Autoreninterview

... mit Gerd de Bruyn

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Weil es ein Buch über das Wissen im Medium der Architektur ist. Dass Häuser steinerne... >>>
... mit Gerd de Bruyn

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Weil es ein Buch über das Wissen im Medium der Architektur ist. Dass Häuser steinerne Bücher sind, schrieb schon Victor Hugo. Ich behaupte darüber hinaus, dass sie ganze Enzyklopädien repräsentieren. Die Architektur ist eine universelle Wissenschaft und Kunst, welche die Einheit des Wissens garantieren möchte. Da diese Einheit in der Moderne zu Bruch ging, erzähle ich von dem spannenden Kampf, den die Architektur seitdem gegen die Aufspaltung des Wissens führt.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Ich zeige, dass die seit gut einem Jahrhundert gebräuchliche Rede von der ›modernen Architektur‹ reiner Etikettenschwindel ist, da die Architektur im Unterschied zum Bauen nur sehr bescheiden modernisierbar ist. Dies eröffnet eine völlig neue Perspektive auf die Architekturtheorie. Zugleich wird deutlich, dass die Architektur ein Paradigma vormoderner Wissenschaftlichkeit darstellt, mit dessen Hilfe ein neuer wissenschaftstheoretischer Diskurs angezettelt werden soll.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Soweit ich sehe, diskutiere ich ein sehr altes, bis zur Antike zurückgehendes Thema, das in völlige Vergessenheit geriet. Darum ist es zugleich ein ganz neues Thema, das die Forschungsdebatte, die ihm gebührt, erst entfachen wird. Tatsache ist jedenfalls, dass der Architektur ihr ›allwissender‹ Charakter noch in keiner Publikation derart ›auf den Kopf zugesagt‹ wurde.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit dem Enzyklopädisten Werner Öchslin von der ETH Zürich, dem Nestor meiner Disziplin, der in Einsiedeln eine Architekturbibliothek begründet und gebaut hat, die ihresgleichen sucht. Sodann mit den Fachkollegen und Studenten, die im November diesen Jahres [2008] nach Stuttgart kommen, um mit uns das vierzigjährige Jubiläum meines Instituts (Igma) zu feiern.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Es führt den Beweis, dass der Wesenskern der Architektur (ihr enzyklopädischer Charakter) in der Moderne nur als avantgardistische Reformulierung oder traditionalistische Restaurierung überlebt. <<<


Gerd de Bruyn

Die enzyklopädische Architektur

Zur Reformulierung einer Universalwissenschaft

Immer öfter wird an die Architektur die Frage gestellt, inwiefern sie eine universitäre Disziplin und Wissenschaft genannt zu werden verdient. In diesem Buch wird der Spieß umgedreht und der Versuch unternommen, Architektur als eine legitime Universalwissenschaft zu definieren, deren enzyklopädischer Charakter einst die Einheit einer Gedankenwelt repräsentierte, die im 18. Jahrhundert zu Bruch ging. Seitdem steht die Architektur vor der Wahl, restauriert, modernisiert oder aktualisiert zu werden. Die Reformulierung der Architektur als universelle Kunst und Wissenschaft gehört zu den zentralen Anliegen der Avantgarden. Sie und ihre Gegenspieler sind darum ebenso Thema wie die provokante Frage, ob es überhaupt eine moderne Architektur geben kann und je gegeben hat.


 

Gerd de Bruyn (Dr. phil., M.A.) lehrt Architekturtheorie an der Universität Stuttgart. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Wissenschaftstheorie der Architektur.

Homepage:
www.uni-stuttgart.de/igma

Architekturtheorie, Kulturwissenschaften

Print 26,80 €

10/2008, 266 Seiten, kart., zahlr. Abb.
ISBN 978-3-89942-984-8

Artikel-Nr.: 984

-984-8: de Bruyn, Die enzyklopädische

Zur Reformulierung einer Universalwissenschaft

 

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