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Georg Stauth
Authentizität und kulturelle Globalisierung
Paradoxien kulturübergreifender Gesellschaft
1999, 62 S., kart., 8,90 €
ISBN 978-3-933127-05-1
Reihe X-Texte
Schlagworte:Globalisierung
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Der Begriff der »Authentizität« spielt in den Debatten über »Orientalismus«, »Postkolonialität« und »Hybridisierung« eine wichtige Rolle. Hier wird das auf Nietzsche sich berufende neue genealogische Denken in die aktuelle kulturübergreifende Forschung übertragen. Andererseits entdeckt die in der Aufklärung wurzelnde Hermeneutik der Authentizität in der Notwendigkeit der Anerkennung kultureller Differenz eine Einschränkung der politischen Philosophie der Freiheit. Diese Widersprüche aufzudecken und in die Analyse gesellschaftlicher Wirkungen von »Authentizität« einzubringen, ist das Anliegen dieses Bandes.
Georg Stauth lehrte Soziologie an der Universität Bielefeld und leitete eine Forschergruppe zu »Heiligen Orten« im Sonderforschungsbereich »Kulturelle und sprachliche Kontakte« an der Universität Mainz sowie eine internationale Studiengruppe zu »Islam und Moderne« am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen.
Pressestimmen
»Wenn man nicht bereits wüsste, dass auch schmale Bücher bisweilen von außerordentlichem Gewicht sein und schwer im Kopf liegen können, man lernte es spätestens bei der Lektüre der nur knappe sechzig Seiten umfassenden Abhandlung über »Authentizität ... mehr und kulturelle Globalisierung«, die der Bielefelder Soziologe und Orientalist Georg Stauth publiziert hat.«
Jörg Ulrich, FAZ, 22.03.2000
»Für westlich geprägte Menschen, erklärt Stauth kürzlich in einem klugen, knappen Büchlein, bleibe der Gradmesser zivilisatorischer Entwicklung vorerst 'das zur Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit hochgezüchtete Individuum.' Selbst wer also frohgemut die multikulturelle Welt ausrufe, werde dieses Echtheitsideal nicht los, er verliere nur häufig das Wissen um die unumgängliche eigene Beschränktheit. Bald schliddere er daher wieder in ein 'enthistorisiertes Authentizitätsdenken' hinein, und die Suche nach dem Wesentlichen beginne von vorn. Was tun also mit dem Dämon der Echtheitssuche, wenn er sich weder abschütteln noch ersticken lässt? Vielleicht enthält gerade Stauths kühle Warnung den entscheidenden Hinweis: Nur durch Traditionsbewusstsein lässt sich die berechtigte Sehnsucht nach dem Authentischen regulieren.«
Johannes Salzwedel, Der Spiegel, 45 (2000)
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»Identität, Selbstfindung, Anerkennung des Selbst, Anerkennung des Anderen - das sind nur einige der Begriffe, die im Zuge der Definition von Gesellschaft und Welt als multikulturell und globalisiert zentralen Stellenwert gewonnen haben. Sie haben ein ... mehr Heer an WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen zu (mehr oder weniger tragfähigen und nachhältigen) Überlegungen, Analysen und Lösungsvorschlägen zur Bewältigung der Spannungen zwischen dem Einen und dem Anderen, dem Eigenen und dem Fremden, dem Individuum und der Gesellschaft animiert. Als ein zu Paradoxien führendes Kernproblem erweist sich dabei der Umgang mit dem 'Authentischen', dem 'Wesen', seinen Bestimmungen, seinen Grenzen. Das Konzept der Hybridität als scheinbare Lösung aus einem grundsätzlichen Problem zeugt davon.
Das vorliegende Buch setzt sich mit diesem Problem auseinander. Ausgehend von der Frage, wieso der Einzelne (das Individuum, der 'Ich-Akteur') überhaupt in den letzten Jahren diesen prominenten Platz in der Gesellschaftstheorie gefunden hat, geht es dem Begriff der Authentizität genealogisch nach. Es deutet auf den christlichen Hintergrund der liberalen, sich universal verstehenden Idee des Selbst, auf die Authentizitätsbegriffe der Aufklärung und der Psychoanalyse. Es analysiert die Spannungen, wenn sich Authentizität mit Multikulturalität und Differenz verbindet. Ein zentraler Aspekt ist die Wirkungsweise der ›neuen Kulturtechnik‹, der ›Stabilisierung des Selbst in der Repräsentation des Eigentlichen‹, über die sich Georg Stauth zufolge ›das moderne Gleichheitsprinzip ... durchsetzt‹ (S.16).
Explosive Kraft gewinnt diese Technik im interkulturellen Austausch, etwa im Zusammenhang mit Dekolonisierung und Entwestlichung auf der Basis des westlichen Kulturinstrumentes Authentizität, einer Authentizität, bei der stets Skepsis angebracht ist. Wie kann ein Gleichheitsprinzip als universal reklamiert werden, wenn andere Gesellschaften andere Techniken sozialer Ordnung haben, wie auch kann man auf Ursprünge, Wurzeln von Authentizität, rekurrieren, wenn ›die Frage des Authentischen ... erst im Kulturkontakt zur entscheidenden, im Kontakt mit der Moderne zur Schicksalsfrage ... wird?‹ (S. 37). Wo soll Gewißheit herkommen, wenn sogar der ‹Begriff der Kultur‹ und der ›Wissenschaftsbetrieb‹ affirmativ am Authentizitätsbegriff ansetzen, Authentizität sich aber in den Feldern von Macht und Ordnung ausbildet? Folgerichtig kommt der Autor zu der Einsicht, daß erstens der religiöse Fundamentalismus nichts anderes ist als eine konsequente Anwendung einer westlichen Kulturtechnik und daß zweitens ›der soziologische Umgang mit dem Phänomen nicht die Frage nach der Bestimmung ist, sondern die Frage nach den Bestimmungsformen und ihren Folgen‹ (S. 38).«
Sigrid Nökel
»Der x-Text von Georg Stauth ist ein wortgewaltiger Essay über Praktiken der Anerkennung in der modernen Gesellschaft. Georg Stauth ist Studiengruppenleiter der Arbeitsgruppe Islamische Kultur und Moderne Gesellschaft am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. Er ist mit zahlreichen Arbeiten über die Soziologie des Islams hervorgetreten. Seine gesammelten deutschen Aufsätze sind in der Monographie ›Islamische Kultur und Moderne Gesellschaft‹ zusammengefasst. Stauths Forschungsaufenthalte konzentrieren sich auf Ägypten, mit Exkursen nach Südostasien und anderen Teilen der islamischen Welt.
In diesem Forschungszusammenhang fällt auch der Essay über die Bedeutung der Ursprungsmythen in religiösen Diskursen. Der Autor identifiziert die Suche, aber auch ihre strategische Besetzung, nach Authentizität als zentralem Motor der Gesellschaft und ihrer Transformation. In Rückgriff auf die Hermeneutik der Anerkennung bzw. ihre Kontroverse und Subversion bei Foucault, Taylor und vor allem bei Nietzsche findet Stauth einen doppelt gelagerten Begriff der ›Authentizität‹: Er bezieht sich sowohl auf den Ich-Akteur als auch auf die Einzigartigkeit der Identität oder Religion einer Gruppe.
Im Fundamentalismus zeigt das Authentizitätsdenken seine globalisierende Wirkung. Paradoxerweise wird der nostalgische Diskurs des Primordialismus und der Einzigartigkeit über Geschwindigkeit und mediale Repräsentation ungemein erfolgreich transportiert und gewinnt zahlreiche Anhänger, die über das Internet ihre Utopien und Anerkennungsdiskurse konstruieren und ausbauen.
Man könnte den Text auch als Kritik an der verklärenden, in der Vergangenheit haftenden Soziologie der Gemeinschaft verstehen. Auf jeden Fall ist ein Forschungsprogramm entfaltet, in dem Diskurse nach Anerkennung von den Selbsttechniken der ich-Akteure und den Ordnungsvisionen religiöser Bewegungen nicht mehr wegzudenken ist. Dieses Programm konzentriert sich auf den empirischen Zusammenhang zwischen Nostalgie und Gesellschaft in Prozessen und Widersprüchen kultureller Globalisierung.«
Alexander Horstmann, Institut für Ethnologie, WWU-Münster
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