Autoreninterview

... mit Holger Schulze

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht«. Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Sound Studies sind eine neue Disziplin. Über Klänge wird zwar seit Jahrhunderten, seit... >>>
... mit Holger Schulze

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht«. Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Sound Studies sind eine neue Disziplin. Über Klänge wird zwar seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden gesprochen und geschrieben.
Doch erst seit den technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hat die körperliche Klanggestalt an Bedeutung gewonnen – im Alltag,
zwischen iPod, Lautsprecheransagen, Audio-Mashups und in großen medialen Arenen. Diesem ganz neuen Gegenstand wendet unsere Einführung sich zu.
2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Volume 1 der Sound Studies stellt die zentralen Forschungsgegenstände, -methoden und auch -fragen der neuen Disziplin vor. LeserInnen erleben die Gründung einer neuen Disziplin – in Beiträgen renommierter VertreterInnen aus Musik- und Medienwissenschaft, aus Gestaltungstheorie, Technik- und Kulturwissenschaften. Erstmals wird Klang grundsätzlich nicht überwiegend musikalisch verstanden, sondern als Phänomen sui generis.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu? Historisch gesehen tritt mit dem Begriff des Klangs in Aufzeichnung, Wiedergabe und Bearbeitung eine neue wissenschaftliche Entität in den Vordergrund. Quer durch bestehende Disziplinen wird sie darum untersucht, befragt und entwickelt. Klang ist damit – ähnliche wie die Sinne generell – derzeit eines der umstrittensten und vieldiskutierten Forschungsthemen der Kulturwissenschaften.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Georg Seeßlen, Sascha Koesch, Thomas Meinecke.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Wie hören wir gegenwärtig und geschichtlich Klänge – und wie leben und arbeiten wir mit und inmitten dieser Klänge? <<<


Holger Schulze (Hg.)

Sound Studies: Traditionen – Methoden – Desiderate

Eine Einführung

Was höre ich – jetzt? Wie höre ich in diesem Raum oder auf diesem Platz?
Die Buchreihe Sound Studies möchte ein Sprechen aus, mit und über Klang eröffnen – über Fach- und Methodengrenzen hinweg, über die Grenzen wissenschaftlichen Sprechens hinaus.
Es werden Fragen gestellt nach dem gegenwärtigen, historischen und künftigen Leben von Menschen und Tieren mit Dingen und Lauten; nach den Sounds, die sie gestalten, durch die sie handeln und fremde wie auch vermeintlich vertraute Kulturen erkunden.
Der erste Band bietet eine Einführung in Traditionen, aktuelle künstlerische Ansätze und gegenwärtige Methoden – eine allgemeine Einführung in das Forschungsfeld Sound Studies, welches quer zu etablierten Disziplinen und Ausdrucksformen liegt. Er versammelt Texte zu historischen Beispielen der elektronischen Musik, des Radios und der Netzmusik, zu funktionalen Klängen, zur Akustischen Architektur, zur Pop- und Medienmusikwissenschaft, zu medienhistorischen Betrachtungen von Zeit und Klang, zur akustischen Markenkommunikation und zu experimentell-künstlerischen Ansätzen.
Mit Beiträgen von Sam Auinger, Roger Behrens, Diedrich Diederichsen, Florian Dombois, Wolfgang Ernst, Golo Föllmer, Thomas Hermann, Daniel Ott, Holger Schulze, Martin Supper, Elena Ungeheuer, Carl-Frank Westermann u.v.a.m.


 

Holger Schulze (PD Dr. phil.) ist Privatdozent für Historische Anthropologie des Klangs an der Universität der Künste Berlin. Er leitet das internationale Forschungsnetzwerk der DFG »Sound in Media Culture: Aspects of a Cultural History of Sound«.

Homepage:
www.soundstudies.info (Weblog)
www.udk-berlin.de/soundstudies
www.www.mediumflow.de

»Auf die Fortsetzung der Buchreihe darf man [...] allemal gespannt sein.«
Stefan Drees, DIE TONKUNST, 4 (2009)
»Das vorliegende Buch ist [...] geeignet für ›architektonische Wanderer‹, die sich mit dem Raum befassen in einem eher ›phänomenologischen‹ Sinne. Leser dieses Schlages werden sich bereichert fühlen in den zahlreichen Exkursen u.a. zur Radiokunst, ›Echtzeit-Posie‹, Musikästhetik oder Medientheorie.«
Christian J. Grothaus, www.baunetz.de, 13.01.2009
Besprochen in:

archithese, 2 (2009), Sabine von Fischer
Positionen, 83 (2010), Barbara Barthelmes
EthnoScripts, 13/1 (2011), Ulrike Herzog
Merkur, 5 (2013), Eckhard Schumacher
»Das Überblenden von Cultural Studies, Architektur, Medientheorie, Ansätzen aus den Bereichen der E- und U-Musikwissenschaft ist die Stärke des Buchs [...].«
Stefan Niederwieser, thegap, 2 (2009)

Kulturwissenschaft, Kunstwissenschaft, Anthropologie, Musikwissenschaft, Sound Studies

»Wie die Cultural, Media and Visual Studies sind auch die Sound Studies eine vergleichsweise junge Disziplin, die, seit den 1970ern, nicht nur auf wissenschaftliche Methoden der Untersuchung, sondern genauso auch auf Erkundungen ihrer künstlerischen Akteure zurückgreift. Letzteres erklärt sich dadurch, dass die Sound Studies durch einen Musikbegriff auf den Plan gerufen worden sind, der durch Klangspezialist(inn)en sukzessive erweitert und damit ausgelotet wird. Seit (spätestens) John Cage ist er um alles, was klingt, bspw. in Interdependenz mit der Stille, ergänzt worden. Später wird er auch auf das bezogen, was sich stumm bewegt oder im Sinne einer visible music schlicht sichtbar ist. Schließlich wird sogar das, was mit dem Geruchs-, mit dem Tast-, Geschmacks- oder Gleichgewichtssinn erfahrbar ist, und damit auch die Einflussmacht von Ton und Licht, Landschaft, sozialem Umfeld und Architektur etc. auf die menschliche Wahrnehmung als sound bezeichnet. Dies macht die Sound Studies, die sich als eine empirische Wissenschaft verstehen, in sowohl inhaltlicher als auch in methodologischer Hinsicht, für viele andere wissenschaftliche Disziplinen interessant. Ihr Zugang zur Empirie ist ein sehr spezieller, der in den Sozialwissenschaften etwa mit einer fundamentalen Berücksichtigung der Akteursperspektive vergleichbar ist, die dort zu einer (teilweise kreativen) Erweiterung von Erhebungsverfahren führt. Allerdings scheint es so, dass in Hinblick auf die Sozialwissenschaften in den Sound Studies aktuell (noch) soziologische Fragestellungen präferiert werden. Ausgegangen wird dort also von der Perspektive des Soundkünstlers und der Soundkünstlerin. Diese initiieren in Analogie zum erweiterten Kunstbegriff Klangarrangements, ohne diese vollständig auszuarbeiten; folgt man Hannah Arendt (1960), so besteht Handeln generell darin, einen Faden in ein Gewebe zu schlagen, das man nicht selbst gemacht hat. Indem das Monopol in Hinblick auf das Komponieren bzw. Herstellen von Musik aufgegeben wird, wird eine Außenperspektive auf die fremderzeugten oder schlicht auftretenden Klänge gewonnen, die besondere Möglichkeiten für eine Reflexivität in Hinblick auf die künstlerische Praxis sowie solche für deren Weiterentwicklung eröffnet.
Im aus den Arbeitszusammenhängen an der UdK Berlin hervorgegangenen und von Holger Schulze herausgegebenen ersten Band einer geplanten Buchreihe zur Einführung in die noch junge Forschungsrichtung wird deutlich, dass die Klärung des Begriffes sound, in seiner deutschen Übersetzung Klang, ein sehr wesentliches Aufgabenfeld derselben darstellt. Elena Ungeheuer stellt in ihrem Beitrag wichtige Unterschiede zwischen sound und Klang heraus. Sie hebt auf die Unmittelbarkeit von Klang und Musik ab, die sie in Hinblick auf deren Generativität, Phänomenalität, Medialität und Magie expliziert. Ferner zeigt sie unter feministischer Perspektive die historischen Wurzeln der diskursiven Konstruktion von Klang im Sinne eines (noch-)nicht-gestaltet-Seins in den Sound Studies auf. So seien bereits Notationssysteme, instrument- oder apparateigene Formungsbedingungen, musikfremde (bspw. rechnerische) Vorgehensweisen und performative Bedingungen der Instrumental- und Aufführungspraxis klangerzeugend; sie übersetzten also nicht allein und ausschließlich bereits Vorgegebenes. Ebenfalls darauf verweisend, dass historisch gesehen Möglichkeiten der Musik in Auseinandersetzung mit musikfernen Parametern auf unmittelbare Art und Weise erschlossen wurden, stellt Daniel Ott ein Klangexperiment vor (Hafenbecken I und II in Basel 2005/6), das einer Dramaturgie des Aufführungsorts und dessen Geschichte zu folgen beansprucht. Der Beitrag von Roger Behrens liegt gleichsam quer zu allen anderen. Auch er lotet die Vorstellung einer Unmittelbarkeit des Erzeugens und Erlebens von Musik aus. Aus der Perspektive der Kritischen Theorie folgt er der Prämisse, dass die Totalität gesellschaftlicher Verhältnisse, auch wenn sie den Einzelnen als unmittelbare Gewalt entgegentritt, doch nicht unmittelbar, sondern nur fragmentiert, zersplittert gegeben sei. Daraus resultiere die Notwendigkeit einer permanenten Vermittlungsarbeit durch die Individuen. In der kulturellen Ordnung des Kapitalismus sei allerdings die Strategie wirksam, das Konkrete, jeweils Wirkung Erzielende (Produktionsbedingungen etc.) gegenüber den affektiven und zugleich sozialen Empfindungen, bspw. den sounds, in den Hintergrund zu stellen. Einem nicht elitären sound-Begriff, wie er in den Sound Studies angestrebt werde, gibt der Autor keine Chance, solange dieser lediglich ein bloßes Einverständnis mit klanglich Designtem und in dieser Hinsicht schlicht Gegebenem markiere. Martin Suppers Beitrag, in dem die Vorstellung materielosen Klanges in Hinblick auf die mit den verschiedenen Tonträgern oder -erzeugern Schallplatte, Konzertsaal, Studio etc. jeweils verbundenen Konstruktionen von Realität dekonstruiert werden, ist ein Paradebeispiel für den Versuch der Sound Studies, sich nicht elitär zu verstehen. Andreas Hagelükken wendet den materialistischen Analyseansatz auf die Geschichte der Radiokunst an und ergänzt ihn um diskursiv-soziale Aspekte, die er in solche auffächert, die mit der (Weiter-) Entwicklung der Möglichkeiten einer Klangerzeugung verbunden sind; in solche, die mit der gezielten, bspw. propagandistischen Nutzung der Suggestivkraft von Klängen, sowie in solche, die mit dem Anliegen einer Hervorbringung neuen Hörens verknüpft sind. Golo Föllmer schlägt in Hinblick auf den erweiterten und durch möglichst flache Hierarchien gekennzeichneten Musikbegriff der Sound Studies vor, von intermedialen Arbeiten zu sprechen, in denen Ton, Sound, Audio, Musik, Geräusch, Stimme etc. als Gegenstände und Gestaltungsmittel fungieren. Er fokussiert auf Netzmusik, der er eine radikale soziale und disziplinäre Offenheit der Interaktion zuerkennt. Jens Gerrit Papenburgs Beitrag, der sich mit dem Zusammenhang von Text und Kontext in Hinblick auf Notation und Rauschen befasst, scheint auf die sich in Bezug auf den vorangegangenen Beitrag geradezu aufdrängende Frage nach der Sinnhaftigkeit der dort umrissenen Interaktion zu antworten. Zugriff auf die Materialität der Medien will er unter Hinzuziehung von Peter Doyles Kritik an technikzentrierten Ansätzen in der Musik sowie dadurch gewinnen, dass er Hall- und Echoformen näher in den Blick nimmt. Dietrich Diederichsen verweist in Hinblick auf die Konstitution von sozialem Sinn durch Pop-Musik auf die indexikale Wirkung von Sounds. Ein Sound sei wie ein Logo oder ein Fetisch dazu geeignet, Merkmale herzustellen, durch die sich eine soziale Gruppe von anderen sozialen Gruppen abhebt; Sound-Bilder oder Sound-Zeichen korrespondierten hier bestimmten Milieus oder Haltungen, Typiken sozialer Problemlagen etc. Im akustischen Logo erhielten Informationen, die über Klänge transportiert werden, ihre ausgeprägteste Eindeutigkeit. Mit der pragmatischen Seite von Klängen befasst sich auch der Beitrag von Georg Spehr, der Sonifikationen, Klangsignale in hands-busy-eyes-busy-Situationen thematisiert und auf affektive Informationen abhebt, die in Videospielen etc. über Klänge transportiert werden. In diesem Beitrag zeichnet sich, zumindest theoretisch, die Möglichkeit für eine empirische Erhebung pragmatisch motivierter Klanggestaltungen ab. Empirie wird auch im Folgebeitrag von Thomas Hermann vorgezeichnet, der die Sonifikation aus der Abhängigkeit von Urheberschaft herauslöst, indem er sie durch die Korrespondenz von Klang und Dateneigenschaften definiert. Sein Augenmerk liegt auf der Darstellung diverser Sonifikationstechniken und auf den in dieser Hinsicht relevanten Forschungsfeldern. Als Parameter bei der Übertragung von Sounds und der Klangorganisation fungieren, wie Wolfgang Ernst zeigt, Raum und Zeit resp. deren Phänomenologie. Ernst hebt auf die dynamische Klangbewegung ab, durch die der symbolische Kode der Musik unterlaufen werde und die sich insofern als sonische diffrance bestimmen lasse. Holger Schulze stellt heraus, dass sich raumzeitliche Klangformationen auf unsere Alltagsgestaltung auswirken. Er verweist auf Ansätze in der Architektur, Raumwirkungen von Klängen aufzugreifen und zu inszenieren. Die menschliche Körperlichkeit werde hier im Modus von Schall und Schwingung gefasst (warum nicht in dem der Resonanz?). Mit kulturell bedingten Klangspielen täten unsere Körper mit, sofern sie mit ihnen vertraut seien. Sei dies wie bei fremden Sprachspielen nicht der Fall, so könnten Synrhesen dazu beitragen, bspw. im Rahmen der Musikpädagogik die neuen Zusammenhänge nachzuvollziehen und sich mit diesen auf impliziter Ebene zu verbinden. Sam Auinger stellt den impliziten Charakter von Hörerleben und damit auch die Vergeblichkeit des Unterfangens heraus, eine (Weiter-)Entwicklung von Hörkompetenzen beschleunigen zu wollen. Eine Anwendung des Konzepts auditiver Architektur, das dem erweiterten Architekturbegriff folgt, wird in dem Beitrag von Alex Artega und Thomas Kusitzky vorgestellt. In wissenschaftlicher Hinsicht wird hier die Verknüpfung von Kognition und Entwurf/Entwerfen im Sinne eines artistic research akzentuiert, der auf Befragungen von Personen vor Ort zu ihrer Klangumwelt, wobei deren Wahrnehmungsperspektiven mittels hergestellter Umgebungen vorstrukturiert werden. Das Ziel besteht in einer Evaluation von Architekturprojekten resp. darin, eine Architektur zu produzieren, die in ihrer sinnlichen Erfahrung (tatsächlich) die Qualitäten erkennen lässt, die angestrebt wurden. In diesem Beitrag wird die Möglichkeit einer Transformation von Wahrnehmung in Sprache schlicht vorausgesetzt. Florian Dombois hingegen wirft die Frage nach einem Denken in anderen Darstellungsformen, gar jenseits der Sprache auf. Er sieht die oben angesprochene Veränderung in Hinblick auf die Reflexivität und die Weiterentwicklung der künstlerischen Praxis, die durch den erweiterten Musikbegriff möglich wird, nicht nur darin, die Medienfrage ins Bewusstsein zu bringen und visuell geprägte Vorstellungen zu hinterfragen, sondern weitergehend auch darin, eine Epistemologie zu entwickeln, die überhaupt auf Hören basiert. Damit verweist er auf Desiderate, die im Forschungsfeld der Sound Studies weniger in der künstlerischen Praxis als in den Methodologien und Methoden zu deren empirisch gestützter Beforschung (und nicht nur Beschreibung) liegen. Es ist aber zu erwarten, dass die Folgebände der geplanten Buchreihe, zu der dieses Buch den Auftakt darstellen soll, in dieser Beziehung weiterführen.«
Anja Kraus

Print 28,80 €

09/2008, 316 Seiten, kart.
ISBN 978-3-89942-894-0

Artikel-Nr.: 894

-894-0: Schulze (Hg.), Sound Studies

Eine Einführung

 

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07/2015, 316 Seiten
ISBN 978-3-8394-0894-0

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