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Torsten Meyer
Interfaces, Medien, Bildung
Paradigmen einer pädagogischen Medientheorie
2002, 266 S., kart., zahlr. Abb., inkl. Begleit-CD-ROM, 26,80 €
ISBN 978-3-89942-110-1
Reihe Kultur- und Medientheorie
Schlagworte:(Neue) Medien, Medium, Bildung, Kunst, Kunstpädagogik, Medienpädagogik, Kultur Adressaten: Kultursoziologen, Bildungstheoretiker, Pädagogen, Medienwissenschaftler, Soziologen, Künstler
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Pädagogische Prozesse sind nicht – und waren noch nie – ohne Medien denkbar. Der Band zeigt auf, wie im Zuge der Entwicklung neuer Medientechnologien die Begriffe »Medium« und »Medialität« das moderne Verständnis von Subjekt, Gesellschaft und Bildung von Grund auf in Frage stellen.
Ausgehend von der Kunstpädagogik wird in weitem Bogen medientheoretischer Reflektionsgegenstände – vom Platonischen Höhlengleichnis über die Figura Paradigmatica des Nicolai de Cusa bis zu Lacans Gefangenensophisma und Derridas Postkarten – eine pädagogische Medientheorie entwickelt, die weitreichende Folgen für die Erziehungswissenschaft und deren Nachbardisziplinen hat.
Die ungewöhnliche formale Gestalt des Textes und die Architektur der vielfältigen Bild- Figuren sind dem hohen Anspruch geschuldet, nicht einfach über »Medien« und »Bildung« zu schreiben und sie wie isolierte Gegenstände zu behandeln, sondern ein Darstellungsproblem zu lösen, das darin besteht, die Darstellungsfunktion des Mediums »Text« darzustellen:
HyperText auf Papier – Wissenschaft an der Grenze zur Kunst.
Der Titel wird durch die CD-ROM »Der Ursprung der Bilder« supplementiert.
Torsten Meyer (Dr. phil.) ist Juniorprofessor für »Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Forschung und Lehre im Bereich Multimedia« (Schwerpunkt in der Didaktik der Bildenden Kunst) im Arbeitsbereich Ästhetische Bildung und Medienpädagogik/MultiMedia-Studio im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg.
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Torsten Meyer: Ein Würfelwurf
»Irgendwann musste es ja einmal gewagt werden im Bereich Kunsterziehung/Visuelle Kommunikation/ Ästhetische Bildung...: das Unmögliche - in einem Buch das zu repräsentieren, was nicht Buch bleiben kann; im Archiv der Buchstaben ... mehr repräsentieren, was Bild werden will; mit Bildern zu repräsentieren, was sich in Bewegung setzt: in Richtung Kopf, Innenwelt und DVD. Und doch gebunden, zum Vor-sich-Legen,
In-die-Hand-Nehmen, Ins-Regal-Stellen oder wie die Gesten auch immer heißen mögen, mit denen wir gewohnt sind, das Unhandliche zu händeln.
Ein Buch ist (k)ein Buch, ist (ein) Buch.
Ja, was ist es denn nun?
Eine Meditation? Ein Labyrinth? Eine Anweisung? Eine Summa?Multi-Media?
All das, aber zuallererst: ein Werk und eine Zumutung.
Das (Subjekt) da mutet uns zu, daß wir Wege mitgehen, ohne zu ahnen, wohin sie führen; daß wir Metaphern und Etymologien erkunden, bis wir uns im Zentrum von Begriffen und Bildern finden; daß wir Bilder (mit-) erforschen als ob es Begriffe wären und Begriffe mit-veranschaulichen, als ob es Bilder wären. Es geht um die Öffnung der Kanäle, die Durchlässigkeit der Symboliken, die Häutung der Begriffe.
Thorsten Meyer fängt an, wie sich das für einen Wissenschaftler gehört. Durchaus umfangslogisch: METHODEN (über) Anfangen. Und sagt: ›Die Produktion des #Textes ist Teil des Forschungsprozesses selbst.‹ Und erläutert: ›Immer wenn von diesem, jetzt im Moment gelesenen - Text die Rede ist, setze ich ein entsprechendes Zeichen - vor das Wort ‹Text‹.‹ Das ist eine Inversion. Eine der ersten, in denen der Text auf sich und seine Momente zurückverweist. Er bezeichnet etwas an sich selbst zum Zweck der Unterscheidung. Daran muß sich der Nutzer gewöhnen. Aber auch an das Gegenteil: die Befreiung der Wörter aus dem Definitionszusammenhang der Begriffe: Am Ende (des Werks) werden die Wörter Medium und Bildung zu einem Begriff verschmolzen sein. Übereinandergeschrieben, wenn das möglich wäre. Und Thorsten Meyer zeigt, daß dies möglich ist: in der CD-ROM. Dort gibt es eine kontaminierte Textzeile, die erst lesbar wird, wenn man mit der Mouse über sie streift. Was aber symbolisiert dann die Bewegung der Mouse? Das Gleiten (über) den Signifikanten? Visuelle Poesie? Licht und Schattenhaufen als Rohmaterial für Schrift und Gedanke? Erkenntnisse? Suggestionen?
›Kann man schreibend das vernehmlich machen, was nicht be-schrieben werden kann? Kann man ästhetisch bildend schreiben‹? (S.21)
Man muß es versuchen und Risiken eingehen. Das beginnt damit, daß man sich aus der Umklammerung der Methodenreflexion befreit und ins Material geht.
Was aber ist das Material?
ALLES.
Bilder, Texte, Erinnerungen, Gefühle, Wahrnehmungsweisen, Gegenstände, Sätze...
Alles ist gleichzeitig da und will (neu) geordnet werden, und Thorsten Meyer sagt: Ordnung ist nicht gegeben, aber ich zeige sie euch.
Dazu durchquert er die Geschichte und trägt Fundstücke zueinander: Platos Höhlengleichnis und ›The Truman show‹ und Derridas ›Die Postkarte‹ und die figura paradigmatica von Nikolaus von Kues und Boris Becker ›Ich bin drin‹ und...
Verknüpft das.
Zu einem Gedanken? Zu einer Theorie? Zu einem Gedicht? Zu einer Philosophie? Zu neuen Mythologien? Zu einem Versuch (Essay)?
Man muß das Ganze, den Begriff für das Ganze, aussparen, um der Bewegung folgen zu können.
Allerdings: ich gebe es zu: Thorsten Meyer mutet uns von Anfang an zu, was er permanent begründet: BILDUNG. Ohne die Anerkennung der Archive (von Plato bis Pazzini) zerfallen die Bezüge und ohne Zustimmung zu den unterschiedlichen Verknüpfungsarten, vergeht einem der Spaß. Darin ist das Opus u-topisch. Die unendliche Weite des Internet reißt die Geschlossenheit des Textkörpers permanent auf: syntaktisch und semantisch. Und wenn alles gut geht, dann ermuntert das zu eigenen Experimenten (Hypertext). Aber Vorsicht:
Sie schrieb mir:
›bei diesem Buch...das ich jetzt zum 2. Mal erworben hatte, war ich schon auf der 5./6.Seite überzeugt, daß es das EINZIGE, das EINZIG RICHTIGE, daß es das WIRKLICHE, das WICHTIGSTE Buch sei, und daß ich es von der 1. zur letzten Seite würde wiederlesen können.. während ich dem Gamben-, Gabelgärtchen von Bach lausche, während mich das Gamben-, Gabelgärtchen entfacht usw. Und ich überlegte, wie groß die Gefahr sein würde, dieses Buch wiederzulesen, weil es mich zu sehr an sich ziehen würde, ich meine umgarnen würde, wenngleich meine Aufzeichnungen ja schon ihrem Ende zustrebten, nicht wahr. Vielleicht sollte ich es wieder beiseite legen, um nicht infiziert zu werden, weil ich seinen Glanz würde abpausen müssen, es blieb mir keine andere Wahl, sage ich zu Joseph, ich legte zwischen der 10. und 11. Seite eine weiße Papierserviette ein, um nicht vollkommen zu verfallen der betörenden Stimme dieses Dichters, so konnte ich vielleicht weiterschreiben im Bewußtsein, einen Schatz zu besitzen, ohne ihn anzurühren, ohne von ihm ungehörigen Gebrauch machen zu müssen...‹ (Friederike Mayröcker an/zu Derridas ›Die Postkarte‹ in ›brütt oder Die seufzenden Gärten‹ (Ffm Suhrkamp) 1998 S. 304).«
Helmut Hartwig, Berlin
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