Autoreninterview

... mit Ines Kappert

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Weil es bislang kaum Bücher gibt, die sich die allgemeine Rede vom »Mann in der... >>>
... mit Ines Kappert

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Weil es bislang kaum Bücher gibt, die sich die allgemeine Rede vom »Mann in der Krise« auf ihre grundsätzliche Dramaturgie ansehen. Häufig wird die These, Männer seien heutzutage zu den Verlierern in unserer Gesellschaft geworden, bejaht oder verneint. Mein Buch hingegen fragt danach: Welche Opferinszenierung kommt hier zum Tragen? Welche Schuldigen werden für die männliche Misere benannt? Welche Idee von einer funktionierenden Gesellschaft steht hinter der Kritik am Mann als bemitleidenswerten »Trottel«? Welchen Effekt hat diese Rede auf das Geschlechterverhältnis? Hilft es die Position von Frauen zu stärken?

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
»Mann in der Krise« entfernt sich von der Frage nach männlicher (oder weiblicher) Identität. Stattdessen beleuchtet die Studie den Zusammenhang zwischen einer massentauglichen Kritik am unmännlichen Mann und der Kritik am Kapitalismus. Die Kernthese der erfolgreichen Kriseninszenierungen nämlich lautet: Wenn eine demokratische Gesellschaft nicht in der Lage ist, ihre normalsten Vertreter glücklich zu machen, ist sie massiv beschädigt, ist sie krank. Damit hat sie ihre Legitimation verspielt. Das Auffällige ist, dass die »Systemfrage« im Feld der Massenkultur gestellt und negativ beschieden wird.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen Debatten in Wissenschaft und Gesellschaft zu?
Männlichkeit bzw. Männlichkeiten sind sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft zu einem wichtigen Thema avanciert. Der dunkle Kontinent Mann wird in Deutschland seit etwa zehn Jahren intensiv erforscht.

4. Welche besonderen Aspekte kann die wissenschaftliche Betrachtung in die öffentliche Diskussion einbringen?
Die Diskussion um Männlichkeiten bzw. um angeschlagene Männlichkeiten ist häufig hochemotionalisiert und schert sich wenig um Faktentreue. Eine wissenschaftliche Betrachtung erlaubt demgegenüber fehlende Fakten nachzuliefern. Zum anderen erhellt der wissenschaftliche Ansatz den Nutzen dieser Unsachlichkeit.

5. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit Klaus Theweleit, dem Autor von »Männerphantasien«.

6. Ihr Buch in einem Satz:
Eine gutlesbare Studie, die anhand der Romane von Michel Houellebecq und John M. Coetzee sowie anhand von Filmen wie »Fight Club« (David Fincher) und »American Beauty« (Sam Mendes) erläutert, warum die These vom Mann in der Krise grundsätzlich einen konservativen Kern hat – und patriarchale Erzählungen deutlich mehr absichert als sie sie in Frage stellt. Trotzdem bietet der Diskurs vom Mann in der Krise die Möglichkeit zu begreifen, wie Männlichkeit derzeit in westlichen Gesellschaften funktioniert. Und keine Gesellschaft kann sich verändern, gar für mehr Gleichberechtigung streiten, ohne ihre Idee von Männlichkeit in Frage zu stellen. <<<


Ines Kappert

Der Mann in der Krise

oder: Kapitalismuskritik in der Mainstreamkultur

Die Figur des ›ganz normalen Mannes‹ als Verlierer unserer Gesellschaft erfreut sich seit Ende der 1990er Jahre großer Popularität. Aber was ist an der marktfähigen Rede von Männern in der Krise interessant?
Die Studie zeigt, dass die Inszenierung des unrettbar realitätsuntüchtigen Mannes zum Sigle einer harschen Gesellschaftskritik wird. Hollywoodblockbuster wie »American Beauty« von Sam Mendes oder »Fight Club« von David Fincher ebenso wie die Romane von Michel Houellebecq koppeln die Erzählung von dysfunktionalen Mittelschichtsmännern an die Beschreibung der Konsumgesellschaft als weder menschliches noch zu humanisierendes System.


 

Ines Kappert (Dr. des. phil.) ist Autorin und Meinungs-Redakteurin der tageszeitung (taz). Ihre Schwerpunkte liegen bei Fragen der Identitätspolitik, dem Feminismus, der zeitgenössischen Literatur und des Films sowie den Kulturszenen im östlichen Europa.

»›Der Mann in der Krise‹ ist ein gutes und äußerst anregend geschriebenes Buch.«
Felix Krämer, H-Soz-u-Kult, 24.03.2009
Besprochen in:

Missy Magazine, 1 (2009), Chris Köver
www.single-generation.de, 16.02.2009
H-Soz-u-Kult, 4 (2012), Peter-Paul Bänziger

Kulturwissenschaft, Gender Studies, Masculinity Studies, Komparatistik

Print 24,80 €

10/2008, 250 Seiten, kart.
ISBN 978-3-89942-897-1

Artikel-Nr.: 897

-897-1: Kappert, Der Mann in der Krise

oder: Kapitalismuskritik in der Mainstreamkultur

 

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PDF-Download, 3,62 MB
09/2015, 250 Seiten
ISBN 978-3-8394-0897-1

CC BY NC ND

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