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Julia Reuter
Ordnungen des Anderen
Zum Problem des Eigenen in der Soziologie des Fremden
2002, 314 S., kart., 25,80 €
ISBN 978-3-933127-84-6
Reihe Sozialtheorie
Schlagworte:Fremdheit, Stigmatisierung, »Othering« Adressaten: Soziologen, Ethnologen. Der Titel bietet einen fundierten Einstieg in die Soziologie des Fremden.
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Begegnungen mit dem Fremden sind uns vertraut, auch wenn wir den Anderen dabei häufig als unvertraut wahrnehmen. Doch es sind weniger die fremden, als vielmehr die eigenen Wirklichkeitsvorstellungen und Umgangspraktiken, die den »Einen« zum »Anderen« machen. Die Autorin analysiert diese Praktiken der Fremdsetzung, die sich von der alltäglichen Etikettierung und Stigmatisierung bis hin zu wissenschaftlichen Praktiken des »Othering« erstrecken: Rekonstruiert werden sowohl Simmels »Händler«, Parks »Mulatte«, Schütz' »Emigrant«, Meads »signifikanter/verallgemeinerter Andere« als auch ethnografische Praktiken der »Ver-Anderung« des Fremden. Dabei wird der Blick immer wieder von den vertrauten Bildern des Fremden hin zu ihren subtilen Herstellungsprozessen und Resonanzen gelenkt, was es möglich macht, von den Konstruktionen des Fremden auf die Konstruktionen des Eigenen zurückzuschließen.
Julia Reuter (Prof. Dr. phil.) lehrt Soziologie an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich soziologischer (Kultur-)Theorien, der neueren Religions-und Migrationssoziologie sowie der Körper- und Geschlechterforschung.
Pressestimmen
»Reuter geht es nicht darum, die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu verfeinern (wozu die Soziologie neigt), sondern darum, die 'Ordnungen des Anderen' als Problem des Eigenen zu begreifen. Der Blick auf die 'Ver-Anderung' stellt dabei zugleich ... mehr das So-sein des Eigenen in Frage, das selbst im gleichen Prozess erst erzeugt wird.«
Martina Backes, iz3w, 7/8 (2002)
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»Welche Funktion besitzt ›Fremdheit‹ in unserer Gesellschaft? Wann empfinden wir andere Kulturen oder Zivilisationen als ›fremd‹? Weshalb entstehen Konflikte im Umgang mit ›Fremden‹?
Die kürzlich erschienene Dissertation ›Ordnungen des Anderen‹ von ... mehr Julia Reuter, Soziologin an der RWTH Aachen, versucht diese Fragen, durch eine kritische Zusammenschau verschiedener, soziologischer Theorien und Fragestellungen, zu klären. In dieser Arbeit geht es jedoch nicht ›...um den Fremden selbst, als vielmehr um die vielfältigen Ordnungen des Fremden in unterschiedlichen Beobachtungskontexten.‹ (Reuter 2002: 15) Inhaltlich überzeugt nicht zuletzt, neben der Verordnung des Fremden im Alltag und den klassischen Typisierungen von Georg Simmel, Alfred Schütz, Robert E. Park und George Herbert Mead, die Kritik an allzu ›optimistischen‹ Modernisierungstheorien. Dies geschieht durch die Aufdeckung der Prozesse der Normalisierung, Disziplinierung, Regulierung und Zivilisierung, wie auch der Zuschreibung, Stigmatisierung und Etikettierung. Technologien und Funktionsweisen des modernen Diskurses tragen zur Strukturierung der Machtverhältnisse in der Gesellschaft bei. Binäre Unterscheidungen zwingen dabei die sozialen Verhältnisse in ein Raster des richtig und falsch, normal und fremd, krank und gesund. ›Abnormität wird zum Anderen der Norm, Abweichung zum Anderen der Gesetzestreue, Krankheit zum Anderen der Gesundheit.‹ (Reuter 2002: 204) Fremdheit ist dann, entsprechend den Theorien von Michel Foucault, ein sozialer Positionsbegriff, ein Diskurs im Geflecht diskursiver Konstruktionen von Wirklichkeit. Dessen Ordnung enthüllt sich in sozialen Praktiken und Beziehungen, etwa in Therapie- und Behandlungssituationen, oder auch in alltäglichen Gesprächs- oder Anredungsprozessen. Die Analyse dieser Prozesse bietet die Möglichkeit, entstehende Irritationspotentiale zu nutzen, um bestehende Machtstrukturen zu erkennen und zu verändern.
Reuters Dissertation regt zur Auseinandersetzung mit dem Konzept von ›Fremdheit‹ und den zugehörigen Charakteristika der ›Nicht-Zugehörigkeit‹ und der ›Unvertrautheit‹ an. Der Leser lernt Prozesse der Integration und des Verstehen, der Identität und der Herrschaft kennen und erhält die Gelegenheit aktuelle, gesellschaftliche Probleme aus einem anderen, ›fremden‹ Blickwinkel zu betrachten. Nicht zuletzt zeigt die Arbeit die Notwendigkeit einer doppelten Dekonstruktion des alltäglichen und des wissenschaftlichen Umgangs mit dem Fremden.«
Markus Wiemker, Universität Mannheim, Medien- und Kommunikationswissenschaft
»Zentraler Gedanke der Autorin ist es, den Anderen als jemanden zu erkennen, der aus der Perspektive des Ichs zum Anderen, zum Fremden gemacht wird. Der Erkennungs- und Definitionsprozeß bedient sich dabei - oft unbemerkt - sogenannter Praktiken, die wohl mehr über den Sehenden aussagen als über den ›Erkannten‹.
Was zwischen Gruppen im soziodynamischen Feld stattfindet, ähnelt stark der Psychodynamik im Inneren des Selbst. Das Selbst konstruiert sich von klein auf in der Begegnung mit dem Du. Je vertrauter das Du, desto sicherer kann sich das Ich innerhalb seiner - stets auch offenen - Grenzen entwickeln. Das fremd erlebte Du zwingt das Ich zur Anpassung bis zum Selbstverlust oder radikalisiert es über Trotz und Eigensinn zum Ego-isten.
Selbstaufgabe zugunsten des Anderen oder anderer medial vermittelter Selbstinszenierungen führt zum Verlust des Eigenen und zeigt sich signalhaft in psychopathologischen und somatischen Dysfunktionen. Grenzt sich das Selbst vom Anderen zu stark ab, kann auch Eigenes aus dem Raum des Gebilligten herausfallen und zum Fremden und Befremdenden im Ich werden. Auch dieser Prozeß wird psychopathologisch signalisiert.
Was ist die Botschaft dieses interessanten und politischen Buches? Ob Reflexivität des Ich im Umgang mit sich selbst, Sensitivität für Prozesse von Wirklichkeitskonstruktion oder Toleranz gegenüber dem Anderen als Heilmittel ausreicht, ist zu bezweifeln. Das alles sind nämlich schon Folgen stattgehabter Reifungen des Ich. Verwässert der Familienraum als Biotop der Ich-Entwicklung durch zu viele und zunächst attraktiv und faszinierend beschriebene Lebensformen und überschwemmt im national-kulturellen Raum der Reiz des Globalen die langjährige Traditionalität der eigenen Gruppe, ist da nur vordergründig modernistisch Gewinn, letztendlich aber Verlust.
Damit der Prozeß der Begegnung mit dem Anderen im von der Autorin als Raum dauernder Ambivalenz beschriebener fruchtbar wird, bedarf es aus psychologischer Sicht einer ›mittleren Sicherheit im Eigenen‹; nicht zu viel an Selbstgewißheit, nicht zu wenig an Selbstvertrauen. Dann kann die Berührung mit dem Fremden im Anderen und im Ich zur spannenden Begegnung werden.«
Dr. Barbara Rehse, Dipl.-Psych., Olpe
»In einer sich zunehmend vernetzenden und verdichtenden Weltgesellschaft scheinen Kontakte mit (dem) Fremden einerseits alltäglich zu werden, andererseits verschwimmen aber auch in zunehmendem Maße die Grenze, wann oder ob jemand als fremd zu betrachten ist.
In ihrem in der Reihe ›Sozialtheorie‹ beim transcript-Verlag erschienenen Buch ›Ordnungen des Anderen. Zum Problem des Eigenen in der Soziologie des Fremden‹ untersucht Julia Reuter aus einer vornehmlich sozialkonstruktivistischen Perspektive Arrangements, Konstellationen und Formen der Hervorbringung des Fremden. Fremdheit wird dabei nicht als (natürliche) Eigenschaft einer Person interpretiert, sondern vielmehr als kommunikativ erzeugte (Zu-)Ordnung betrachtet, die nur in Relation zu einer sozialen Ordnung besteht. Der Fremde ist zwar der Andere der Ordnung, er ist jedoch immer auch ein Teil derselben. In den Blick gerät damit eine Konstellation, die den Fremden als das Andere setzt und darüber immer auch eine Konstruktion der eigenen Identität mit vollzieht: Der Fremde bin nicht ich, es ist der Andere.
Nach einer Einführung in ›alltägliche Ordnungen des Fremden‹, welche die Phänomenologie des Fremden unter theoriegeschichtlicher Fragestellung in den Blick nimmt, widmet sich Reuter im zweiten Teil ihrer Arbeit den ›typischen Ordnungen des Fremden‹. Erläutert werden klassische, zum Idealtypus verdichtete soziologische Typisierungen und Konstruktionen des Fremden in den Werken von Georg Simmel, Robert E. Park, Alfred Schütz und George H. Mead.
Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den ›praktischen Ordnungen des Fremden‹. Die Frage ist dabei, wie der Andere in der klassischen Ethnologie zum Fremden gemacht wird und wie er in der soziologischen Modernisierungstheorie als Fremder aus- bzw. untergeordnet wird. Reuter interpretiert dabei das Konzept der VerAnderung (othering) als Selbsterzeugungsmechanismus der Disziplin Ethnologie, welches jedoch auf problematischen Beobachtungstechniken beruht: Der ethnologische Blick bleibt ebenso wie Übersetzungen des Fremden an das kulturelle Bezugssystem des Beobachters rückgekoppelt. Die Logik der Praktiken der VerAnderung gilt es zu berücksichtigen, damit erkennbar wird, dass der Fremde immer ein Konstrukt des Beobachters bleibt, auch wenn die Ethnologie als Wissenschaft für sich den Anspruch erhebt, den Fremden objektiv beschreiben zu können.
Ähnlich kritisch untersucht Reuter die soziologische Modernisierungstheorie, wenn diese als eine lineare Theorie des Fortschritts in Erscheinung tritt. In der soziologischen Praktik der Typisierung der modernen Ordnung ist laut Reuter immer auch die Unterordnung des Fremden angelegt. Sowohl im reflexiven Ansatz Foucaults als auch im ›einfachen‹ Ansatz Elias' zeigt Reuter Ausgangspunkte für eine solche Kritik auf.
Das Originelle des Buches zeigt sich in der vorgeführten reflexiven Wendung des Themas: Im Mittelpunkt steht nicht einfach der Fremde, sondern es geht um diejenigen, die das Fremde erst maßgeblich konstruieren und konstituieren. Dies sind insbesondere (aber nicht ausschließlich) die Sozialwissenschaftler. Obwohl sie sich den Anschein geben, objektive Erkenntnisse über ihren Gegenstandsbereich erzielen zu können, stellen sie immer auch bestimmte Ordnungen wie die des Fremden her und festigen diese aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung.
Die Anlage der Reuter'schen Arbeit eröffnet somit unterschiedliche Zugänge zum Nachdenken über den Anderen oder Fremden. Kann sie einerseits als gut lesbare Hinführung zu klassischen Ansätzen der soziologischen Konzeptualisierung des Fremden und damit als einführende Lektüre genutzt werden, so kann sie andererseits als Irritationsquelle für sozialwissenschaftliche Selbstverständlichkeiten verstanden werden. Damit kann das Buch Einsteigern wie auch Fortgeschrittenen der Sozialwissenschaften nützliche Einblicke in ein spannendes Feld liefern. Der Leser erhält darüber hinaus einen Ausblick auf ein neues Denken des Anderen und Fremden in Soziologie und Ethnologie, was in der Aufforderung Reuters kulminiert, vertrauten Ordnungen kritisch gegenüberzustehen, ja ihnen zu misstrauen, und deren Zustandekommen zu hinterfragen. Nicht nur hier offenbart sich auch der politische Gehalt des Buches, der die Lektüre so überaus spannend macht.«
Jochen Walter, Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie
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