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Christine Rospert

Poetik einer Sprache der Toten

Studien zum Schreiben von Nelly Sachs
2004, 414 S., kart., 28,80 €
ISBN 978-3-89942-215-3
Reihe Lettre
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Nelly Sachs lesen – jenseits des Wunsches nach Beherrschbarkeit, der die Rezeption ihrer Dichtungen und Biographie bislang dominiert. Dieser Band entfaltet behutsame mikrologische Lektüren ihres fragilen und widerständigen Schreibens (Lyrik, szenische Dichtungen, Briefe). In den Texten der Nelly Sachs scheint die Figur einer Sprache der Toten auf. Ein solches - unmögliches - Sprechen re-präsentiert nichts und ist doch unausweichlich im Angesicht der Shoah zu lesen. Der ihm immanente Verlust betrifft auch die Dichotomie von Textinnen und -außen; die Grenzen zwischen Dichtung und Geschichte, Leben und Werk erweisen sich als porös. Die zentrale wie ortlose Gestalt der Autorin wird so zum Objekt eines Begehrens: Die Lektüren betreiben eine Kontaminierung des zu Lesenden mit Biographie – und mit Geschichte.
Christine Rospert (Dr. phil.) studierte Germanistik, Anglistik und Pädagogik in Hamburg und Edinburgh und arbeitet als Studienrätin mit den Fächern Deutsch und Englisch in Gießen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Literatur und Psychoanalyse, Wahn und Wissen, Schreiben nach Auschwitz, Literaturtheorie, gender studies. Sie verfasste Arbeiten zu Celan, Hans Henny Jahnn, Kafka, Kleist und N. Sachs.
»Prolog, Einleitung und Epilog dieser großen Arbeit gruppieren sich um drei Kapitel; das erste enthält genaueste Analysen einzelner Gedichte, das zweite geht den 'Verstrickungen von Biografie, Geschichte und poetischer Sprache' nach, im dritten wird die szenische Dichtung 'Der magische Tänzer' untersucht. Will man dem von Rospert vorgelegten Buch auch nur einigermaßen gerecht werden, so muss man sich gerade auf seine Detail-Studien einlassen. Erst so kann die Hauptintention der Verfasserin, die Poetik von Nelly Sachs als 'Poetik einer Sprache der Toten' nachzuzeichnen, wirklich in den Blick kommen. [...] Die letzten großen Produktionen der späten Moderne sind selber ein Moment ihrer Selbstauflösung. Sie verhindern sie nicht, sondern betreiben sie notwendig mit. Was bei Hofmannsthal, Trakl, Stefan George und Rilke begonnen wurde, mündet bei Nelly Sachs, Paul Celan, Günter Eich, Wilhelm Lehmann, Ingeborg Bachmann und Marie Luise Kaschnitz in ein bisher endgültiges Ende. Gegenwärtig scheint es, als sei die Verbindung zur Tradition der Moderne unterbrochen. Umso wichtiger sind Arbeiten, wie Christine Rosperts Buch, das ein doppeltes Zeugnis abgelegt: es schließt das Werk einer der bedeutendsten Lyrikerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts auf - und dokumentiert zugleich, dass die philosophische und literaturwissenschaftliche Analysebasis der Gegenwart keine Weiterführung der unmittelbaren Vergangenheit darstellt, sondern, mit aller Gefahr des Missverstehens, diesseits eines Bruches ansetzt. Wie schwierig aber der Zugang zum Werk von Nelly Sachs heute auch sein mag, wie wenig auch immer sie zur Zeit gelesen wird, ihre Gedichte werden überdauern, gleichgültig ob die jetzige Generation sie zur Kenntnis nimmt oder nicht.«
Max Lorenzen, Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart, 5/6 (2004)
Nelly Sachs, Auschwitz, Poetik, Poetologie, Verlust
Literaturwissenschaft, Philosophie, Psychoanalyse, jüdische Studien, Theaterwissenschaften
»Nur wer lesen kann, ist vor der Wiederkehr von Auschwitz gefeit«, formulierte die Philosophin Sarah Kofman in Anlehnung an Adornos Diktum, dass unser Denken und Handeln so einzurichten sei, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Christine Rospert liest in ihrer Studie »Poetik einer Sprache der Toten« die Dichterin Nelly Sachs. In deren Schreiben seit 1940 - und nur dieses ließ Sachs selbst gelten - ist die absolute Zäsur eingeschrieben, für die Auschwitz steht: Es ist ein immer wiederholtes Hindurchgehen durch den Verlust unersetzlicher Stimmen. Eine Nähe des Schweigens ist dieser Poetik eine Nähe des Verstummens, in dem das der Toten in der doppelten Bedeutung des Wortes aufgehoben sein soll. Die (An-) Rede derer, die nicht mehr unter den Lebenden sind, führt so in ein »Niemandsland« der Repräsentation.
In der hervorragenden dekonstruktiven Lektüre, einem sorgfältigen Auseinanderlegen einander widersprechender Bedeutungen im Text, führt Rospert zum Verständnis einer Dichterin, der sich die eigenen Sprachbilder in später Virulenz des Traumas zu einem paranoischen Erleben konkretisieren. In den Briefen, welche Nelly Sachs in den 1960er Jahren aus dem Aufenthalt in der Psychiatrie schrieb, werden die Metaphern der Krankheit, die Bilder des Wahns, zugleich auf jene Verfolgung hin lesbar, »die alles andere als eine Wahnvorstellung gewesen ist«. Im Blick auf die Verwobenheit von biographischem und textuellem Subjekt gibt es für Rospert dennoch »kein Zuerst, zu lesen bleibt allein der Text«.
Die Gedichte jener Zeit, kostbare Kleinode auf Makulaturblättern, sind nicht ediert, der 1971 erschienene zweite Lyrikband »Suche nach Lebenden« ist nicht mehr zur Hand. Diese prekäre Editionslage wird als Verdrängung der von Nelly Sachs aufgerufenen Fragen nach dem Verlust lesbar. Rosperts eigenes Schreiben, das mit ruhig beatmeter Konsistenz und luzider Genauigkeit aufweist, wie die Erschütterung (in) einer Poetik nach Auschwitz gelesen werden kann, rahmt und (be-) wahrt die Poetizität des literarischen Textes der Nobelpreisträgerin, ohne dass es einer Beschwörung des Kanonischen bedarf. Es entsteht vielmehr der Wunsch, Nelly Sachs wieder - in einer neuen Gesamtedition und solcherart kommentiert - lesen zu können.
Kirsten Scheffler
Kirsten Scheffler hat in Hamburg Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte studiert und arbeitet derzeit an einer Dissertation zu Robert Walsers Mikrogrammen. Sie lebt in Berlin.
Wie der Titel des Buches schon formuliert, hat sich Christine Rospert dem Schreiben der Schriftstellerin Nelly Sachs gewidmet. Sie nähert sich Nelly Sachs an, indem sie sich eingehend mit den Gedichten und Briefen, mit der Prosa und den szenischen Dichtungen sowie den Details Nelly Sachs Leben betreffend auseinandersetzt.
Christine Rosperts Arbeit gliedert sich in drei Teile, die in Prolog und Epilog eingebettet sind. Jeder einzelne Part nimmt dabei unterschiedliche Gesichtspunkte in den Blick und kann, trotz der Eigenständigkeit und Verschiedenartigkeit, die ihm inne wohnen, nicht losgelöst von den anderen betrachtet werden.
Im ersten Abschnitt werden die Sachsschen Gedichte untersucht, wobei den späteren Texten ein besonderes Augenmerk zuteil wird.
Das zweite Kapitel widmet sich dem Zusammenhang von »Biografie, Geschichte und poetischer Sprache«. Die Briefe der Nelly Sachs rücken hier ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Christine Rospert zieht aus diesen Selbstzeugnissen behutsam autorbiographische Schlüsse und lässt bei ihrer Deutung die historischen Ereignisse und Zusammenhänge nicht außer Acht. Dadurch kommt es zu einer Art Verquickung von Interpretation, biografischem und geschichtlichem Kontext.
Der letzte Teil der Studie wendet sich den szenischen Dichtungen der Nelly Sachs zu. Insbesondere die 1959 entstandene szenische Dichtung »Der magische Tänzer« bewegt sich hier in den Mittelpunkt der Betrachtung. Vor dem Hintergrund der »Darstellung« werden von der Autorin Fragen wie die Repräsentation auf der Bühne und die der Beziehung der Schrift zum gesprochenen Wort, der Schrift zum sichtbaren Körper sowie die Frage nach dem Kontext zwischen Wahnsinn und Werk untersucht.
Christine Rospert berücksichtigt jeden poetischen Text ihrer Arbeit en détail und vermittelt dabei, dass sie sich jeder Einzelheit der Texte gänzlich geöffnet hat, um zu verstehen. Gerade die Sachsschen Texte sind getragen von Biografischem und Historischem. Umso behutsamer, fragender und ernster geht Christine Rospert mit ihnen um. Sie orientiert ihre Deutungen und - zuzeiten spekulativen - Gedanken stets an dem, was der Text vorgibt und fügt ihm in keinem Moment Willkürliches hinzu. Selbst wo Geschichte und Biografie eng miteinander verwoben sind - besonders vor dem Hintergrund der jüdischen Herkunft der Nelly Sachs und der Shoah - gelingt es Christine Rospert ihren Deutungen nicht nur eben diese Aspekte aufzuzwingen.
Die Fragilität und Tiefgründigkeit, das Betroffensein und das Berührtsein, die genaue Sprache, ohne Zufälligkeit, die in den Sachsschen Texten eingezeichnet sind, lassen sich auch in der Lektüre Christine Rosperts wiederfinden. Ihr Buch liest sich so, als habe sie es als eine 'Vertraute' Nelly Sachs' geschrieben, die verstehen will und nicht kurzsichtig und überstürzt urteilt, die das Schreiben der Nelly Sachs - und damit auch das Lesen ihrer Texte - keiner Willkür überantwortet, die das Gelesene erwägt und vor falscher und oftmals allzu naheliegender Deutung zu schützen sucht.
Sie lädt nicht nur zum genauen Lesen der Sachs'schen Texte ein, sondern gleichzeitig auch zum Wiederlesen einer Lektüre die, wie die Autorin zeigt, bedauerlicherweise immer mehr vom Vergessen betroffen ist. Christine Rospert unternimmt mit ihrem Werk den Schritt eben diesem Vergessen entgegen zu wirken.
Kerstin Kohnen
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