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Wulf D. Hund (Hg.)

Entfremdete Körper

Rassismus als Leichenschändung
2009, 252 S., kart., zahlr. Abb., 25,80 €
ISBN 978-3-8376-1151-9
Reihe Postcolonial Studies
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Der wissenschaftliche Rassismus untermauerte seine Theorien durch eine ungeheure Knochensammlung, deren Beschaffung im 19. Jahrhundert eine regelrechte Skelettomanie auslöste. Die Jagd nach den Gebeinen der anderen missachtete jede Pietät. Sie störte die Totenruhe, raubte Leichen und schändete die Körper Verstorbener, deren Überreste zur Konstruktion typischer Rassenkörper dienten. Sie sollten Devianz gegenüber der weißen Norm demonstrieren – ihre öffentliche Zurschaustellung visualisierte und popularisierte die Rassentheorien und erlaubte den Betrachtern die Akkumulation rassistischen symbolischen Kapitals.
Die Beiträge des Bandes untersuchen diesen Prozess an den Beispielen von Angelo Soliman, Sarah Baartman, El Negro und Truganini.
Wulf D. Hund (Prof. Dr. phil.) lehrt im Fachbereich Sozialökonomie an der Universität Hamburg.
WWW: www.wulfdhund.de
»The opening chapter [...] provides an overview of the topic, describing how skeletons were used to ›prove‹ racial superiority or inferiority [and] is exceptionally informative. [T]he others [...] provide [...] insights that remain highly relevant in a world still marked by racism.«
Stuart Parkes, Journal of Contemporary European Studies, 18/1 (2010)
»Ein qualitätsvoller und geradezu spannend zu lesender Beitrag zur Erforschung der Wurzeln des Rassismus, sowohl aufgrund der theoretischen Durchdringung der Thematik als auch wegen der eindringlichen Fallbeispiele.«
Ulrich van der Heyden, Historische Anthropologie, 18/1 (2010)
Rassismus, Diskriminierung, Sexismus, Leichenschändung, Anthropologie
Soziologie, Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft, Postcolonial Studies
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Interview
... mit dem Herausgeber Prof. Dr. phil. Wulf D. Hund und den Autorinnen
1. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Wir problematisieren den wissenschaftlichen Rassismus und seine Verflechtung mit populären Medien der Zurschaustellung von Alterität (wie ... mehrFreak-Shows, Völkerschauen, Museumsdisplays). Dabei zeigt sich, wie die Aneignung und Untersuchung – unter Verstoß gegen gängige moralische Regeln erlangter – menschlicher sterblicher Überreste zur wissenschaftlichen Untermauerung rassistischer Diskriminierung benutzt wurden. Sie sollten als natürlicher Nachweis europäischer Überlegenheit dienen und Kolonialismus und Imperialismus rechtfertigen und popularisieren. Gleichzeitig fragen wir am Beispiel Einzelner nach den Verhaltensmöglichkeiten der Betroffenen in einem machtpolitisch geprägten Rahmen.
2. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Die Beiträge des Bandes befassen sich nicht nur mit der Geschichte des Rassismus. Sie beziehen sich auch auf aktuelle Versuche der aus ihr hervorgegangenen Anthropologie, ihre Vergangenheit als Rassenwissenschaft auszublenden. Die im Zuge kolonialer Gewaltpolitik und rassistischer Leichenschändung erlangten sterblichen, menschlichen Überreste werden bis heute als wissenschaftliche Exponate verteidigt und der suprematistische Anspruch auf Welterklärung dadurch fortgeschrieben. Die Nachkommen jener, deren persönliche Integrität missachtet und deren Leichen geschändet wurden, müssen heute in akribischer und schmerzhafter Recherche die sterblichen Überreste ihrer Vorfahren in postkolonialen Forschungseinrichtungen und Museen ausfindig machen und jahrelang – und häufig immer noch vergeblich – um deren Rückgabe und die Möglichkeit ihrer würdigen Bestattung kämpfen.
3. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Stefanie Fock würde gerne ihre Diskussionen mit jungen Spanierinnen und Spaniern fortsetzen, die mit Eltern oder Schule unreflektierte Exkursionen zur Besichtigung des ausgestopften ›El Negros‹ unternehmen mussten.
Katrin Klein und Iris Wigger würden ihre Interpretation der Geschichte Angelo Solimans gerne mit all jenen besprechen, die Aufklärung und Rassismus nach wie vor für Gegensätze halten.
Antje Kühnast würde ihre Untersuchung der Geschichte Truganinis und des Umgangs mit ihren sterblichen Überresten gerne mit denen debattieren, die ihr den Zugang zu wissenschaftlichen Nachlässen und musealem Material über die Tätigkeit deutscher Anthropologen im Australien des 19. Jahrhunderts erschweren oder verweigern und sie öffentlich nach ihren Gründen fragen.
Sabine Ritter würde sich gerne mit Sander L. Gilman darüber unterhalten, wie es zu seiner reduktionistischen Sicht Sarah Baartmans kommen konnte.
4. Ihr Buch in einem Satz:
Der Band verdeutlicht die brutale Verbindung von Kolonialismus und Rassismus am Beispiel wissenschaftlicher Leichenschändung und Menschenausstellung.
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