|
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Susanne Foellmer
Am Rand der Körper
Inventuren des Unabgeschlossenen im zeitgenössischen Tanz
2009, 476 S., kart., zahlr. Abb., 39,80 €
ISBN 978-3-8376-1089-5
Reihe TanzScripte
Schlagworte:Tanz, Ästhetik, bildende Kunst, Unabgeschlossenheit, ästhetische Theorie, Groteske, Körper Adressaten: Tanz- und Theaterwissenschaft, Kunstwissenschaft, Kulturwissenschaft
|
 |
Bestellen |
Seit Beginn der 1990er Jahre liegt ein Fokus im Tanz auf der Materialität des Körpers in Bewegung. Fern von repräsentativen Gesten wird er verformt und dekonstruiert. Zunehmend ergibt sich dabei ein enger Zusammenhang zwischen fluktuierenden Körperkonzepten und dem Befund einer Patternbildung solcher künstlerischen Produktionen. Das Buch geht diesem Widerspruch nach und stellt dabei die Frage nach wissenschaftlichen Kategoriebedürfnissen neu. In einem umfassenden Blick über zeitgenössischen Tanz, der auch Beispiele aus dem Ballett, den Grotesktänzen des 18. Jahrhunderts sowie den 1920er Jahren einbindet, wird das Unabgeschlossene als eine zentrale ästhetische Praxis herausgearbeitet, ohne sie jedoch systematisch zu fixieren. Besondere Aufmerksamkeit erhält der Topos des Grotesken als Grenz- und Analysefigur von Phänomenen des »unfinished«, die im Vergleich mit Künstlerinnen und Künstlern aus bildender Kunst und Performance Erkenntnisgewinne auch über die Tanzwissenschaft hinaus ermöglichen.
Susanne Foellmer (Dr. phil.) studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, promovierte an der Freien Universität Berlin und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am dortigen Institut für Theaterwissenschaft. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Tanz der 1920er Jahre sowie im Zeitgenössischen, mit Fokus auf Theoremen von Körper und Ästhetik sowie Tanz und die anderen Künste, insbesondere Film, Performance, Body und Visual Art.
Pressestimmen
»Es gibt ja viele Labels [...], die im philosophischen Diskurs schon eine Begriffskarriere hinter sich hatten, bevor Tanzwissenschaftler oder Kuratoren versuchten, sie auch in realen Bühnenereignissen dingfest zu machen. Es ist ein Verdienst der Dissertation von ... mehr Susanne Foellmer, dies noch einmal genauer anzuschauen und aus konkreten Analysen [...] zu befragen.«
Katrin Bettina Müller, tanzraumberlin, 9-10 (2009)
»Die Studie legt die Grotesktänze der Berliner Tänzerin und Schauspielerin Valeska Gert aus den 1920er Jahren zugrunde und benennt das Irritierende und Unabgeschlossene als zentrale ästhetische Praxis des modernen Tanzes. Diese Praxis wird anhand jüngerer Produktionen [...] mit sprachlicher Verve und klarer Begrifflichkeit analysiert.«
NZZ, 10.12.2009
»Foellmer bietet [...] einen breit gefächerten Diskussionsbeitrag zu aktuellen Debatten zum zeitgenössischen Tanz. Sie setzt sich mit vielen Angeboten auseinander und begründet ihre zustimmende oder ablehnende Position. Ihre These einer kunstästhetischen Verfestigung inszenatorischer Strategien und Muster in Choreographien für Zuschauer im Sinne eines unabgeschlossenen und grotesken Repertoires wird nachvollziehbar begründet und differenziert und praxisbezogen dargelegt. In diesem Sinne ist es ein Arbeitsbuch und Fundgrube für Choreographen, Tanzdramaturgen, Kuratoren, Tänzer, Journalisten und Tanzwissenschaftler. Sie werden hier viele Anregungen finden.«
Heide Lazarus, www.theaterforschung.de, 06.07.2010
Weiterempfehlen
Leserforum
Ihre Meinung zum Buch ist gefragt! Senden Sie uns Ihre Kurzrezension und Sie erhalten eine Gutschrift über 5 € für den transcript-Buchshop!
»Susanne Foellmers hat mit ihrer Dissertationsschrift »Am Rand der Körper. Inventuren des Unabgeschlossenen im zeitgenössischen Tanz« ein wahres Musterbuch zum zeitgenössischen Tanz abgeliefert. Das Buch ist nicht nur eine mustergültige wissenschaftliche ... mehr Arbeit, sondern auch ein Musterbuch im alten Sinne einer Sammlung und Beschreibung von Mustern, Ornamenten und Stilvorlagen.
Auch wenn sich dieses Buch mit zeitgenössischem Tanz befasst, liefert Foellmer im Grunde eine historische Rückschau der letzten 20 Jahre der Tanzgeschichte. Dort haben sich ›Weisen des Zeitgenössischen‹ herausgebildet, die mit Dekonstruktion und Entzug arbeiten. Foellmer nähert sich dieser (unabgeschlossenen) Epoche mit einer ›Suchformel des Grotesken‹, die es ihr ermöglicht das grundlegende Paradox zeitgenössischer Tanzproduktionen einzufangen. Im zeitgenössischen Tanz hat sich das Formlose als Muster herausgebildet und die ›Zerrüttung der Einheit der Figur‹ (Brandstetter) als Stil durchgesetzt. Dieses Paradox spiegelt sich dann folgerichtig in Foellmers Methode einer ›Inventur des Unabgeschlossenen‹.
Das Groteske als Ornamentstil steht selbst in einer langen kunsthistorischen und einer etwas jüngeren theoretischen Tradition, um genau solche Fragen der Formlosigkeit und ästhetischen Rahmung und Entgrenzung zu verhandeln.
»Am Rand der Körper« ist in einer komplexen ›grotesken‹ Dramaturgie mit über 110 Kapitel, Unterkapitel, Exkursen und Einschüben aufgebaut. Der Argumentationsgang weicht ab für Exkurse, breitet Begriffe und Konzepte aus und hält für kurze Beschreibungen von Produktionen an, in denen sich die Reflexion sammelt und staut, den weiteren Gang beeinflusst und der Analyse eine neue Richtung gibt. Es wird eine Fülle von Produktionen erwähnt (insgesamt fast 90 Werke aus Tanz, Performance und Bildender Kunst), dabei aber die analytische Schärfe des Grotesken-Begriffs bewahrt. Foellmer definiert ihn als Übergang zwischen Rand und Zentrum, Innen und Außen, Gewohntem und Fremden, und in der Schwebe von Fluidem und Verfestigtem. Das Groteske verhandelt die (zeitlich begrenzte) Passage ästhetischer Erscheinungen vom Ausgeschlossenen zum Eingeschlossenen. In dieser Figur einer Einschließung durch Ausschluss besteht auch die größte theoretische Herausforderung dieses Projekts. Das Groteske lässt sich eben nur im ›Übergang von Innovation zur Inventur‹ auffinden, und läuft dabei beständig Gefahr sich der Analyse zu entziehen oder das Untersuchungsgebiet zu verlassen. Im Gegensatz zu Gerald Siegmund, der zeitgenössischen Tanz im Modus der Abwesenheit analysiert, betont Susanne Foellmer aber, dass das Fremde als Fremdes aufscheinen muss. Feine, aber bemerkenswerte Differenz.
In einer ›wuchernden‹ Argumentation reiht Foellmer nun die einzelnen Produktionen (geschmeidig) aneinander. Einzelne Teile – Positionen, Motive, Phrasen, ›Bewegungsbilder‹ – werden herausgelöst, um in Gruppen versammelt, verglichen und analysiert zu werden. So entsteht eine diskursive Kette in deren Verlauf überraschende Gemeinsamkeiten hergestellt aber auch klare Differenzen gezogen werden, und es erstellt sich das zeitgenössische Inventar des Grotesken.
Herauszuheben ist dabei die Analyse von Xavier Le Roys kanonischen gewordener Rückenansicht und ›Vierfüßler‹-Position aus ›Self Unfinished‹, die in den letzten 20 Jahren zur Ikone des zeitgenössischen Tanzes geronnen ist, und in der Folge, als Zitat, ihren grotesken Stachel verloren hat. In der konsequenten Anwendung der Methode und der daraus resultierenden Menge der Beispiele liegt aber auch das Dilemma dieses Projekts, da es dem Leser keine erleichternde Abkürzung ermöglicht. Ein Index oder Verweisapparat wäre hier von großem Nutzen gewesen.
Mit Susanne Foellmers Arbeit ist in der Reihe TanzScripte ein weiteres beachtenswertes tanzwissenschaftliches Buch erschienen. »Am Rand der Körper« bietet auf Grund des Materialreichtums und der Menge an theoretischen Diskursen, die aufgerufen werden, ein Kompendium und Inventar der zeitgenössischen Tanzproduktion und den sie begleitenden Diskursen zwischen den frühen 1990er Jahren und dem auslaufenden ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends.«
Eike Wittrock, Graduiertenkolleg "Schriftbildlichkeit", Freie Universität Berlin
Weiteres
Die dem Buch zugrunde liegende Dissertation wurde mit dem Tiburtius-Preis 2009 der Berliner Hochschulen ausgezeichnet.
|
 |
Lesetipps
Weitere Titel zu:
|