Gunther Gebhard / Oliver Geisler / Steffen Schröter (Hg.)

StreitKulturen

Polemische und antagonistische Konstellationen in Geschichte und Gegenwart

Gestritten wird oft, viel, an unterschiedlichen Orten, in verschiedensten Kontexten. Der Präsenz des Phänomens »Streit« steht allerdings seine negative Bewertung gegenüber. Sie speist sich aus seinem dissoziierenden Charakter, dessen Faktizität die Harmonie- und Stabilitätsorientierung normativer symbolischer Ordnungen immer wieder herausfordert. Das vergesellschaftende Moment des Streits, seine Funktionalität und nicht zuletzt seine Produktivität bleiben oft unbeachtet.
Streitkulturen zu analysieren bedeutet, den Streit als eine spezifische Form der Auseinandersetzung in den Blick zu nehmen, seine Regelhaftigkeit, seine jeweils historisch wie sozial variablen Erscheinungsweisen aufzuzeigen. In der interdisziplinären Perspektive der Beiträge zeigt sich der Streit als kulturelle Form der Austragung antagonistischer Positionen in Geschichte und Gegenwart. Es wird eine Annäherung an eine eigenständige kultur- und sozialtheoretische Figur ermöglicht, die mehr ist als lediglich ein Epiphänomen des Konflikts.


 

Gunther Gebhard (Dipl.-Soz.) ist freier Lektor und Publizist. Er lebt in Dresden.
Oliver Geisler (Dr. des.) ist Organisator der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Musikfest Erzgebirge.
Steffen Schröter (Dipl.-Soz.) ist freier Lektor und Publizist. Er lebt in Dresden.

Geschichtswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte

»Streit ist - ebenso wie der ständige Versuch, ihn zu vermeiden - nicht nur in der alltäglichen Interaktion mit anderen, sondern auch in Massenmedien, Politik oder Recht allgegenwärtig. Und so universell dieses Phänomen zu sein scheint, so divers sind zugleich seine Ausprägungen, so verwirrend ist das Begriffsfeld, in dem es in der Regel angesiedelt wird. Konflikt, Kampf, Krieg, Konkurrenz - all jene Phänomene lassen sich ebenso als Formen der Auseinandersetzung betrachten wie der Streit. Doch wo liegen die Unterschiede, wo die definitorischen Grenzen, an denen Streit als analytische Kategorie bestimmt werden kann? Innerhalb der sozial- und geschichtswissenschaftlichen Literatur markieren diese Fragen bisher weitgehend eine Leerstelle. Ein Grund für die Herausgeber dieses Bandes, Streit in den Fokus zu nehmen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.
Hierfür stellen sie den Aufsätzen zunächst eine aufschlussreiche erste Systematisierung voran. Durch die Fragen nach den Medien, in denen Auseinandersetzungen ausgetragen werden, ihren unterschiedlichen Akteurskonstellationen bzw. den möglichen Ergebnissen vollziehen sie auf verständlichem Wege eine Annäherung an die spezifischen Eigenheiten von Streit. Streit - so eine der zentralen Aussagen - besitzt eine ‹eigenwillige Form‹, er entzweit und integriert zugleich: ›Die Entzweiung ist ihm eingeschrieben - denn ohne das Trennende wäre er kein Streit -, aber diese stellt gerade die Einheit der Beziehung her.‹ Jene potentielle Integrationsleistung ist es, die Streit von anderen Formen der Auseinandersetzung absetzt und darüber hinaus zugleich auf seine gesellschaftliche und kulturelle Relevanz verweist. Im Rahmen dieser Bestimmung wiederum erfährt Streit jedoch sowohl historisch als auch sozial die verschiedensten Ausprägungen. Demgemäß sprechen die Herausgeber auch nicht von dem Streit, sondern schlagen als analytisches Leitkonzept den Begriff der ›Streitkulturen‹ vor.
Dieses Konzept erfährt in den Beiträgen der insgesamt zehn Autoren schrittweise Kontur. So zeichnet beispielsweise Florian Hartmann nach, wie im Investiturstreit neue argumentative Mittel ihre Anwendung fanden und damit maßgeblich zu einer Innovation der Streitkultur beitragen konnten. Janina Fuge hingegen nimmt die Debatten um den Versailler Vertrag in der Weimarer Republik in den Blick und verweist damit auf die Bedeutung, die Streit für die Konstruktion kollektiver Erinnerung einnimmt. Streite um Vergangenheit, so wird hier deutlich, verweisen immer auch auf Positionsbestimmungen der Streitenden in der Gegenwart. Bleibt der Streit aus oder wird er unterdrückt, kann dies gesellschaftliche Stabilität gefährden. Auch Alexandra Ludewig verweist anhand europäischer Migrationsgeschichte auf diese Mechanismen von Streitvermeidung und deren negative Folgen, dann etwa, wenn sich Leitkultur und Streitkultur gegenseitig ausschließen. Streit, so eine Quintessenz, kann produktiv sein, muss aber nicht.
Neben diesen und zahlreichen anderen Beiträgen bietet der Band dem Leser zudem sehr originelle Themensetzungen. Dann etwa, wenn Sonja Württemberger der gesanglichen Angriffslust eines Walther von der Vogelweide das Prinzip des gegenseitigen ›Dissens‹ von Rappern wie den Fantastischen Vier gegenüberstellt oder von Silvan Wagner die unterschiedlichen Wirkungsweisen des Streitparadigmas ›Guck dich doch mal an!‹ in TV-Talkshows und mittelalterlichen Verserzählungen untersucht werden. Diesen vielfältigen und interdisziplinären Perspektiven der Autoren verdankt der Leser die Erschließung immer neuer Facetten des Phänomens Streit. Es wird deutlich, dass es nicht den einen Streit gibt. Vielmehr sind sein Ablauf und sein Ausgang, aber auch seine Produktivität oder seine Unterbindung maßgeblich abhängig von dem Rahmen, in dem er ausgetragen wird. Der Verweis auf diese Vielheit ist es, der ›Streitkulturen‹ unbestreitbar zu einem aufschlussreichen und lesenswerten Buch macht.«
Alexandra Schmidt

Print 25,80 €

09/2008, 236 Seiten, kart.
ISBN 978-3-89942-919-0

Artikel-Nr.: 919

-919-0: Gebhard et al. (Hg.), StreitKulturen

Polemische und antagonistische Konstellationen in Geschichte und Gegenwart

 

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07/2015, 236 Seiten
ISBN 978-3-8394-0919-0

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