Autoreninterview

... mit Angela Dreßler

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht«. Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Dieser Blick hinter die Kulissen verändert ganz bestimmt die Sehgewohnheiten in puncto... >>>
... mit Angela Dreßler

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht«. Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Dieser Blick hinter die Kulissen verändert ganz bestimmt die Sehgewohnheiten in puncto Nachrichten ...
2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Den Blick in die Welt durch die Brille der Korrespondenten.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
In der Debatte um eine globale Öffentlichkeit, aber auch Medienglobalisierung fehlen bislang fundierte empirische Studien, die Theorie und Praxis verbinden. Diese Arbeit erlaubt genau dies.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Im Buch wird diese Person als ›Mutti am Deich‹ bezeichnet.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Eine wissenschaftliche Reportage aus der Welt der Auslandskorrespondenten. <<<


Angela Dreßler

Nachrichtenwelten

Hinter den Kulissen der Auslandsberichterstattung. Eine Ethnographie

Globalität, Geschwindigkeit, Geschichten - dieses Buch ist ein zeitgenössisches Portrait der Arbeitsmethoden und -bedingungen von Auslandskorrespondenten in Washington D.C., Südostasien und Nahost.
Erstmalig in der deutschsprachigen Forschungslandschaft wird die Alltagspraxis der Korrespondenten vor Ort detailliert beschrieben und aus kulturtheoretischer Sicht analysiert. In den Beschreibungen und den Worten der Korrespondenten von A wie ARD bis Z wie Zeit wird Auslandsberichterstattung als kulturelle Praxis verstehbar: Geschichten aus der Welt werden über die Welt erzählt.


 

Angela Dreßler (Dr. phil.) lebt und arbeitet als freie Autorin in Berlin und London.

»Dreßler erfindet eine neue Sprache globaler Ströme.«
Anja Schwanhäusser, dérive, 40/41 (2010)
»[E]ine aufschlussreiche Arbeit, eine dichte Beschreibung des Gesehenen und Gehörten, assoziativ angereichert mit philosophischen, soziologischen und kommunikationswissenschaftlichen Einordnungen und ›Schlenkern‹, wie sie es selbst nennt.«
Nea Matzen, M & K, 1 (2009)
»So stellt sich die Arbeit nicht nur als eine Bestandsaufnahme der je konkreten, immer verschiedenen, weil orts- und situationsabhängigen Arbeitssituation der Journalisten dar, sondern sie ermöglicht auch einen Blick hinter den Vorhang.
Dass dabei der Grad zwischen dem In-Form-Bringen der Information durch den Auslandskorrespondenten, was auch manipulieren bedeuten kann, und dem übermittelten Tatsachenbericht schmal ist, wird in der Analyse deutlich.«
Jos Schnurer, www.socialnet.de, 11 (2008)
Besprochen in:

Das Parlament, 10.11.2008, Nicole Tepasse

Medienanthropologie, Journalistik, Soziologie, Ethnologie, Kulturwissenschaft

»Kameraleute in Singapur, Producer in Washington, Stringer aus Ramallah und immer wieder Korrespondenten aus Rundfunk und Print – all diesen Medienmitarbeitern begegnet man in Angela Dreßlers dichter Beschreibung der deutschen Auslandsberichterstattung. Durch die Berichtsgebiete Südostasien, USA und Nahost folgt diese Ethnographie der Alltagspraxis in den Studios und Büros vor Ort und vor allen Dingen ihrer gestaltgebenden Funktion. Hat man sich als Leser nämlich erst einmal auf einen geographischen Raum eingelassen, werden die physikalischen Räume auch schon wieder verlassen und andere betreten: Es geht um ›Die Weite Welt‹, den ›Kraut Atlantik‹ und den ›Geteilten Himmel‹. Um Sphären, Chronotope und anthropologische Räume. Räume, ›die durch das Zusammenwirken von Menschen (...) entstehen – in der Tat, im Gespräch, im Kontakt und stets als eine Möglichkeit von vielen.‹ (S. 24). Die Auslandsberichterstattung ist bislang ein ziemlich weißer Fleck auf der Forschungskarte. Statt den Blick jedoch mit Zahlen zu verstellen, entwickelt Dreßler ihr Vokabular und Beschreibungsverfahren aus dem Gegenstand selbst und bedient sich zielsicher bei so unterschiedlichen Disziplinen wie Medienanthropologie, Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Literaturwissenschaft. Dabei entsteht ein nachhaltiger Einblick in die Produktion von Nachrichten. Auch das journalistische Handwerkszeug merkt man der Autorin an: ›Nachrichtenwelten‹ ist nicht zuletzt eine spannende Lektüre.« Stefanie Menrath

»Angela Dreßlers Buch basiert auf einer außergewöhnlichen Ethnographie zeitgenössischer Medienwelten. Dabei fokussiert sie auf zentrale Akteure der Nachrichtenproduktion, deutsche Auslandskorrespondenten. Sie geht ihren Motivationen und Strategien zwischen lokalen Arbeitsbedingungen, globalen Vernetzungen und heimischen Erwartungen in einer brillant recherchierten und geschriebenen Studie nach und entfaltet ein facettenreiches Bild alltäglicher Berichterstattung, in Büros und Studios, der Zusammenarbeit mit ihren lokalen Mitarbeitern, in Recherchen und Einsätzen vor Ort, und mitunter auch ihrer - selten von der Arbeit völlig getrennten - Freizeit. Zudem wird die Produktion von Nachrichten als Prozess pragmatischen, aber zugleich verantwortungsbewussten beruflichen Handelns deutlich.
Die empirische Arbeit zu diesem Buch fand im Wesentlichen in unterschiedlichen Büros der Auslandsberichterstattung großer deutscher Massenmedien wie ARD und ZDF, Sat 1, NTV, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der ZEIT in den USA, Singapur und Israel statt, ergänzt durch anonymisierte Tiefeninterviews mit vielen Korrespondenten z.T. auch außerhalb der jeweiligen Einsatzorte sowie Selbstzeugnisse von bekannten und weniger bekannten Journalisten. Die Autorin war als Praktikantin bzw. Hospitantin in den jeweiligen Korrespondentenbüros aber nicht einfach nur distanzierte Beobachterin, sondern in alltägliche Abläufe und Diskussionen eng eingebunden. Aus der dichten Beschreibung dieser Interaktionen und Dialoge im Kontext der zur Zeit der Feldforschung jeweils dominierenden Ereignisse und ihrer medialen Verarbeitung entwickelt sie nicht nur ein differenziertes und zugleich plastisches Bild einer besonderen Gruppe von Journalisten zwischen Idealen und Handlungszwängen, sondern zeichnet die Entstehung ›glokaler‹ medialer Räume, in denen sie sich bewegen nach. Dieser Art Globalität nähert sich Dreßler weniger mittels Daten und Fakten der globalen Nachrichtenökonomie oder strukturtheoretischer Modelle weltweiter Vernetzung, sondern durch Erzählstränge und Gesprächsausschnitte, die den Alltag und das Handeln von Akteuren beleuchten, für die global-lokales Vernetztsein nicht nur Voraussetzung beruflicher Praxis ist, sondern die eine medial vermittelte Globalität auf eine besondere Art und Weise immer wieder neu erzeugen. Den dichten Raum des Austausches und der Rückkopplungen zwischen Arbeitsorten der Auslandsberichterstattung, den Heimatredaktionen und des Publikums sieht Dreßler dabei im Anschluss an Bachtin als besondere Raum-Zeit-Konstellation, ein chronotopos der globalen Vernetzung zwischen Gleichzeitigkeit, Verbundensein und Distanz - neben dem Sphärenbegriff Sloterdijks eine zentrale theoretische Referenz der Autorin.
Für diese Arbeit war die parallele wissenschaftliche Sozialisation der Autorin sowohl in den Medien- und Kommunikationswissenschaften als auch der Ethnologie ebenso ein Vorteil wie ihre eigene journalistische Praxiserfahrung, die sie neben der Feldforscherin an den Untersuchungsorten zugleich zur Kollegin machte. Dies ist vor allem in den angenehm ausführlich wiedergegebenen Gesprächen mit meist selbstkritischen Journalisten zu erkennen, die durch Beobachtungen und Kommentare der Autorin ergänzt werden. Gerade in diesen Dialogen lässt sich der Typus einer/s selbstbewussten, Korrespondentin/ten als Teil einer journalistischen Elite erkennen. Diese ist von hohen handwerklichen Standards, vor allem aber einer adaptionsfähigen Berufspraxis, der Fähigkeit zu Improvisation, Kompromissen, Teamarbeit sowie der permanenten Notwendigkeit des Informiertseins und einer hohen Kontaktdichte zu Informanten geprägt; einer kulturellen Praxis und einem professionellen Habitus als - so Dreßler in Ergänzung von Hannerz - ›kosmopolite Proletarier‹, der sich dann individuell und an den jeweiligen Einsatzorten immer etwas anders entfaltet. Die lokalen Rahmenbedingungen und Kontexte der Einsatzorte prägen die journalistischen Praxen wiederum auf vielfältige Art und Weise immer wieder neu. So haben Korrespondenten in Singapur z.B. mehr Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten als an anderen Einsatzorten, müssen aber einen großen geographischen Raum abdecken und haben mit einer geringeren Nachfrage und Interesse an Nachrichten aus dieser Region in Deutschland als jene in den USA zu kämpfen. Korrespondenten in Washington wiederum versuchen, ihre - nicht mehr allein aus dem vor Ort Sein an sich erworbene - Expertise in Akzente gegen die parallel verfügbare Informationsflut aus Nordamerika und den Erwartungen des oft einseitig vorinformierten Publikums sowie der gut vernetzten Heimatredaktionen umzusetzen. Wir erleben mit, wie z.B. der Zeitdruck, die Schwierigkeiten im Umgang mit Übersetzungen, Gewährsleuten, widersprüchlichen Informationen und vielfältigen lokalen Meinungen, Agenturdienstleistungen sowie das notwendige Gestalten der Formate Einfluss auf Inhalte und Formate der Nachrichtenübermittlung nehmen. Neben der notwendigen Nähe zu Gesprächspartner und ihrem Lebenskontext ist es oft der Zufall, der den Produzenten die entscheidenden Informationen bereitstellt, die die Berichte oft in letzter Minute verändern.
Der Autorin gelingt weit mehr als nur, wie im Untertitel des Buches erwähnt, ein Blick hinter die Kulissen der Auslandsberichterstattung zu werfen und Nachrichtenproduktion vor Ort mitzuerleben, sondern den oft widersprüchlichen Normen und Machtprozessen nachzuspüren, die diese Informationsflüsse - einschließlich der dann in deutsche Wohnzimmer übertragen Bilder - steuern. Die Auslandsberichterstattung ist, sen des Informationsaustausches nach wie vor am jeweiligen nationalen Rahmen des Entsendelandes orientiert, werden Berichte folglich ungeachtet ihres geographisch fernen Ursprunges meist eng an die Erwartungen der heimischen Konsumenten angepasst. Der Plural im Buchtitel lässt sich somit auf verschiedene Art und Weise deuten: Nachrichtenwelten entstehen aus divergierenden Anforderungen und Praxen der Berichterstattung an den jeweiligen Standorten der Auslandsjournalisten, unterschiedlichen Arbeitskulturen der nationalen Berichterstattung, die heterogene mediale Landschaften erzeugt, aber auch der Varianz der erwähnten chronotopoi der Korrespondententätigkeit, die sich innerhalb der globalen Nachrichtenökonomie entfalten.
Angela Dreßler schafft es, geschickt zwischen Beschreibung, Reflexion und Interpretation, Nähe und Distanz zur - auch eigenen - jeweiligen journalistischen Praxis zu wechseln. Ein Glossar ermöglicht es zudem, immer wiederkehrende Fachtermini bzw. Begriffe des Berufsjargons nachschlagen zu können. Wünschenswert wäre trotz der notwendigen Anonymisierung der Gesprächspartner vielleicht etwas mehr biographisches Hintergrundwissen zu einzelnen Korrespondenten gewesen.
Auch wenn diese Studie von Medienwissenschaftlern möglicherweise mit ganz anderen Augen gelesen wird als von Ethnologen oder praktizierenden Journalisten, so stellt sie durch die empirische und interpretative Tiefe sowie die sprachliche und begriffliche Souveränität der Autorin ein Referenzwerk zur transnationalen Kontexten der Entfaltung gegenwärtiger Medienwelten dar, dem auf jeden Fall eine englische Übersetzung zu wünschen ist.«
Tilo Grätz

»Wie wird Öffentlichkeit gemacht oder, genauer, wie entstehen in Form der Auslandsberichterstattung Geschichten über die Welt, so die leitende Frage, mit welcher sich die Autorin auf den Weg in die Berichterstattungsgebiete Südostasien, Nordamerika und Naher Osten begibt. In der Betonung des Machens und der Frage nach dem Wie ist bereits das Prozesshafte angedeutet, welches im Mittelpunkt der Buches steht: Die Autorin lenkt den Blick von den Berichten, Ereignissen und Fakten auf deren Konstruktion und den je vorgefundenen Korrespondentenalltag.
Dass dieser, je nach Berichtsgebiet, stark variiert, erfährt man aus den zahlreichen Interviews, die die Autorin mit Korrespondenten und Korrespondentinnen aus Print, Agentur und Radio führt. Die Aussagen der Medienschaffenden sind durchdrungen von eigenen (teilnehmenden) Beobachtungen und Erfahrungen der Autorin, Gesprächen ›off the record‹, Assoziationen, Momentaufnahmen, Beschreibungen.
Auf diese Weise liest sich die kulturtheoretische Analyse zugleich als ein spannender Reisebericht, der die journalistische Praxis für den Leser erfahrbar macht. Diese unterliegt den Bedingungen der globalen (Medien)welt: Geschwindigkeit, technologische Möglichkeiten und Sensationsgier des heimischen Publikums bestimmen den Takt des Arbeitsalltags, der sich in verschiedenen Spannungsfeldern bewegt. So ringen die Korrespondenten und Korrespondentinnen nicht nur mit dem Zeitdruck der Medienmaschine, sondern auch um die Behauptung der eigenen Expertise gegenüber den Ansprüchen der Heimatredaktion oder um die Abwägung eigener Prioritäten mit den Erwartungen der Rezipienten. Nicht selten generieren diese Konstellationen auch ein Hinterfragen des eigenen Status und der eigenen Rolle, etwa in Abgrenzung zu der Arbeit von Agenturen oder dem Touristen, der per Handy bebilderte Nachrichten in die Heimat schickt.
Durch die Nebeneinanderstellung des Alltags in den verschiedenen Berichtsgebieten wird deutlich, dass es nicht nur die Ereignisse vor Ort, sondern auch die Größe der jeweiligen Gebiete und deren vermeintliche Relevanz für deutsches Publikum sind, welche die Methoden und Art der Berichterstattung auf je verschiedene Art und Weise bestimmen.
Die sehr sinnlichen Elemente der Beobachtung, Beschreibung, des Gespräches erfahren eine theoretische Einbettung. Dabei erweist sich als eine Stärke dieses Buches die Fähigkeit der Autorin, Widersprüche nicht aufzulösen und so die Komplexität des journalistischen Geschichtenerzählens schillern zu lassen. Entsprechend ist die theoretische Verwebung als ein Instrumentarium zu verstehen, das Allgemeine zu erfassen, auf das das Konkrete erseits sowie die unterschiedliche Strukturierung von Raum und Zeit in den jeweiligen Gebieten andererseits wird mit den Begriffen der Sphäre (Sloterdijk) respektive dem des Chronotops (Bachtin) reflektiert. Auf diese Weise wird es möglich, Auslandsberichterstattung als kulturelle Praxis begreifbar zu machen, welche die ›Gesprächsräume‹, aus denen ihre Geschichten hervorgehen, immer erst hervorbringt.
Fazit: »Nachrichtenwelten - Hinter den Kulissen der Auslandsberichterstattung« verbindet auf geschickte Weise ethnographische Betrachtungen mit der Frage nach den Bedingungen der Produktion von Öffentlichkeit. Dabei transformiert die Autorin bekannte Fragen nach dem, was unsere Realität konstituiert, wie wir Wahrnehmungen und Ereignisse gewichten und bewerten, in einen nicht nur intelligent sondern auch noch elegant geschriebenen Bericht über die Konstruktion einer (medialen) Öffentlichkeit, in der wir uns bewegen und die den demokratischen Raum umreißt. In zahlreichen Gesprächen mit Medienschaffenden und eigenen Beobachtungen spürt sie Machtkonstellationen auf und legt implizite Wertungen und Vorurteile frei, die der Auslandsberichterstattung notwendig inhärent sind. Dabei bleibt die Analyse nicht bei der Konstatierung des Selbstverständlichen stehen, sondern macht die Gesprächsbedingungen transparent, die in eine demokratische Auseinandersetzung über unsere Welt immer schon miteinfließen.«
Jutta Schinscholl

Print 27,80 €

08/2008, 268 Seiten, kart.
ISBN 978-3-89942-961-9

Artikel-Nr.: 961

-961-9: Dreßler, Nachrichtenwelten

Hinter den Kulissen der Auslandsberichterstattung. Eine Ethnographie

 

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E-Book 24,99 €

PDF-Download, 3,38 MB
07/2015, 268 Seiten
ISBN 978-3-8394-0961-9

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