Stephan Günzel (Hg.)

Topologie.

Zur Raumbeschreibung in den Kultur- und Medienwissenschaften

Das Thema »Raum« ist äußerst populär, die Vielfalt der Methoden und Gegenstandsbereiche wird jedoch zunehmend unüberschaubar. Hier setzt der Band an: Er versammelt Beiträge verschiedener Disziplinen, die eine ausdrücklich relationale oder ortsspezifische Beschreibung von Räumlichkeit vornehmen.
Hierzu wird die aktuelle Raumdebatte in den Kultur- und Medienwissenschaften rekonstruiert und die Entstehung der Topologie im Kontext der Mathematik nachgezeichnet. Einzelanalysen widmen sich verschiedenen Anwendungsgebieten wie Architektur, Film- und Literaturwissenschaft, Kunst, Psychologie oder Soziologie und gehen auf die Schlüsselfunktion phänomenologischer und strukturalistischer Ansätze ein.


 

Stephan Günzel (Dr. phil.) lehrt Medienwissenschaft an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind Raum-, Bild- und Medientheorie.

Homepage:
www.stephan-guenzel.de

»Der Band [ist], topologisch betrachtet, durchaus konsequent angelegt und mit Gewinn zu lesen, praktiziert er doch, was er predigt.«
Sven Grampp, MEDIENwissenschaft, 2 (2008)
»Ohne Zweifel bildet der Band eine lesenswerte Bereicherung der interdisziplinären Raumforschung.«
Adèle Garnier, geschichte.transnational, 25.04.2008
Besprochen in:
Berichte zur deutschen Landeskunde, 84/1 (2010), Jürgen Hasse

Kulturwissenschaften, Literaturwissenschaft, Medien- wissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie

»Stephan Günzel stellt mit diesem Werk einen Sammelband zur ›Topologie‹ vor, der den aktuellen ›topological turn‹ in den Kultur- und Medienwissenschaften thematisiert. Vertreten sind unter anderem Beiträge aus der Philosophie, Psychologie, Soziologie, Kultur-, Literatur- und Filmwissenschaft. Jeder Beitrag nähert sich auf seine Weise dem Thema Topologie. Gemeinsam ist allen das Anliegen, nach der Phase des luftigen Konstruktivismus über den ›spatial turn‹ bzw. ›topographical turn‹ hinauszugehen und nicht auf halber Strecke wieder bei Materialismus oder Substanzdenken stehen zu bleiben.
Die Topologie erhebt also den Anspruch einen neuen Realismus einzuleiten, der so bisher noch keine Chance erhalten hat. Wer bereit ist, ihm diese Chance jetzt zu geben, der findet hier wertvolle Anregungen für einen topologischen Blick auf unsere Welt.«

Thomas Latka

»Topologie und topologische Aspekte werden in der gegenwärtigen Diskussion über die ›Wiederkehr des Raumes‹, die häufig in einer zu Unschärfe tendierenden Begrifflichkeit geführt wird, eher untergeordnet behandelt oder ganz ausgeblendet. Diesem Manko abzuhelfen und gleichzeitig zu einer präziseren Bestimmung von Raum- bzw. Räumlichkeitsvorstellungen innerhalb der Geisteswissenschaften ausgehend von der historischen Herausbildung der Topologie als mathematischer Disziplin Anfang des 18. Jahrhunderts beizutragen, ist Ziel dieses interdisziplinär angelegten Bandes. Er wird eröffnet durch eine konzise Einleitung des Herausgebers Stephan Günzel zu den Begriffen Raum, Topographie, Topologie und ihrer gegenwärtigen Konjunktur in den Kulturwissenschaften im Kontext von ›spatial‹ bzw. ›topographical turn‹ (vgl. dazu auch die Bände von Jörg Döring und Christian Berndt/Robert Pütz). Der Blick richtet sich nunmehr auf die ›Möglichkeit einer Beschreibung räumlicher Verhältnisse hinsichtlich kultureller und medialer Aspekte‹, also ›von dem, wie Raum bedingt, hin zu dem, wie Räumlichkeit bedingt ist.‹ (Günzel, S. 13).
Der Band umfasst 18 in 3 Teilen angeordnete Beiträge: (I) ‹Vom Raum zur Topologie‹ (Geschichte, Kulturgeographie, Philosophie, Kino), (II) ‹Anfänge der Topologie‹ als Vorstellung von Räumlichkeit im Barock zur mathematischen, Anfang des 18. Jahrhunderts als Analysis situs sich herausbildenden Disziplin, (III) ›Anwendungsgebiete von Topologie‹ in Psychoanalyse, Psychologie, Literatur- und Medienwissenschaft, Architektur, Sozialwissenschaft, Philosophie.
Zum einen wird der topologische Gehalt, der bestimmten Theorien zugrunde liegt bzw. auf den bestimmte Theorien mehr oder weniger explizit zurückgreifen, herausgearbeitet: so Lippuner zu Bourdieu und de Certeau (265-278), Lück zu Kurs Individuums zu bestimmen (251-264). Wegener befasst sich mit Lacans Topologie des Subjekts, die weder als bloße Illustration noch im streng mathematischen Sinne zu verstehen sei, sondern selbst als eine Art Rätsel diene, um sich mit dem Erkennen von Strukturen und Bewegungen der menschlichen Psyche zu befassen (235-250). Zum anderen werden zukünftige Anwendungsmöglichkeiten von Topologie erörtert, die letztere als ›heuristische Metapher‹ für ein relationales, nicht-euklidisches Raumdenken fruchtbar machen.
Das Faszinierende an diesem Band ist, dass er - heutige - Grenzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften überschreitet. Er verfolgt die Topologie konsequent von ihren Anfängen, im Räumlichkeitsdenken des Barock (Leonhard, 135-152), in Geometrie (Bornschlegell, 153-170), Mathematik und Naturphilosophie (Heuser, 183-201) über die Eulersche Lösung eines der berühmtesten Rätsel des 18. Jahrhunderts ? nämlich die Frage, ob ein Rundgang in Königsberg über alle sieben Brücken möglich ist, ohne einen Weg doppelt zu gehen (Velminski, 171-182) ? bis zu ihrer Bedeutung für die Städteplanung der Gegenwart, die mit konturlosen Städten konfrontiert ist (Huber, 203-218), topologischen Aspekten im Werk von Jorge Luis Borges (Bors, 279-297) und im Medium des Kinos (Ries, 297-309). fspalicher Erfahrung (Waldenfels, 69-84, Tholen, 99-114, Busch 115-133) oder Karl Schlögels Plädoyer (33-51) für die Beschäftigung des Historikers mit der ›Materialität des Raumes‹, der ›Vergegenwärtigung des Schauplatzes‹ und der dazu gehörigen Karten (47) als letztlich topographischer Ansatz, wohingegen Lossau (53-68) in ihrer Darlegung von Ansätzen angelsächsischer und deutscher Kulturgeographie eine skeptische Haltung vertritt, was die Aussagekraft derartiger Erkenntnisse angeht (65). Zugleich wird deutlich, dass bestimmte topologische Figuren sich als Konstanten in verschiedenen Disziplinen finden, so das Labyrinth (Bexte, 219-234; Wegener, 235-250) oder das Möbiusband als Figur, in der sich die Dichotomie von Innen und Außen auflöst, was die Psychoanalyse Lacans als Modell für die Topologie des Subjekts fruchtbar macht (Wegener), schließlich der parcours als Wegstrecke, der Raum erst produziert (bei Certeau und Lacan).
Der letzte Beitrag (Ebeling, 309-324) widmet sich überblickshaft dem Stellenwert von konkreten Orten im 20. Jahrhundert in der kulturtheoretischen philosophischen Diskussion. Die Beschäftigung mit ‹konkreten historischen Formen‹ (Benjamin), wie sie sich beispielsweise bei Benjamin, Foucault und Agamben finde, sei, so Ebeling, als Reaktion auf die jahrhundertelange Marginalisierung des realen Raums zu verstehen. In gewisser Weise wird die Reflexion über Orte und Räumlichkeit damit wieder an den Einleitungsaufsatz von Schlögel rückgebunden, der ja das ›Vetorecht des Ortes‹ hervorhebt.
Die Beschäftigung mit einem topologischen Raumverständnis, mit Lagerungsbeziehungen und Strukturen, in Mathematik und Geometrie sowie ihren Ausprägungen in anderen Disziplinen macht zum einen deutlich, wie sehr Topologie heuristisch fruchtbar zu machen ist, zum anderen, wie sehr topologische Bezüge Denkentwürfe und theoretische Modelle durchziehen, und zwar lange vor der deklarierten ›Wende zum Raum‹.«
Verena Dolle

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08/2007, 332 Seiten, kart., zahlr. Abb.
ISBN 978-3-89942-710-3

Artikel-Nr.: 710

-710-3: Günzel (Hg.), Topologie

Zur Raumbeschreibung in den Kultur- und Medienwissenschaften

 

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07/2015, 332 Seiten
ISBN 978-3-8394-0710-3

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