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Martin Endreß

Vertrauen

2002, 110 S., kart., 10,50 €
ISBN 978-3-933127-78-5
Reihe Einsichten
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Das Phänomen Vertrauen ist in der Soziologie in jüngster Zeit zu erheblicher Prominenz gelangt. Im Anschluss an einige Aspekte zum Thema bei den Klassikern konzentrieren sich aktuelle Untersuchungen insbesondere auf die Analyse von Bedingungen der »Funktionsfähigkeit« moderner Gesellschaften, auf Probleme der Ausbildung von Institutionenvertrauen oder auf das Risiko einseitiger Vorleistungen unter den Bedingungen rationalen Handelns.
Der Band erinnert zunächst knapp an einige klassische Analysen. Sein Schwerpunkt liegt auf der kritischen Diskussion aktueller theoretischer und empirischer Beiträge, die in eine systematische Positionsbestimmung zum Vertrauensphänomen überleitet.
Martin Endreß lehrt Soziologie an der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Soziologische Theorie, Geschichte der Soziologie, Wissenssoziologie und Politische Soziologie.
»Insgesamt liefert Endreß einen gelungenen Überlick zum Thema.«
Jan A. Fuhse, Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 4 (2002)
»Endress' ›Vertrauen‹ ist ein kompetenter, anregender, interessanter Einstieg in die soziologische Behandlung von Vertrauen.«
Mike Steffen Schäfer, Forum Qualitative Sozialforschung, 5 (2)
»Wem vertraue ich im Hinblick auf was und wie lange? Wie bilden sich Vertrauensprozesse im Wechselspiel von Selbstautorisierung und Fremdautorisierung, Zeitgeist und Moden? In welchem Umfang und mit welcher Konsequenz stellen Leitbegriffe, Begriffsräume vertrauensbildende Maßnahmen, vor allem in Zeiten von Erfahrungsmängeln dar? Mit diesen und anderen Fragen widmet sich der Autor den gegenwärtig wirksamen Mechanismen des Absehens von Mehrdeutigkeiten, der Unterbindung von Autismus, der Ermöglichung typisch eindeutiger Interpretationen, der Ausblendung von Ambivalenz und des Stillstehens von Reflexivität. Alles in allem: ein lesenswertes Buch.«
Soziologische Revue, 29 (2006)
BA- und MA-Studiengänge der Soziologie
Soziologie des Vertrauens, Theorien des rationalen Handelns u.a.
Am Ausgang des Buches steht die Diagnose, dass »eine mögliche soziologische Konzeptualisierung des Zugangs zum Vertrauensphänomen ... verloren gegangen zu sein« (7) scheint. Als Ursache dieses Umstandes führt Martin Endreß den soziologisch amorphen Charakter von Vertrauen ins Feld, das »eine grundlegende Voraussetzung alltäglichen Handelns« (5) darstelle und unter dessen Begriff aufgrund eben dieser Tatsache wenn schon nicht alles und jedes so doch zumindest vieles thematisierbar sei. In Anbetracht des damit konstatierten wissenschaftlichen Defizits zielt das Buch auf »einige Argumentationen in systematischer Absicht ..., die für eine Präzisierung der soziologischen Optik auf das Vertrauensphänomen unverzichtbar erscheinen« (66).
Argumentationsstrategisch arbeitet sich der Autor zum genannten Zweck zunächst an einer Reihe klassischer sowie einschlägiger aktueller Beiträge (auch empirischer Natur) zum Thema ab. Nicht von ungefähr wird dabei das vertragstheoretische Werk Thomas Hobbes' als Ausgangspunkt gewählt, in dem das spezifisch neuzeitliche Verhältnis von Vertrauen und sozialer Ordnung erstmals behandelt wird. Im weiteren Verlauf folgt Endreß vor dem Hintergrund wissenssoziologischer Überlegungen einer typisierenden Generationeneinteilung der behandelten Denker: angefangen bei der sogenannten Gründergeneration (Durkheim, Simmel, Weber) über die Generation der um die Jahrhundertwende Geborenen (Schütz, Parsons) bis hin zu derjenigen der um 1920 Geborenen (Garfinkel, Blau, Goffman). Unterm Strich steht hier die Diagnose einer »relativen Marginalität dieses Themas bei den Klassikern der Disziplin« (26f.). Im Gegensatz hierzu verdichteten sich die thematischen Beiträge spätestens seit Mitte der 80er Jahre zu einer kumulativen Theorieentwicklung. Entsprach Endreß' Behandlung der Klassiker rein darstellenden Maßstäben, so fällt die Sichtung der Theorien von Luhmann, Coleman, Giddens sowie Sztompka wesentlich kritisch aus. Dies sowohl im bezug auf die Ansätze im einzelnen als auch im Hinblick auf eine Reihe von Gemeinsamkeiten derselben. Vergleichsweise geringen Raum nimmt anschließend die Vorstellung einiger empirischer Untersuchungen ein, wohl auch aufgrund der konstatierten methodologischen Problematik des empirischen Zugangs zum Vertrauensphänomen.
Aus der Sichtung der einschlägigen Literatur zieht der Autor seine Konsequenzen in Form von Postulaten für den soziologischen Zugriff auf die Vertrauensproblematik. So fordert er grundlegend sowohl die durchgängige Differenzierung von Mikro-, Meso- sowie Makroebene als auch der jeweiligen Perspektive auf das Thema. Dieses könne im Sinne einer Theorie der Moderne (hier unterstützt Endreß die These einer wachsenden Bedeutung sogenannter Vertrauensintermediäre), einer historischen Entwicklungstheorie (diesbezüglich wird die These einer Zunahme des Systemvertrauens forciert) oder einer Grundlagentheorie behandelt werden. In letzterer Hinsicht plädiert Endreß für eine Trennung zwischen den Formen reflexiven und fungierenden Vertrauens und er diagnostiziert eine unangemessene Schlagseite zugunsten der Erforschung der erstgenannten Form. Als eine Ursache dieser Schieflage wird die empirische Methodik der Disziplin angeführt, welche über die meist praktizierte standardisierte Einstellungsforschung das Phänomen fungierenden Vertrauens systematisch aus dem Blick verliere; und wo dieses dennoch mittels Beobachtungsdaten erfaßt werde, ergäben sich schwerwiegende hermeneutische Probleme. Ferner wird eine Typologie verschiedener Beziehungskonstellationen respektive Vertrauensverhältnisse vorgestellt, in deren Rahmen wichtige Präzisierungen des Phänomenbereichs vorgenommen werden. So sei Vertrauen erstens konstitutiv durch »eine gewisse hinreichende Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des Erwarteten« (74) gekennzeichnet und zweitens strikt von Situationen struktureller Alternativlosigkeit zu trennen. Abschließend folgen einige Gedanken zur Institutionalisierung von Vertrauen respektive Mißtrauen im Anschluß an Sztompkas »paradox of democracy«.
Endreß' Werk hat keine eigenständige Theorie zu diesem oder jenem Teilaspekt der Vertrauensproblematik vorzuweisen. Statt dessen bietet es einen kompetenten und prägnant-knappen Einblick in die soziologische Vertrauensforschung. Die in Anbetracht der umfassenden Thematik relative Kürze der Ausführungen geht dabei nie auf Kosten des Inhalts (allerdings erfordern die inhaltlich sehr verdichteten Satzkonstruktionen Endreß' durchaus einen aufmerksamen Leser), sondern ermöglicht vielmehr einen erstaunlich weiten Rahmen bei der Behandlung einschlägiger Autoren. Diese faktensichere und in wesentlichen Aspekten gerade auch kritische Auseinandersetzung ermöglicht es dem Autor, seinem eigenen Anspruch nachzukommen, systematische Postulate vorzulegen, ohne deren Umsetzung eine angemessene soziologische Erforschung des Vertrauensphänomens nicht stattfinden kann.
Andreas Göttlich, Konstanz
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