Heiliger Krieg und Demokratie

Radikalität und politischer Wandel im islamisch-westlichen Vergleich

Der politische Islam – eine »terroristische« oder »faschistische« Bewegung? Entgegen dieser im Westen vielfach verbreiteten Wahrnehmung räumt der Band dem politischen Islam trotz aller Auswüchse als radikale Opposition eine zentrale Position auch in Prozessen der Demokratisierung und Modernisierung ein.

Der bislang in dieser Konsequenz verweigerte Vergleich mit der ebenfalls nicht widerspruchsfreien politischen Geschichte des Westens zeigt nicht nur erstaunliche Parallelen, sondern die tiefe Ambivalenz von Gefahren – aber auch Chancen –, die der politische Islam mit sich bringt. Für die Nahost- und Islampolitik des Westens kann es dann um nicht weniger gehen als um eine fundamentale Wende hin zu einer neuen Entspannungspolitik.

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2009-09-27, 282 Seiten
ISBN: 978-3-8376-1256-1

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Kai Hafez

Kai Hafez, Universität Erfurt, Deutschland

... mit Kai Hafez

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?

Ich meine, dass dieses Buch sogar sehr dringend gebraucht wird. Bislang gibt es kaum Versuche, das Phänomen der politischen Gewalt und der Radikalität in der islamischen Welt in eine vergleichende Perspektive mit unserer eigenen Geschichte zu bringen. Ließen wir diesen Vergleich zu, würden wir möglicherweise eher verstehen, dass ein Phänomen wie das des modernen islamistischen Fundamentalismus nicht gänzlich irrational ist, sondern mit tiefgreifenden Umwälzungen zu tun hat, die dem Westen allesamt bekannt sind: Reformation, soziale Befriedung, politische Öffnung und fundamentale Opposition.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Ich glaube, mein Buch zeigt erstmals, dass die unterschiedlichen politischen Strömungen der islamischen Welt – vom Säkularismus über den religiösen Reformismus bis hin zum Fundamentalismus – Teil eines vollständigen politischen Aufbruchs diese Länder in eine Moderne sind, die bei aller oberflächlich betrachteten Fremdheit der westlichen Geschichte und jüngeren Gegenwart sehr ähnlich ist. Auch Martin Luther war kein Liberaler, sondern eifernder und intoleranter Traditionsbrecher – aber sicher ein wichtiger Baustein auf dem Weg in unsere heutige Moderne. Die Geschichte der islamischen Welt verläuft nicht identisch mit der des Westens, aber vielfach phasenversetzt nach einer durchaus ähnlichen Logik. Ich versuche, diese schwer erkennbaren Muster zentraler Entwicklungsprozesse zu entwirren.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen Debatten in Wissenschaft und Gesellschaft zu?

Man darf wohl sagen, dass es heute kaum ein Thema gibt, dass Politik, Medien und Wissenschaft so beschäftigt wie der Umgang mit dem politischen Islam. Der Nahe Osten steht im Zentrum der globalen Verteilungskämpfe der Gegenwart. Unser aller Fähigkeit, den politischen Islam zu verstehen und seine paradoxen, zum Teil faschistoiden, zum Teil aber auch demokratisierenden Impulse richtig zu deuten, wird den Weltfrieden erheblich beeinflussen.

4. Welche besonderen Aspekte kann die wissenschaftliche Betrachtung in die öffentliche Diskussion einbringen?

Der mediale Diskurs über den Islam und den Islamismus hat durch die starke Konzentration auf ikonische Bilder und stereotype Themen und Betrachtungen vielfach mehr Verwirrung als Verständnis gestiftet. Die oft langwierigen politischen Prozesse und den schwierigen Vergleich mit dem Westen verständlich zu machen, ist zuvorderst die Aufgabe der Wissenschaft, die die gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit in den letzten Jahren immer ernster nimmt.

5. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Mit Barak Obama, aber wenn der keine Zeit für mich haben sollte, gern auch mit einem deutschen Außenminister, der an Fragen einer neuen Entspannungspolitik interessiert ist.

6. Ihr Buch in einem Satz:

Radikalität und Gewalt waren und sind Begleiterscheinungen der meisten Prozesse der politischen Moderne – dies gilt für die islamische Welt ebenso wie für den Westen.

»Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler überhaupt zieht er wissenschaftliche Parallelen zur westlichen Entwicklung von Moderne und Demokratie.
Sein Schluss: Der aktuelle politische Wandel ist durchaus vergleichbar und könnte sehr wohl auch in diesen Ländern auf lange Sicht zu einer eigenen Demokratie führen.«
Volker Stahr, Faust-Kultur, 2 (2011)
»Kai Hafez hat ein lehrreiches Buch geschrieben, das trotz des Zuganges eines islamisch-westlichen Vergleiches nicht in die Falle tappt, eine Dichotomie zu schaffen und eurozentrischen Diskursen zu verfallen. Trotz des komplexen Themas ist der Band verständlich geschrieben.«
Sebastian Kalicha, graswurzelrevolution, 12 (2010)
»Hafez will der gängigen Prognose nicht zustimmen, dass die islamische Welt vor einer Periode entfesselter Glaubenskriege stehe [...]; vielmehr will er mit seiner Analyse deutlich machen, dass das Abrutschen der islamischen Welt in ein Zeitalter religiös motivierter Gewalt keinesfalls unausweichlich sei. Insofern sieht er es als seine Aufgabe an, mit dem Vergleich zwischen den politischen Entwicklungen der Weltregionen eine intellektuelle Sensibilisierung zu bewirken. Ein Unterfangen, das notwendig und sinnvoll ist, trotz oder gerade wegen der derzeit eher pessimistischen Einstellungen.«
Jos Schnurer, www.socialnet.de, 30.11.2009
»Dieser Band geht in erfreuliche Opposition zu den üblichen Thesen und Annahmen in unseren Massenmedien: Der bislang verweigerte Vergleich mit der ebenfalls nicht widerspruchsfreien politischen Geschichte des Westens zeigt nicht nur erstaunliche Parallelen, sondern die tiefe Ambivalenz von Gefahren – aber auch Chancen –, die der politische Islam mit sich bringt.«
Oliver Neumann, www.lehrerbibliothek.de, 17.11.2009
Besprochen in:
Joseph Alagha, International Affairs, 88/2 (2012)
IP, 5/6 (2011), Jahn Kuhlmann
Volker Stahr, Faust (Kulturmagazin), 2 (2011)
Ester Saletta, Journal of Contemporary European Studies, 19/1 (2011)
www.wienerzeitung.at, 11.01.2010
Rheinischer Merkur, 14.01.2010
Aschot Manutscharjan, Das Parlament, 10 (2010)
Wilhelm Kropp, Westdeutsche Zeitung (WZ), 15.09.2010
DAMID, 7/8 (2010)
Jahrbuch Extremismus & Demokratie, 22 (2010), Lazaros Miliopoulos
Anthropological Abstracts, 8 (2009)
www.buchtest.de, 13.11.2009
Autor_in(nen)
Kai Hafez
Buchtitel
Heiliger Krieg und Demokratie Radikalität und politischer Wandel im islamisch-westlichen Vergleich
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
282
Ausstattung
kart.
ISBN
978-3-8376-1256-1
DOI
10.14361/9783839412565
Warengruppe
1733
BIC-Code
JPF JFSR2
BISAC-Code
POL042000 SOC049000 POL032000
THEMA-Code
JPF QRPP
Erscheinungsdatum
2009-09-27
Auflage
1
Themen
Gewalt, Politik, Zeitdiagnose, Islam
Adressaten
Politikwissenschaft, Orient- und Islamwissenschaft, Soziologie, Philosophie, interessierte Öffentlichkeit
Schlagworte
Islam, Moderne, Reform, Demokratisierung, Autoritarismus, Terrorismus, Imperialismus, Politik, Gewalt, Politische Ideologien, Islamwissenschaft, Demokratie, Politikwissenschaft

Zur Situation in den arabischen Ländern

Ein Interview mit Kai Hafez am 22. Februar 2011

1. Sie haben in Ihrem Buch »Heiliger Krieg und Demokratie« als einer der Ersten darauf hingewiesen, dass die politischen Entwicklungen in der islamischen Welt große Ähnlichkeit mit der frühen Geschichte der westlichen Moderne und Demokratie aufweisen. Nun vergleicht Obama diese arabischen Freiheitsbewegungen gar mit den Ereignissen um den Mauerfall, mit der friedlichen Revolution von 1989. Ist die arabische Welt wirklich schon so nah an der Demokratie, wie wir Sie heute kennen?

Nicht zuletzt unter dem starken Einfluss des Denkens von Samuel Huntington (»Kampf der Kulturen«) war im Westen die Annahme verbreitet, die arabisch-islamische Welt sei auf Grund kultureller Widerstände demokratieunfähig. Ich habe diese Ansicht immer für absurd gehalten. Die Demokratie ist kein kulturelles Wunschkonzert, sondern sie ist ein Erfordernis komplexer moderner Gesellschaft. Nur dieses politische System sichert, dass die unterschiedlichen und konfligierenden sozialen Verteilungsinteressen usw. friedlich teilhaben können.

Manche Autokratien, vielleicht derzeit noch China, haben eine zeitlich begrenzte Entwicklungsperspektive. 

Dies ist aber in der arabischen Welt schon seit Jahrzehnten kaum noch der Fall. Der arabische Staat ist keine Entwicklungsdiktatur, sondern war und ist ein fauler Kompromiss. In Ägypten etwa hat man die ärmeren Schichten und Stadtteile weitgehend sich selbst überlassen. Heikle Themen wie die Bevölkerungsexplosion wurden nicht  angefasst, um sich selbst die Macht zu erhalten und keinen Unmut zu schüren. Die Demokratie hat ihre eigenen sozialen Probleme, auch bei uns, aber sie bietet auch ein großes Partizipationsversprechen und die Aussicht auf neue gesellschaftliche Bündnisse, die die Gesellschaften voranbringen.

Dass das nicht von heute auf morgen geht, zeigt sich in Ländern wie Indonesien. Die soziale Revolution wird der politischen nicht ohne weiteres folgenden, das ist klar, aber die arabischen Länder sind in Bewegung geraten. Es gilt nun kurzfristig, die Grundlagen der Demokratie, wie wir sie auch aus dem Westen kennen und die auch für diese Länder gelten, zu sichern: Wahl-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit.

Das größte Problem besteht derzeit in Ländern wie Ägypten in dem Dilemma, einerseits Wahlen recht kurzfristig abhalten zu wollen, um dem Militär keine Chance für eine neue Diktatur zu geben. Andererseits sind die avisierten sechs Monate bis zu den Wahlen sehr kurz, um neue Parteien zu gründen oder die alten zu erneuern. Die Muslimbrüder werden hier unter Umständen einen Organisationsvorsprung haben, die säkularen Kräfte müssen sich anstrengen.

Auch das Verhältnis von sozialer Bewegung und politischer Partei muss im Einzelnen neu definiert werden. Das alte System muss eingebunden werden, man darf die Fehler des Irak nicht wiederholen. Stehen wir kurz vor einer ausgereiften westlichen Demokratie? Nein, dieser Prozess wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, aber der erste wichtige Schritt ist getan, und ich bin überzeugt, dass nach dem Sturz der alten Regimes die politische Kultur, dass die Menschen auf Demokratie drängen und den Prozess vorantreiben werden.

2. Über die iranische Freiheitsbewegung schrieben Sie 2009, Twitter und YouTube alleine machen noch keine Revolution. Gilt das auch für die aktuelle Situation in den arabischen Ländern? Schließlich spielen Facebook und andere Social Media eine erhebliche Rolle als öffentlicher Raum. Und kommt heute das vielleicht notwendige Mehr hinzu, die diese Prozesse in eine nachhaltige politische Revolution überführen können?

In Iran war es tatsächlich so, dass eine im Westen als »Twitter-Revolution« gefeierter Aufstand niedergeschlagen wurde. Auch in arabischen Ländern sollte man die Lage realistisch einschätzen. Ägypten war und ist das Zentrum der arabischen Bloggerbewegung, es ist das mit Abstand bevölkerungsreichste Land, der Diskurs war und ist sehr dicht hier, was in anderen Ländern längst nicht der Fall ist, darum kann die Rolle des Internets auch nicht in allen Ländern gleich sein.

Außerdem war selbst in Ägypten das Internet nicht in allen Phasen so wichtig, wie es scheint. Ich war ja selbst in den Anfangszeit des Aufstandes noch in Ägypten und konnte erleben, wie wir alle durch die staatliche Zensur tagelang vom Internet abgeschottet wurden. Trotzdem erlahmten die Proteste nicht, andere, persönliche Kommunikationswege hatten längst die Überhand gewonnen. Es hat in der Geschichte immer wieder erfolgreiche und weniger erfolgreiche Aufstände gegeben, mit und ohne Internet. Nein, auch einige bekannte ägyptische Blogger haben eingeräumt, dass man die Rolle des Internets nicht überschätzen darf. Hier feiert der Westen sich auch selbst gerne mit, nach dem Motto: Wenn schon unsere Außenpolitik versagt, so haben wir Euch doch die technischen Mittel zur Befreiung gegeben! Ich würde die Rolle des Internets vielmehr so definieren: es ist das Mittel der Wahl vor allem der heutigen Jungend, das besonders im Vorfeld von Aufständen enorm hilft, einen Diskurs zur organisieren. Für den Aufstand selbst, für die Mobilisierung mag es anfänglich bedeutsam sein, aber hier gibt es immer auch andere Mittel der Verständigung. In der jetzigen Situation, nach dem Aufstand, wo die großen Medien frei berichten, ist es wichtig, eine nationale und integrierte Öffentlichkeit zu stiften, das Internet allein ist hier zu partikular, die großen Medien, insbesondere das Fernsehen, hat hier ein sehr wichtige Aufgabe, die Demokratie und Meinungsbildung voranzubringen und die demokratischen Kräfte vorzustellen, aber auch die Versammlungskommunikation von Gruppen und Parteien vor Ort ist wichtig.

3. Immer noch begleitet die westliche Öffentlichkeit und Politik in weiten Teilen die arabischen Freiheitsbewegungen mit Ambivalenz, mit inkonsequenter Haltung gegenüber den verbündeten Herrschern und mit Sorge darum, dass am Ende der Entwicklungen islamisch-fundamentalistische Regime entstehen könnten. Ist es für den Westen nicht endlich an der Zeit, dieses Misstrauen gegenüber der Demokratiefähigkeit der arabischen Welt abzulegen?

Unbedingt! Ich würde sogar weitergehend und sagen, dass wir diese Bewegungen vieler aktiver unterstützen müssen. Die westliche außenpolitische Reaktion auf den politischen Umbruch in Tunesien und Ägypten war aus meiner Sicht demprimierend. Von den westlichen Politikern der ersten Reihe, von Barack Obama oder europäischen Außenministern, traute sich niemand, Mubarak offen zum Rücktritt aufzufordern und die Demokratiebewegung zu unterstützen. Das D-Wort wurde tunlichst vermieden und durch den vagen Begriff der »Reform« ersetzt, dem sich die Regierung Mubarak stellen müsse. Wenn schon »Demokratie«, dann müsse die Regierung des Diktators (!) die Sicherheit der Bürger und einen friedlichen Übergang dorthin sicherstellen.

Ein klares Bekenntnis zu einer Demokratisierung, die, was jedem auf dem ägyptischen Tahrir-Platz klar war, nicht von den Kräften des alten Regimes allein getragen werden konnte, hätte anders ausgesehen. Am zweiten Tag der Aufstände, als ich selbst noch in Kairo war, rief mir einer der Demonstranten zu: »Hoffentlich bekommen wir keine demokratisch gewählte Pfeife wie Obama!« Man könnte sich über das neue Selbstvertrauen der Ägypter freuen oder auch Obama in Schutz nehmen, der immerhin noch deutlicher Stellung bezog als die Europäer.

Aber eine verbreitete Ratlosigkeit über die westliche Außenpolitik bleibt. Wie kann es sein, dass die westlichen Industriestaaten über Jahrzehnte Demokratie predigen, zugleich aber mit ihren Militär- und Wirtschaftshilfen geradezu das Überleben von Regimes in Tunesien, Ägypten, aber auch andernorts, in Saudi-Arabien, Jordanien usw. sichern? Wieso sind sie auf der einen Seite zu massiver Kriegsführung und Vernichtung von Menschenleben bereit, um doch angeblich Menschenrechte und Demokratie im Irak und in Afghanistan zu sichern, während sie zugleich geradezu höflich zurückhaltend sind, wenn es darum geht einem Regime wie dem Mubaraks den letzten Stoß zu versetzen. Man will sich ja schließlich nicht einmischen ... und leugnet dabei, dass der Westen als neokoloniale Macht heute im gesamten Nahen Osten ohnehin präsent ist wie lange nicht mehr.

Vieles spricht dafür, dass wir erst am Anfang einer neuen »Welle der Demokratisierung« in Nordafrika und Nahost stehen. Wir müssen nach konzeptionellen Antworten auf diese Situation suchen, um beim nächsten Aufstand bessere Antworten parat zu haben. Werte, Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen müssen besser in Einklang gebracht werden.

Ich bin nicht der einzige, der die hier im Westen die Außenpolitik der Vereinigten Staaten und der EU kritisiert. Viele Menschen merken, dass wir vielleicht seit Willy Brandts Ostpolitik keine wirklich stimmige Weltpolitik mehr machen. Vielleicht denkt sogar der ein oder andere Politiker heute neu nach. Immerhin hat Außenminister Westerwelle heute ja schon einmal das Wort »Sanktionen« gegenüber dem libyschen Regime in den Mund genommen. Aber die westliche Interessenverflechtung mit den alten arabischen Regimes ist sehr weit fortgeschritten.

 

Zur Situation in Iran

Ein Beitrag von Kai Hafez zur Situation nach der Wahl im Iran, 23.06.2009

Die aktuellen Unruhen in Iran, ausgelöst durch die wahrscheinliche Fälschung der Wahlen, machen einmal mehr deutlich, worauf viele Experten schon lange Zeit hingewiesen haben. Die iranische Zivilgesellschaft und ihre politische Kultur sind komplex. Die in westlichen Medien in den letzten Jahren vielfach erfolgte Verkürzung der Debatte über Iran auf die Atomfrage, die anti-westliche Rhetorik und den repressiven Kurs des Präsidenten Ahmadinejad wird der politischen Dynamik des Landes nicht gerecht. Iran ist nicht einfach »islamistisch« oder »theokratisch«, sondern es ist auf paradoxe Weise zugleich modern. In diesen Tagen bekommen diejenigen Rückenwind, die bereits in der Vergangenheit darauf hingewiesen haben, dass ein Iran ohne die Oberhoheit der Rechtsgelehrten sehr rasch demokratiefähig sein könnte. Verfassung, Parlament und eine nicht zu unterschätzende Pluralität der öffentlichen Debatte lassen den faszinierenden islamisch-westlichen Grenzgang und das hohe Maß an Eigenständigkeit des politischen Geschehens deutlich werden.

Ob sich in Iran allerdings in absehbarer Zeit eine Demokratie durchsetzen wird, hängt von einer Reihe von Unwägbarkeiten ab. Twitter und YouTube alleine machen noch keine Revolution. Die aktuelle weltweite Faszination über den freien Umgang der iranischen Zivilgesellschaft mit neuen und neuesten Kommunikationstechnologien und den unbedingten Willen der Bevölkerung, sich medial Gehör zu schaffen, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass andere Aufstände, man denke an Burma vor wenigen Jahren, trotz ähnlicher Dynamiken sang- und klanglos niedergeschlagen werden konnten. Nun ist Iran nicht Burma, seine urbane und politische Kultur ist wesentlich entwickelter, weil das politische System eben nie so hermetisch totalitär war, wie viele im Westen geglaubt haben. Dennoch bedarf es zum demokratischen Systemwandel konfliktfähiger Oppositionskräfte, die stark genug sind und sich so weit untereinander koordinieren, dass ein Regimewandel auch möglich wird. Ob dies aber derzeit bereits der Fall ist, ist alles andere als klar. Und an die Durchsetzung einer »Reform von oben« vermag man trotz der wachsenden internen Kritik der herrschenden Eliten derzeit noch nicht zu glauben. Die Gefahr ist groß, dass Spontanaufstände, auch wenn sie im Gewande moderner Medientechnologie daher kommen, vom Regime um Ajatollah Chamenei und Präsident Ahmedinejad »ausgesessen« oder gar mit Hilfe des Militärs niedergeschlagen werden. Ein altmodischer Putsch von Präsidentschaftskandidat Musawi wäre noch immer effektiver als das Freiheitsgezwitscher bei Twitter.

Allerdings gälte es auch in einer solchen Situation eines zu bedenken. Musawi und andere Reformer vertreten keineswegs die gesamte iranische Bevölkerung, sondern sie repräsentieren vor allem die urbanen und teilweise auch ländliche Mittelklassen. Ahmadinejads Politik des Sozialradikalismus ist zwar populistisch, sie trifft aber wohl den Nerv eines nicht geringen Teiles der ärmeren und ländlichen Bevölkerungen, die den Islam bereits zur Zeit der Revolution von 1978/79 als Mittel des Protests gegen eine westliche Modernisierung benutzte, von der sie selbst in keiner Weise profitierte. Die Kritik am repressiven Charakter des Regimes von Ahmadinejad und Chamenei ist absolut berechtigt. Eine genauere Analyse des sozialen Hintergrundes der heute Protestierenden würde aber möglicherweise zeigen, dass auch sie nicht immer gesamtgesellschaftliche Interessen verfolgen. Jede mögliche neue Regierung und jedes neue System in Iran wird sich daher auch an der Frage messen lassen müssen, ob es die notwendige soziale Inklusion anstrebt. Ganz neue Bündnisse über die Grenzen von Weltanschauungen und den jetzt existierenden politischen Lagern hinweg werden erforderlich sein, um Iran wirklich zu demokratisieren.

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