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Matilda Felix

Nadelstiche

Sticken in der Kunst der Gegenwart
2010, 250 S., kart., zahlr. Abb., 25,80 €
ISBN 978-3-8376-1216-5
Reihe Image
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Als Medium der Kunst gewinnen Stickereien seit den 1990er Jahren zunehmend an Beliebtheit. Künstlerinnen und Künstler nutzen damit eine Praxis, die als destillierter Ausdruck von Anstand und bürgerlicher Ordnung gilt und den extravaganten Gestus eines autonomen Künstlersubjekts konterkariert. Mittels ihrer Konnotationen problematisiert die Technik Normativitätsdispositive der Kunstgeschichte und der bipolaren Geschlechterordnung. Wie die altmodische Handarbeit Kunstwerke mit Renitenz ausstattet und welche neuen Rhetoriken daraus entwickelt werden, untersucht der Band anhand der Werke von Ghada Amer, Jochen Flinzer, Annette Messager, Francesco Vezzoli u.a.
»Eine gut lesbare Studie, die mit den verschiedenen Typologien des Stickens einen anregenden Überblick über ein bislang vernachlässigtes Medium liefert und sich der Abwertung des Stickens als niedere Gattung plausibel entgegenstellt.«
Denise Daum, Stoffe Weben Geschichte(n), 52 (2011)
»[F]ür Fachbibliotheken und große öffentliche Bibliotheken an den Hochschulorten ein Gewinn.«
Danuta Springmann, ekz.bibliotheksservice, 14.02.2011
Stickerei, Medium, Kunst, Gender, Textil
Kunstgeschichte, Kunstwissenschaft, Kulturwissenschaft, Gender Studies
»Ein Sprichwort besagt: ›Wer stickt und strickt, kommt nicht auf dumme Gedanken‹. Sticken wurde seit jeher als traditionelle, bürgerliche und weibliche Beschäftigungsform und somit als Mittel für Anstand und Ordnung betrachtet.Sticken tauchte seit den 1990er Jahren gerade auf Grund seines altmodischen und unkünstlerischen Images als künstlerisches Ausdrucksmedium mit subversivem Potential vermehrt auf.
Matilda Felix beschäftigte sich im Rahmen ihrer Dissertation (2008) im Fachbereich Germanistik und Kunstwissenschaften mit Sticken als künstlerische Praxis der Gegenwart. Das Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt nun in Buchform vor.
In tiefgehenden Analysen und zusammenfassenden Schlussfolgerungen werden repräsentative Kunstwerke, die von Sticktechniken geprägt sind, untersucht. Zwei grundsätzliche Fragestellungen bilden die Struktur der Auseinandersetzung: In welcher Form werden Sticktechniken in der Gegenwartskunst eingesetzt? Welchen Anteil hat die Stickerei an der Aussage- und Bedeutungsbildung der ausgewählten Werke?
Matilda Felix filtert folgende Eigenheiten des Stickens heraus, die bei der Interpretation vielschichtig mitschwingen und deswegen für einen künstlerischen Einsatz prädestiniert sind: gut-bürgerlich, traditionell, altmodisch, weiblich, häuslich, anständig, ordentlich, langsam, detailgenau, wiederholend, subversiv, glamourös.
Die einzelnen Kapitel sind chronologisch geordnet, beginnend mit der textilen Handarbeit des 19. Jahrhundert, die als Erziehungsmethode zur weiblichen Rolle (Hausfrau, Ehefrau, Mutter) körperlich und geistig disziplinierend ihre Spuren hinterließ.
Die feministischen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre greifen die Stickerei als künstlerisches Medium auf. Das Ausstellungsprojekt ›Womanhouse‹ in L.A. geht direkt auf diskreditierte weibliche Haushaltstechniken und ihre zugewiesenen Bedeutungen ein. Anette Messager setzt Sprichwörter in Stickereien um, die generalisierte klischeehafte und feindliche Bilder von Frauen erzeugen.
Historische Stickarbeiten bilden die Grundlage für Elaine Reichek. Sie veröffentlicht in den 1990er Jahre Sticktücher, die auf alten Mustertüchern aufbauen und Zitate von modernen Künstlerinnen einbauen. Jochen Flinzer stickt einen Teppich in Bezug zum Teppich von Bayeux, wobei er bestimmte Regeln für die Fadenführung einhält und parodistisch auf die männlichen Gesellschaftsbilder anspielt.
Fetisch-Wirkung erhalten Bilder und Texte, wenn sie ganz oder teilweise be- oder gestickt werden. Ghada Amer verwendet anonymisierte Abbildungen von Frauen aus Magazinen, wiederholt diese stickend wie einen Rapport. Francesco Vezzoli benutzt Fotografien von berühmten verstorbenen oder gealterten Frauen und hebt stickend ihre Markenzeichen verewigend hervor.
Wenn auf materialuntypische Weise auf einem unadäquaten Träger räumlich gestickt wird, entstehen unerwartete physische Empfindungen wie bei Mariann Imres Kombination von Beton und Fäden oder Barbara Nemitz' Stickerei auf Erde und Pflanzen. Stickerei als aggressives, durchdringendes Material, ganz im Gegensatz zum traditionellen weichen Image.
Zuletzt vergleicht Felix die computergenerierte Ästhetik mit jener der Stickerei und findet Parallelitäten heraus bei Arbeiten von Marion Strunk, Francesco Vezzoli und der japanischen Künstlergruppe Delaware: Wiederholung, Überlagerung und Einheit (Stich, Pixel). Der Unterschied liegt in der Geschwindigkeit und der Materialität.
›Nadelstiche‹ ist eine anspruchsvolle wissenschaftliche Lektüre. Leider sind die Abbildungen der besprochenen Kunstwerke sehr kleinformatig, was das Nachvollziehen der tiefgehenden Betrachtungen erschwert.«
Susanne Weiß
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