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Fabian Goppelsröder
Zwischen Sagen und Zeigen
Wittgensteins Weg von der literarischen zur dichtenden Philosophie
2007, 168 S., kart., 18,80 €
ISBN 978-3-89942-764-6
Reihe Edition Moderne Postmoderne
Schlagworte:Sprachphilosophie, Ästhetik, Soziologie, Literaturwissenschaft, Ludwig Wittgenstein Adressaten: Philosophie, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Soziologie
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Ludwig Wittgensteins Philosophie war immer schon Philosophieren. Das »Wie«, die Form, ist ihm nicht lediglich marginaler Zusatz zum eigentlich wichtigen Inhalt. Seine philosophische (Überzeugungs-)Kraft liegt nicht allein in seinen Argumenten – sie ist auch Folge des literarisch-poetischen Charakters seiner Texte. Nicht zuletzt das macht sein Œuvre zu einem über das Gesagte hinausgehenden Werk.
Jenseits der strikten Unterscheidung in frühe und späte Werkphase nimmt dieses Buch die Dimension eines auf Wahrnehmung mit allen Sinnen zielenden, aisthetischen Philosophierens zum Ausgangspunkt einer Rekonstruktion des Wittgenstein'schen Denkwegs.
Fabian Goppelsröder studierte Philosophie und Geschichte in Berlin und Paris. Seit 2005 promoviert er in Stanford (CA) zur Geste.
Pressestimmen
»Das besondere Verdienst des Autors, der hier nicht ein einziges oder gar nur ein Spezialthema der Philosophie Wittgensteins aufgegriffen hat, eine Untersuchung vorgelegt zu haben, mit der es ihm gelingt, auf spannende Weise die Philosophie Wittgensteins ... mehr vorzustellen, sollte auch Literaturwissenschaftler dazu bewegen, über den Rand ihrer Disziplin einmal hinauszuschauen.«
Heiner Wittmann, www.romanistik.info, 11 (2007)
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»Aisthesis seit dem Tractatus: Auf diese Formel hin ließe sich einer der zentralen Gedanken von Fabian Goppelsröders Buch zum Denken Ludwig Wittgensteins zwischen literarischer und dichtender Philosophie pointiert zuspitzen. Gleichzeitig geht die Studie, ... mehr die die philosophische Fundamentalproblematik von Sagen und Zeigen zum Leitfaden ihrer systematischen Überlegungen macht, noch über die prägnante Rekonstruktion des wittgensteinschen Denkwegs vom Früh- zum Spätwerk jenseits der traditionellen Dichotomie zwischen radikalem Bruch einerseits und kontinuierlicher Weiterentwicklung andererseits hinaus. Sie will mithin einen Beitrag leisten, um im Anschluss an Wittgenstein und dessen, so eine der Kernthesen, von Anfang an elementar gestisches Philosophieren die Wende zur Praxis in der Philosophie des 20. Jahrhunderts gerade in ihren radikal differenztheoretischen Konsequenzen besser zu verstehen. Wenn Goppelsröder zugleich herausarbeitet, dass diese Wende schon bei Wittgenstein aufs engste mit einer Theorie des Bildes verknüpft ist, so ist dies auch gegen eine zu einseitig gefasste Konzeption des linguistic turn gerichtet.
Die Interpretation des ›Tractatus logico-philosophicus‹ als ›literarisches Werk‹ und ›ethische Tat‹ bildet den Ausgangspunkt von Goppelsröders Lektüre des wittgensteinschen Frühwerks. Ist dieser Ansatz gerade nach den Arbeiten von Allan Janik, Stephen Toulmin und Stefan Majetschak nicht prinzipiell neu, so besticht doch die Konsequenz, mit der hier dem Diktum Wittgensteins nachgegangen wird, das eigentlich Interessante am Tractatus sei sein korrespondierender unschreibbarer Teil. Gegen die positivistische Lesart unterstreicht Goppelsröder mit allem Nachdruck, dass der Tractatus in Wahrheit eine genuine Grenztheorie des sprachlich Sagbaren entwirft, das folglich auf sein Anderes, auf das, was sich zeigt, hin geöffnet wird.
Die Idee des Zeigens bei Wittgenstein sieht Goppelsröder nun im Anschluss an Felix Gmür in dreifacher Hinsicht differenziert: Mit dem deskriptiven Zeigen auf der Ebene des Satzes und dem transzendentalen Zeigen der logischen Form ist eine Grenze markiert, jenseits derer das radikal Unaussprechliche beginnt, das aller Logik strukturell Transzendente. So entfaltet das Sich-Zeigende bei Wittgenstein auf dieser Ebene die Züge einer existentiell-mystischen Erfahrung, die allerdings dem traditionellen Begriff der Mystik diametral entgegensteht. Nicht um die Auflösung von Raum und Zeit in der Identität der Kontemplation geht es Wittgenstein, wie Goppelsröder in einer hochoriginellen Anverwandlung der wittgensteinschen Philosophie vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um Präsenz verdeutlicht, sondern um das Aisthetische, um die sinnliche Wahrnehmung der Dinge in ihrer materialen Konkretion, wie sie sich logisch paradoxerweise mit und nicht als Teil von Raum und Zeit in der Welt von sich aus zeigen.
Die Freilegung und Weiterentwicklung dieser genuin Aisthesis orientierten Seite des wittgensteinschen Denkens zeichnet sich damit als elementares Anliegen der weiteren Untersuchung ab. Die sozusagen performative Einlösung dieses Ansatzes leistet der Autor nicht nur durch den Stil seiner Darstellung, sondern auch wenn er immer wieder den biographischen und mentalitätsgeschichtlichen Kontexten um den Wiener Philosophen und insbesondere dessen künstlerischer Praxis als Architekt in einem eigenen Kapitel eine symptomatische Bedeutung für die Theorie beimisst. Ganz bewusst wird uns Wittgenstein als Zeitgenosse Kraus', Loos', aber auch Hofmannsthals präsentiert.
Dass das spannungsvolle Verhältnis von Sagen und Zeigen auch im Zentrum des späten Denkens Wittgensteins steht, nun allerdings unter signifikant anderen Prämissen, demonstriert Goppelsröder im letzten Teil seiner Arbeit, der die Einheit des wittgensteinschen Werks als eine komplexe erweist. Das sich dem Sagen Entziehende wird nun nicht mehr an den Rändern eines künstlich abgegrenzten logischen Raums erfahren, sondern zeigt sich gleichsam von der Mitte der Sprache her und in ihrer alltäglichen Praxis. Das maßgebliche Projekt des späten Wittgenstein bestehe also, so Goppelsröders ebenso faszinierende wie solide entwickelte These, in einer bisher weitgehend übersehenen Theorie der lebendigen Metapher – die Parallele zu Ricœur zieht Goppelsröder explizit – die in ihrem rigorosen Streben nach Irritation fundamental von der Differenz her gedacht ist: Im paradoxalen Verschalten von zwei Sprachspielen auf synchroner Ebene wird kurzzeitig jenes Moment von Aisthesis evoziert, das sich nicht mehr sagen lässt und in seinem zeigenden Gestus seine eminente Stätte in der modernen Lyrik gefunden hat.
Die Frage nach dem komplexen Wechselverhältnis von Sagen und Zeigen erweist sich somit für Goppelsröder als Schlüsselproblem nicht nur des wittgensteinschen Denkens, sondern gerade auch der gegenwärtigen Ästhetik.«
Martin Urmann
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