlechterverhältnisse thematisieren, ohne sie zu dramatisieren, sie müssen die Schülerinnen und Schüler in ihrer Geschlechterzugehörigkeit wahrnehmen, ohne sie darauf zu reduzieren.« (Lemmermöhle: Gender und Genderforschung als Herausforderung für die Professionalisierung von Lehrerinnen und Lehrern). Auch Budde kommt zu der Erkenntnis, dass die Gestaltung geschlechtergerechter Prozesse nur herzustellen ist, wenn in den Köpfen der Lehrkräfte »zuerst eine Dramatisierung im Sinne einer Thematisierung« der Geschlechterfrage »stattgefunden hat, ohne die Stereotype zu bekräftigen«.

Dem gesamten Buch ist anzumerken, dass es nicht nur von wissenschaftlichen Fragestellungen und Theorien aus geschrieben worden ist. Man merkt deutlich, dass Budde auch in der praktischen Jungenarbeit tätig ist und das System Schule kennt. Dies wird auch an einem der vielen von Budde genannten Vorschläge deutlich: »Für die unterrichtliche Praxis bedeutet dies, viel stärker die einzelnen Schüler und Schülerinnen in den Blick zu bekommen, anstatt nun einen an Geschlecht angepassten Unterricht zu gestalten. Individualisiertes Lernen und das Lernen voneinander könnte bei den Schülern (wie auch den Schülerinnen) mehr eigenes Interesse wecken - unabhängig davon, ob Thema und Didaktik nun besonders 'jungen- oder mädchenfreundlich' ist.«
Eine Perspektive, die bei der Gestaltung der Arbeit jeder Schule aufgegriffen und beachtet werden sollte.

(Ulrich Boldt, Jg. 1951, ist Gesamtschullehrer und Lehrer im Hochschuldienst an der Universität Bielefeld. Aktuelle Publikationen: Jungen stärken. Materialien zur Lebensplanung [nicht nur] für Jungen [2005], Ich bin froh, dass ich ein Junge bin [2. Aufl. 2004], Jungen stärken. Zur Modernisierung der Lebensentwürfe von Jungen [2000].)

Print 25,80 €

03/2005, 268 Seiten, kart.
ISBN 978-3-89942-324-2

Artikel-Nr.: 324

-324-2: Budde, Männlichkeit

Doing Gender im heutigen Bildungssystem

 

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PDF-Download, 68,36 MB
09/2015, 268 Seiten
ISBN 978-3-8394-0324-2

CC BY NC ND

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