Autoreninterview

... mit Werner Schiffauer

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht«. Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Es geht darum, Bewegung in die festgefahrene Debatte um Integration zu bringen. Die Diskussion... >>>
... mit Werner Schiffauer

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht«. Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Es geht darum, Bewegung in die festgefahrene Debatte um Integration zu bringen. Die Diskussion ist hochgradig ideologisiert und krankt daran, dass kaum jemand sich mehr die Mühe macht, genau hinzusehen und den Ursachen für die Misere in den Einwanderervierteln nachzugehen. Das Bild der Parallelgesellschaft trägt zu der Verhärtung bei. Es ist hochgradig suggestiv – und gleichzeitig viel zu simplistisch. Es verstellt den Blick und suggeriert einfache Antworten, die zum Scheitern verurteilt sind.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Das Bild der Parallelgesellschaft legt einen Graben zwischen Einwanderern und Mehrheitsgesellschaft nahe. In der Realität vor Ort aber findet man überall Vernetzungen, Brücken und Übergänge. Ich versuche diese Beobachtung zum Ausgangspunkt für eine Politik der klugen Differenz zu nehmen. Diese Politik nimmt die Sorgen, die über Integration und Gesellschaftszerfall existieren, ernst, zeigt aber Alternativen zu einer Politik auf, die Zuflucht zu Assimilationsdruck, Bekenntniszwang und Loyalitätsforderungen nimmt.

3.Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen Debatten in Wissenschaft und Gesellschaft zu?
Es gibt reale Probleme in den Einwanderervierteln: Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Schulversagen. Die Rede von der Parallelgesellschaft legt nahe, dass die Ursache für diese Probleme im Wesentlichen in der Kultur der Einwanderer zu finden ist. Damit wird die Wechselwirkung mit der weiteren Gesellschaft geleugnet. Dies bedeutet nicht, dass Kultur ohne Bedeutung wäre. Aber wenn man sie nicht in den gesellschaftlichen Zusammenhang stellt, redet man herbei, was man eigentlich vermeiden möchte – z.B. einen Kulturkonflikt.

4. Welche besonderen Aspekte kann die wissenschaftliche Betrachtung in die öffentliche Diskussion einbringen?
Als Wissenschaftler hat man, im Gegensatz zu Journalisten, die Möglichkeit, jenseits von den Aufgeregtheiten der Tagespolitik zu diskutieren. Ich sehe den spezifischen Beitrag meiner Disziplin, also der Ethnologie, darin, die Probleme anhand von Einzelstudien in ihrer ganzen Komplexität auszuloten. Damit gelingt es uns, den Blick auf die Wechselwirkungen zu lenken, die leicht aus dem Blick geraten, wenn man aus politischen Gründen allzu schnell versucht, Verantwortlichkeiten zuzuschreiben.

5. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit konservativen Polikern wie Norbert Lammert und Günter Beckstein. Beide reden viel und gerne über Parallelgesellschaft, müssten es aber eigentlich besser wissen.

6. Ihr Buch in einem Satz:
Es geht mir darum, Perspektiven für eine Politik zu entwickeln, die der Realität der Netzwerkgesellschaft Rechnung trägt und sich nicht vom Phantom Parallelgesellschaft ins Bockshorn jagen lässt. <<<


Werner Schiffauer

Parallelgesellschaften

Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft?
Für eine kluge Politik der Differenz
(2., unveränderte Auflage 2011)

Die Beschwörung einer »Leitkultur« und die Warnungen vor den Gefahren einer Parallelgesellschaft sind für die Integration von Migranten mehr hinderlich als befördernd. Werner Schiffauer plädiert mit diesem Buch dagegen für einen neuen Realismus, für eine Kultur des genauen Hinsehens. Mit Blick auf die Lebensrealität in Einwanderervierteln und islamischen Gemeinden zeigt er, wie gesellschaftliche Solidarität auch in Situationen kultureller Differenz entstehen und behauptet werden kann. Es sind weniger gemeinsame Werte und Überzeugungen, die für den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft entscheidend sind, als vielmehr die Aufrechterhaltung von kulturellen Austauschprozessen. Mehr denn je ist daher eine kluge Politik der Differenz gefragt, die auf Anerkennung und kommunikative Einbindung setzt statt auf Eindeutigkeitszwänge. Auf diesem Boden kann Identifikation mit der Einwanderergesellschaft und gesellschaftliches Engagement entstehen und zunehmen.


 

Werner Schiffauer (Prof. Dr.) lehrt Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Seine Forschungsschwerpunkte sind Migration, Strömungen im europäischen Islam sowie heterogene Gesellschaften.

»Der Autor nähert sich seinem Thema kritisch und [...] ausgesprochen einfühlsam. Seine Studie besitzt durchaus operativen Charakter, und sie illustriert in hervorragender Manier neuere Konzepte von ›Kultur‹ als Prozess, als Diskursfeld, als Arena, als Ort der Verhandlung von alltagsbezogenen Standards und Regeln.«
Burkhart Lauterbach, Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde, 2010
»Entscheidend ist, dass Schiffauer mit seinem nachdenklichen Buch einen überaus wichtigen Beitrag nicht nur zu einem heute zentralen gesellschaftlichen Thema, sondern auch zum Umgang der ethnologischen Wissenschaften mit kultureller Differenz geleistet hat.«
Juliana und Klaus Roth, Zeitschrift für Volkskunde, 106/1 (2010)
»Schiffauers Studie zeigt eindrucksvoll die Haltlosigkeit der Leitkulturtheoretiker, aber auch jener Traumtänzer, die kulturelle Faktoren für politisch belanglos halten.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2009
»Werner Schiffauer hat ein kluges, durchweg lesenswertes Buch vorgelegt, das dem Leser überraschende Einsichten liefert und durch seine klare Argumentation überzeugt.«
Werner Winter, www.aric.de, 4 (2009)
»Durch die vorliegende, gut gegliederte und sprachlich sehr sorgfältige Veröffentlichung erhält man migrations-/integrationspolitisch einen großen Gewinn. Das Buch von Schiffauer kann allen an diesem Themenkomplex Interessierten empfohlen werden.«
Süleyman Gögercin, www.socialnet.de, 27.01.2009
»Kluge Kritik am kontraproduktiven Gedanken der Leitkultur.«
börsenblatt SPEZIAL, 3 (2008)
Besprochen in:

Behemoth. A Journal on Civilisation, 3 (2008), Elena Buck
iaf, 3 (2008), Cornelia Spohn
EthnoScripts, 11/2 (2009), Hauke Dorsch

Anthropologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Islamwissenschaft

Print 16,80 €

08/2008, 152 Seiten, kart.
ISBN 978-3-89942-643-4

Artikel-Nr.: 643

-643-4: Schiffauer, Parallelgesellschaften

Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft?
Für eine kluge Politik der Differenz
(2., unveränderte Auflage 2011)

 

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07/2015, 152 Seiten
ISBN 978-3-8394-0643-4

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