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Heike Weber

Das Versprechen mobiler Freiheit

Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy
2008, 368 S., kart., zahlr. Abb., 29,80 €
ISBN 978-3-89942-871-1
Reihe Science Studies
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Am Beginn des 21. Jahrhunderts fungieren MP3-Player, Handy oder Laptop als stete Begleiter des Menschen. Jedoch fanden bereits zuvor zahlreiche elektronische Geräte als »Portables« ihren mobilen Platz in Transport- und Kleidungstaschen oder direkt am Körper. Ihr ortsunabhängiger Gebrauch veränderte Vorstellungen von »privat« und »öffentlich«, von Körper, Technik und Identität. Anhand der Produktkultur und Aneignungsgeschichte von Kofferradio, Kassettenrekorder und Walkman sowie dem Handy analysiert dieses Buch die mit Portables eingeübten neuen Formen des Technikgebrauchs, des sozialen Miteinanders und der Mobilität und stellt damit die aktuelle Debatte um eine »mobile Revolution« erstmals in eine historische Perspektive.
»Heike Webers empfehlenswerte Arbeit ist wieder einmal eine gute Gelegenheit, an Nestroys kluge Worte zu erinnern: ›Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.‹«
Karlheinz Geißler, Universitas, 752 (2009)
»Technikgeschichte ist mithin immer Kulturgeschichte. Dieser informative Band erläutert das am Beispiel der tragbaren Geräte [...], die die zweite Hälfte des 20. Jhdts. geprägt haben.«
Oliver Neumann, lehrerbibliothek.de, 10.02.2009
»Originell und zukunftsweisend ist der theoretische Ansatz der Arbeit [...].
Das Buch liefert ausgesprochen sachkundig eine große Fülle Detailinformationen [...].«
Nicola Döring, M & K, 1 (2009)
»Entscheidende Stärken der Arbeit liegen in der ausführlichen und klaren Herleitung des theoretisch-methodischen Instrumentariums [...] sowie in der detaillierten Vorstellung und Begründung der Quellenauswahl [...].«
Monika Röther, Technikgeschichte, 76/2 (2009)
»Alles in allem bietet das Buch eine interessante Herangehensweise und einen tiefgehenden Einblick in die Kultur- und Technikgeschichte mobiler Konsumtechnik.«
Cornelia Fabian, H-Soz-u-Kult, 25.06.2010
»›The Promise of Mobile Freedom‹ is an intriguing cultural history of portable technologies, and readers will profit both from the empirical case studies and from the theoretical reflections of user de-signs.«
Stefan Krebs, Technology and Culture, 51/7 (2010)
»Das Buch stellt einen lesenswerten Beitrag zur Aufarbeitung der Technik-, Konsum- und Mediengeschichte des letzten Jahrhunderts dar.«
Matthias Kuzina, MEDIENwissenschaft, 3 (2010)
»Heike Weber zeigt in ihrer Publikation, was Sachkulturforschung in unserem von technischen Medien geprägten Alltag meinen kann und wie viel Potenzial die Geschichte der altvertrauten Kommunikationsmedien Radio und Telefon birgt. Mit einem überzeugenden Analysekonzept untersucht sie das Verhältnis von Mensch und Technik.«
Lioba Nägele, Zeitschrift für Volkskunde, 106/2 (2010)
»Mit ihrem Buch liefert Heike Weber einen wichtigen Beitrag zu [...] wachsender Forschungsliteratur, indem sie die heutige Revolution als Teil einer längeren Geschichte von ›Portables‹, also tragbaren mobilen Geräten, kontextualisiert. Das Buch [...] nähert sich methodisch überzeugend den Vermittlungsprozessen zwischen Produzenten und Nutzern an [...].«
Alexander Badenoch, NTM, 4 (2010)
»Das Buch ist ausgesprochen sachkundig und bietet [...] eine große Fülle an Detailinformationen.«
Marcel Goerke, Radio-Kurier, 4 (2012)
Besprochen in:
Soziologische Revue, 33 (2010)
Konsum, Technik, Medien, Mobilität, Kultur
Technik-, Konsum- und Kulturgeschichte, Soziologie, Kultur- und Medienwissenschaften
»Ein Traum von Unabhängigkeit steht im Mittelpunkt eines neuen Buches über die ›Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy.‹ Als Dissertation vorgelegt von der Berliner Technikhistorikerin Heike Weber, befasst sich die etwa 350 Seiten starke Abhandlung, so der Titel des Buches, mit dem ›Versprechen mobiler Freiheit‹.
Tragbare Konsumelektronik, so eine Leitthese der Autorin, verbindet sich in der Zeitgeschichte wie in der Gegenwart immer wieder mit dem Wunsch nach Autonomie, Ortsunabhängigkeit und Beweglichkeit - Idealvorstellungen, die sich im Kennbegriff der ›Mobilität‹ verkörperten und hier als eine doppelte Mobilisierung von Technik wie Nutzern angesprochen werden. Wird dieser Wunsch nach Mobilität in den gegenwärtigen Diskursen rund um Handy, Laptop und MP3-Player einer aufgeschlossenen Konsumentenschar gleichsam als neu erfunden präsentiert, so hat er doch, wie Weber zeigen kann, seine historischen Wurzeln.
Die Untersuchung konzentriert sich auf Radioportables der 1950er und 1960er Jahre, die Kassettenrekorder der 1970er und 1980er und den Mobilfunk vorwiegend der 1990er Jahre, wobei auch deren Sonderformen wie der Walkman, der Pager oder das Autotelefon Berücksichtigung finden. Anhand von Quellen der Nutzer- wie der Produzentenseite sowie aus dem Bereich des Mediating, die hier als aussagekräftig für ›anonyme‹ Technisierungsprozesse betrachtet werden, werden unterschiedliche Nutzer- und Nutzungsvorstellungen portabler Konsumelektronik, ausgewählte Debatten und Kontroversen sowie technische Vorbedingungen und Eigenarten der betrachteten Geräte dargestellt.
Als methodisch-theoretische Rahmensetzung nutzt die Autorin den Begriff der ›user de-signs‹. An theoretische Debatten und Großtheorien aus dem Bereich Technikgeschichte und STS anknüpfend, argumentiert Weber für einen neuen Ansatz, die soziale Konstruiertheit technischer Entwicklungen (Stichwort: ›social shaping of technology‹) zu analysieren: Gleichwohl unter dem Schlagwort der ›nutzerzentrierten‹ Analyse angeboten, versucht Weber dem Konsumenten auf eine eher vermittelte Art und Weise nahe zu kommen. Denn indem Prozesse der Technisierung und Technikentwicklung in ihrer Komplexität kaum mehr einzelnen Nutzern, Produzenten oder Konsumenten direkt zuzuordnen sind, verliert eine auf einzelne Personen fokussierte Analyse an Plausibilität. Stattdessen versteht Weber Technikentwicklung als ›Wechselwirkung zwischen user de-signs der Produktions- und Konsumtionssphäre‹, wobei auch die Objekte selber als ›Vermittler von user-de-signs‹ in die Analyse mit einbezogen werden. Der Begriff der ›user-de-signs‹ wurde in Zusammenarbeit mit Gwen Bingle bereits in einem Vorläuferprojekt zum technischen Konsum entwickelt.
Auf diese Weise nähert sich Weber ausgewählten portablen Elektronikgeräten von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart. Räumlich konzentriert sich die Untersuchung auf die Bundesrepublik Deutschland. Sowohl im Bereich der eher produzentenseitigen technischen Entwicklung wie im Bereich der konkreten Nutzungsweisen und Adaptionen werden aber auch transnationale Kontextualisierungen immer wieder gesucht.
Neben der grundsätzlichen Frage nach der Formung technischer Geräte im Wechselspiel von Produzenten, Nutzern und Mediating verfolgt die Studie auf einer theoretischen Ebene eine Vielzahl weiterer Interessen. Angesprochen werden so unter anderem Veränderungen von Raum-Zeit-Verhältnissen durch die Nutzung portabler Elektronikgeräte und die Hybridisierung von Räumen, die Beziehung technischer Geräte und Körperllichkeit unter der Frage der ›wearability‹ und dem Technik-Mensch-Verhältnis unter dem Begriff der Cyborgisierung.
›Das Versprechen mobiler Freiheit‹ - Bleibt noch zu fragen: Wird es eingelöst? Die Autorin vermag hier auf Grund des ambivalenten Charakters tragbarer Konsumelektronik keine eindeutige Antwort zu geben. Als Mobilitätsermöglicher auf der einen, als Garanten der Stabilität in der Fremde wie im eigenen Haus erfüllten und erfüllen Portables unterschiedlichste Funktionen, die dem hochgradig normativ aufgeladenen Mobilitätsdiskurs keine direkte Entsprechung bieten. Geformt im Wechselspiel von Nutzerbildern der Produzenten, Konsumenten und Mediating-Instanzen, kristallisierten sich nach Weber in den Portables letztlich widersprüchliche Ziele, Wunschvorstellungen und Praktiken. Als Tendenz freilich hebt die Autorin die Statik der Portable-Nutzung eher hervor als ihre Dynamik: Nicht das Auto, nicht der Vogel als Leitbilder der Portable-Produzenten, sondern eher das Laufband verkörperten die Lebenswirklichkeit tatsächlicher Portable-Nutzung. Praxis und Anspruch, Projektion und Alltagswirklichkeiten werden in diesem Buch auf geschickte Art und Weise ineinander verflochten und formen sich zu einem umfassenden Bild historischer wie gegenwärtiger Portable-Kulturen.«
Susanne Schregel
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Interview
... mit Dr. phil. Heike Weber
1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
Angeblich befinden wir uns derzeit inmitten einer ›drahtlosen‹, ›mobilen‹ Revolution und werden durch Laptop oder Handy zu ›postmodernen ... mehrNomaden‹. Was in der aktuellen Debatte fehlt, ist der Blick zurück: Drahtlosgeräte wie das Kofferradio oder der Kassettenrekorder prägten bereits in den vergangenen fünf, sechs Jahrzehnten neue Freizeit- und Sozialformen und mit dem Walkman wurde es sogar normal, sich im Öffentlichen per Kopfhörer einen abgekapselten Privatraum zu kreieren.
2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Über diese Debatte zur ›mobilen Revolution‹ hinaus zeigt das Buch, dass es nicht einseitig die Technik ist, die unser Leben verändert. Vielmehr partizipieren wir selbst als Konsumenten und Techniknutzer am technischen Wandel. Denn indem wir z. B. iPod oder Handy in unseren mobilen wie häuslichen Alltag integrieren, entstehen neue Praxen und Bedeutungen, von denen die Produzenten oft nichts geahnt haben. Technikentwicklung geschieht im Zusammenspiel von Produktion und Konsumtion.
3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Von der Handynutzung aufgerüttelt, entwickeln Soziologen derzeit neue Gesellschaftstheorien. Getrennt davon arbeiten Innovations- und Technikforscher an Konzepten zum ›aktiven‹, die Technik mitformenden Nutzer. Das Buch verbindet diese Debatten. Es arbeitet die Ähnlichkeiten, Kontinuitäten und Unterschiede zwischen der mobilen Musikhör- und der Mobilfunkkultur heraus. Zugleich zeigt es, dass nicht etwa Transistor oder Digitalfunk den technischen Wandel bestimmten, sondern Nutzervorstellungen und Nutzungen.
4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit sämtlichen Technikpropheten, die davon ausgehen, dass wir uns ›jederzeit und überall‹ per Technik vernetzen und mobil konsumieren wollen. Und die dabei zumeist verdrängen, dass die angeblich ›mobile Freiheit‹, die ein solcher Technikeinsatz verspricht, zugleich mit Zuständen höchster Unfreiheit, Starrheit und Immobilität einhergeht, worauf Paul Virilio bereits mit dem Begriff des ›rasenden Stillstands‹ verwies.
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