Autoreninterview

... mit Jörg Gleiter

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Bücher schreiben heißt Klärung der Gedanken. Das ist mehr als sinnvolle... >>>
... mit Jörg Gleiter

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Bücher schreiben heißt Klärung der Gedanken. Das ist mehr als sinnvolle Sätze formulieren. Bücher lassen Welten entstehen. Das macht die Affinität von Buchautoren und Architekten aus: Sie sind ›Weltbaumeister‹, die einen praktisch, die anderen theoretisch – aber sie brauchen einander, um sich gegenseitig auseinander zu halten.
Was gibt es Spannenderes, als an diesem Prozess der Erkenntnis zwischen Theorie und Praxis beizuwohnen – oder soll man gleich von der Erotik der Erkenntnis sprechen?

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Das Buch weitet die Perspektive der Architekturtheorie zwischen den zwei Polen: praktische Ästhetik und Philosophie der Architektur. Praktische Ästhetik fragt nach der Architektur in Hinblick auf ihr Gemachtwerden. Philosophie der Architektur untersucht die Möglichkeitsbedingungen der Architektur im kulturellen Ganzen.
Medientheorie und Medienphilosophie, Kunsttheorie und Kunstphilosophie – nur die Architekturtheorie hat bisher die Weitung zur Architekturphilosophie noch nicht vollzogen.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Ende der 60er Jahre wurden die ersten Architekturtheorielehrstühle eingerichtet. Damals, mit dem Neubeginn nach dem Fiasko mit der orthodox verfestigten Moderne fing alles an. Aber die Spielphase der Postmoderne ist vorbei.
Heute kämpft die Architekturtheorie um ihre Etablierung als ernst zu nehmende akademische Disziplin, die die kulturelle Funktion der Architektur im dynamisch sich verändernden kulturellen Kräftefeld immer wieder aufs Neue auslotet.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit Benedikt XVI., weil man mit der Diskussion über die Architektur die Grundlagen des Lebens berührt, weil wir damit am Boden der Erkenntnis über das Leben ankommen. »Architekturtheorie heute« stellt die Frage, wie wir uns in der Welt einrichten wollen. Welche Prinzipien sollen die Architektur leiten?
Ist »Architekturtheorie heute« etwa ein religiöses Buch? Sicherlich nicht, im Gegenteil, denn es hat sich der Kritik an allen festgesetzten Gewissenheiten, d. h. allem Glauben in der Architektur verschrieben.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Eine spannende Lektüre, der man die Lust des Autors an der Theorie nicht nur anmerkt – sie steckt an. <<<


Jörg H. Gleiter

Architekturtheorie heute

Rücksichtslos drängen die digitalen Technologien heute allem und jedem ihre Logik auf. Sie lassen sich immer weniger auf die Bildschirme beschränken. So fordern sie gerade die Architektur als jene universale kulturelle Praxis heraus, durch welche die kulturelle Logik einer Zeit ihre Übersetzung in den Lebensalltag erfährt. In der Renaissance war es der Neoplatonismus, im Barock die Gegenreformation und in der Moderne die Maschinenrationalität, heute dagegen ist es die Logik der digitalen Technologien, die nach Aufnahme in den Gehalt der Architektur verlangt. Wo es keine Alternative dazu gibt, bedarf es der kritischen Reflexion der Grundlagen der Architektur heute.


 

Jörg H. Gleiter (Dr.-Ing. habil., M.S.) ist Architekt und Inhaber des Lehrstuhls für Architekturtheorie an der Technischen Universität Berlin.

Homepage:
www.architekturtheorie.tu-berlin.de

»Den Reiz des schmalen Buchs macht der mitreißende intellektuelle Schwung von Gleiters dichter Darstellung aus: Das gilt für seine [...] Einführung in die jüngere Architektur und ihre Ideengeschichte, von der frühen Moderne über die Postmoderne bis hin zum Dekonstruktivismus und zum ›digital turn‹.«
Frank Thinius, Süddeutsche Zeitung, 27./28.09.2008

Architektur, Ästhetik, Kulturwissenschaften

Print 13,80 €

03/2008, 138 Seiten, kart.
ISBN 978-3-89942-879-7

Artikel-Nr.: 879

-879-7: Gleiter, Architekturtheorie

 

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E-Book 11,99 €

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07/2015, 138 Seiten
ISBN 978-3-8394-0879-7

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