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Katarzyna Leszczynska
Hexen und Germanen
Das Interesse des Nationalsozialismus an der Geschichte der Hexenverfolgung
2009, 396 S., kart., 32,80 €
ISBN 978-3-8376-1169-4
Reihe GenderCodes
Schlagworte:Drittes Reich, Hexenverfolgung, Nationalsozialismus, Ideologie, Gender Adressaten: Geschichte, Kulturwissenschaft, Gender Studies, Politikwissenschaft
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Woher rührt das Interesse der NS-Ideologen an der Hexenverfolgung? Alfred Rosenberg als Autor des »Mythus des 20. Jahrhunderts« und Heinrich Himmler, der 1935 eine Forschungsgruppe »Hexen-Sonderauftrag« ins Leben gerufen hat, versuchten, die Geschichte der Hexenverfolgung neu zu schreiben.
Die Autorin analysiert die Umgangsweisen mit dem Thema im Dritten Reich und zeigt das Störende des Hexendiskurses für die ideologischen Ansprüche des Nationalsozialismus. Die erbrachten Erkenntnisse tragen zur Revision der Vorstellungen vom Nationalsozialismus als einer homogenen Ideologie bei.
Katarzyna Leszczynska ist Germanistin und freischaffende Literaturübersetzerin (u.a. Übertragung der Werke von Herta Müller ins Polnische). Sie schreibt und übersetzt für polnische Kulturzeitschriften und Verlage.
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»In dieser vorzüglichen Dissertation geht es nicht um die Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit, sondern um Religionsgeschichte der Moderne: Im Streit um das richtige Bild und den Ursprung des religiösen und rassisch/völkisch/ethnischen Phänomens, das unter ... mehr ›Hexe‹ benannt wird. Sie arbeitet zwei Traditionen heraus: (1) Das eine Bild findet den Ursprung der Hexen in einer uralten germanischen Tradition. In ihrem Versuch, die germanische, die den Deutschen als Rasse und Volk angemessene Kultur und Religion zu missionieren oder zu vernichten, stieß die christliche Kirche auf Widerstand, der sich bis in die Aufklärungszeit als ›Hexen‹ zeigte. Fanatisch und unerbittlich setzte sie alles daran, die germanische Religion auszurotten. Dem steht (2) das andere Bild gegenüber: Die Hexen sind ein Konstrukt der Kirche, das den christlichen Dualismus voraussetzt. Die ›Hexe‹ wird erfunden, um Dogmen und kirchliche Sakramente unentbehrlich zu machen, weil sie im Kampf gegen den Teufel und gegen Aberglauben nötig sind. Dazu kommt die Dämonisierung der dunklen Kräfte der Frau, die der männlichen Ordnung gefährlich erscheinen. Dieses Bild ist in seiner Spitze antikatholisch und passt in die protestantische Polemik des ›zweiten konfessionellen Zeitalters‹. Die einzige Schwäche des Buches sehe ich darin, dass die Verfasserin nicht erkannt hat, dass die Position 2 nicht generell antikirchlich ist (das kann sie auch sein), sondern sich der evangelischen Rhetorik des Kulturkampfs gegen die ›ultramontanen‹ Katholiken (1873-1887) bedient. Sie hat in Kapitel 3 (Die Hexenprozesse und die Schuldfrage) diese Traditionen des 19. Jh.s auf hohem Niveau dargestellt: Die konfessionellen Töne sind bei den Konzeptionen von Jacob Grimm über Soldan/Heppe zu Joseph Hansen gar nicht zu überhören. Die neue Hexenforschung hat herausgearbeitet, dass der Höhepunkt der Hexenverfolgung mit der Konfessionalisierung zusammenfiel, also sich dort ein Betätigungsfeld für Aggressionen suchte, das zwischen den Konfessionen durch ein militärisches und politisches Patt nicht zum Ausdruck kommen konnte außer in den großen Konfessionskriegen. Auf die Hexen konnte man Ängste, Hass und Unverständnis projizieren.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht die wissenschaftliche Erforschung der Hexen und ihrer Verfolgung im Forschungsprojekt ›Sonderauftrag Hexenforschung‹, das Heinrich Himmler 1935 mit viel Geld und Personal aufbaute.
Deutlicher als sonst tritt hervor, dass Geschichte Legitimationswissenschaft ist. Katarzyna Leszczynska lehnt es also gerade ab, das Forschungsprojekt als Pseudo-Wissenschaft abzuqualifizieren. Vielmehr wird deutlich, wie schon die zeitgenössischen Konkurrenten mit Argusaugen das Projekt beneiden, behindern, Quellen wegschließen, die Mitarbeiter von Universitätskarrieren ausschließen. Auch wenn viele der Mitarbeiter des Projekts zu historischer Quellenarbeit nicht in der Lage waren, gab es auch Talente. Die Autorin macht deutlich, dass sowohl zwischen Universität und militärisch organisierter Hexenforschung die Konkurrenz bestand, als auch unter den para-universitären Forschungen bewusst, gewollt und ungesteuert Konkurrenzen aufgebaut wurden, hier besonders zwischen ›Ahnenerbe‹ und SS. Im polnischen Poznán (Posen) befindet sich im Archiv die (seit ihrer Wiederentdeckung berühmte) Kartei. Auf einem sehr differenzierten systematischen Fragebogen (heute wäre das eine Datenbank) sollten die Quellen gesammelt und ausgewertet werden, um am Ende alle bekannten Hexenprozesse überschauen zu können. Genau das hat die neue Hexenforschung gemacht: die Regionen und Einzelfälle ergeben ein anderes Bild als die antikatholische und religionskritische Behauptung von den ›neun Millionen Opfern des Religionswahns, die Ausrottung der weisen Frauen‹, die – so verstieg sich ein heutiger Forscher – sogar den Holokaust noch überträfen. Von der Anlage und Absicht, eine verlässliche Datengrundlage und Quellenerschließung zu schaffen, hätte der ›Sonderauftrag‹ eine gut geplante arbeitsteilige Großforschung möglich gemacht, in der Durchführung litt er an zu vielen inkompetenten Mitarbeitern.
Kapitel 4 und 5 behandelt die Konzeption in Alfred Rosenbergs »Mythus des 20. Jahrhunderts« (1930), die spekulative Rassengeschichte: Bei den Germanen seien die Frauen mit Hochachtung behandelt worden. Als aber der christliche Männerbund der Priester die alte Ordnung zerstörte, waren die dunklen Kräfte der Frauen nicht mehr einzubinden. Mit dem Typ der Hexe mussten diese kontrolliert werden, dabei richtete sich die Inquisition allerdings besonders auch gegen den männlichen Widerstand. Die Arbeit von Rita Thalmann »Frausein im NS« würde die These bestätigen, dass historische Arbeit über die Rolle der Frau bei den Germanen nicht zu einer Revision der NS-Ideologie führte.
Kapitel 6 behandelt zwei Nachwuchswissenschaftler und ihren Kampf untereinander innerhalb des Nationalsozialismus, Bernhard Kummer und Otto Höfler. Katarzyna Leszczysnka arbeitet gut heraus, dass beide inkonsistent zu ihrem Ausgangspunkt (Rosenberg bzw. Himmler) argumentieren. Auch dies eine gute Perspektive für die Bedeutung des Hexenthemas für die NS-Ideologie.
Aus dem Buch wird deutlich, dass der Nationalsozialismus keine einheitliche Ideologie mitbrachte oder entwickelte (›Polyzentrismus der ideologischen Konzeptionen‹ nennt das Frank-Lothar Kroll 1998). Dies gilt auch für die Religion: Unter den Aktivisten des NS gab es Atheisten (u.a. Martin Bormann; sie lehnten grundsätzlich Religion ab, weil sie das Denken verhindere), gab es die, die eine germanische Religiosität für die Moderne aufbauen wollten (dazu gehören Rosenberg und Himmler, die sich aber letztlich nur für den Orden der SS durchsetzte), während die große Mehrheit nur kurzzeitig 1934/35 die Deutsche Glaubensbewegung förderte, sonst aber auf die christliche Religion setzte mit Einschränkungen antikirchlicher, antiklerikaler und anti-dogmatischer Spitze. Das aber stand in langer Tradition des Kulturkampfs und seiner konfessionellen, v.a. anti-katholischen, Rhetorik.«
Christoph Auffarth
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