Ein weißer Fleck in Europa ...

Die Imagination der Belarus als Kontaktzone zwischen Ost und West
(unter Mitarbeit von Albert Weber)

Weißrussische Historiker_innen stehen vor dem Dilemma, dass ihr Land im Laufe seiner Entwicklung immer Bestandteil übergeordneter Herrschaftsverbände war. Während die Nationalhistoriker eine kulturelle Verortung im Westen anstreben und den Mythos eines »Goldenen Mittelalters« pflegen, betreiben die Hofhistoriker nach wie vor eine russophile Geschichtsdeutung, die im Mythos der sowjetischen »Partisanenrepublik« gipfelt.

Im Unterschied dazu fokussiert dieser Band nicht auf Staat und Nation, sondern auf die Bevölkerung und das Territorium. Damit eröffnet sich eine neue Perspektive auf die Geschichte der Belarus, verstanden als eine Welt der orthodoxen Bauern und jüdischen Händler, die von der Konstituierung der Adelsrepublik in Polen-Litauen im 16. Jahrhundert bis zur Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und dem Holocaust in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dauerte.

Der Band versammelt populärwissenschaftliche Essays von Historikern, Slavisten und Journalisten und schließt durch seine innovative Perspektive einen weißen Fleck in der Forschungslandschaft.

Inhalt

  1. Frontmatter

    Seiten 1 - 4
  2. Inhalt

    Seiten 5 - 8
  3. Lukaschenka oder Lukaschenko? Eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Belarus

    Seiten 9 - 12
  4. Wo bitte geht's nach Belarus? Meine Reisen in die unbekannte Mitte Europas

    Seiten 13 - 26
  5. Weißrussisch: Eine Verkehrssprache oder eine Sprache von Verkehrsschildern?

    Seiten 27 - 38
  6. Quo vadis, Weißrussisch? Entwicklungslinien einer (Standard-)Sprache

    Seiten 39 - 48
  7. Zur weißrussisch-russischen Zweisprachigkeit in Weißrussland - nicht zuletzt aus Sicht der Weißrussen

    Seiten 49 - 68
  8. Traditionen in der Geschichte. Überlegungen zu einer Belarus-Historiographie

    Seiten 69 - 76
  9. Rekonstruktionen der belarussischen Geschichte. Zur Überwindung von Stereotypen

    Seiten 77 - 88
  10. Trans- und multikulturelle Entwicklungspfade am Rande Ostmitteleuropas. Belarus und die Ukraine vor dem Anbruch der Moderne

    Seiten 89 - 98
  11. Von der urbanen zur nationalen Identität. Die belarussische Variante

    Seiten 99 - 106
  12. Zwischen Moskau und Warschau. Identitäten des weißrussischen Adels in der Frühen Neuzeit

    Seiten 107 - 116
  13. Von den Ostgebieten der Adelsrepublik zu den Westgouvernements des Zarenreiches: Die Integration Weißrusslands in das Russische Imperium nach den Teilungen Polens

    Seiten 117 - 126
  14. "Eine Mischung von Menschen und Sprachen wie beim Turmbau zu Babel." Die russländische Vielvölkerstadt Polozk im Kaleidoskop von Augenzeugenberichten

    Seiten 127 - 138
  15. Eine verspätete Nation? Anfänge weißrussischer Identitätsfindung im ausgehenden Zarenreich

    Seiten 139 - 150
  16. Das Vorurteil der "jüdischen Sowjetmacht". Antisemitismus und Antibolschewismus in der Zwischenkriegszeit

    Seiten 151 - 158
  17. Konkurrenz der Erinnerungen: Partisanenwiderstand und Holocaust in der belarussischen Gedenkkultur

    Seiten 159 - 172
  18. Die Sowjetisierung der ehemaligen polnischen Ostgebiete nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Sicht des "kleinen Mannes"

    Seiten 173 - 182
  19. Blat - "Vitamin B" im sozialistischen Weißrussland? Gesellschaftskritik in der Satirezeitschrift Woschyk

    Seiten 183 - 192
  20. Von der Begegnung Davids mit dem sowjetischen Goliath. Kommunismus und Volksfrömmigkeit in Belarus

    Seiten 193 - 202
  21. Vom Tauwetter zur Perestroika. Die Sechziger-Jahre-Generation in der weißrussischen Kultur

    Seiten 203 - 210
  22. Anthropologischer Schock? Reaktionen in der BSSR auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

    Seiten 211 - 216
  23. Tschernobyl als politisches und gesellschaftliches Problem in der Republik Belarus

    Seiten 217 - 222
  24. Der neue Staat in alten Kleidern. Symbolische Narrative der Republik Belarus

    Seiten 223 - 232
  25. Die eigentliche Minderheit? Die staatliche Inszenierung weißrussischer Ethnizität in der Republik Belarus

    Seiten 233 - 240
  26. Ostereier und junge Katzen. Einblick in das Staat-Kirche-Verhältnis in der Republik Belarus

    Seiten 241 - 252
  27. Baba Warja. Oder: Belarus von Angesicht zu Angesicht

    Seiten 253 - 260
  28. Autorinnen und Autoren

    Seiten 261 - 266
  29. Backmatter

    Seiten 267 - 270
Mehr
29,80 € *

2011-08-22, 270 Seiten
ISBN: 978-3-8376-1897-6

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Thomas M. Bohn

Thomas M. Bohn, Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Victor Shadurski

Victor Shadurski, Weißrussische Staatsuniversität Minsk, Deutschland

... mit Thomas M. Bohn

1. »Bücher, die die Welt nicht braucht. Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?

Die stillen Proteste auf den Straßen der weißrussischen Städte sind als erste Anzeichen politischer Veränderungen in der ›letzten Diktatur Europas‹ zu deuten. Über kurze und gut lesbare Essays bietet der Sammelband einen Einblick in die Kultur und Geschichte eines wenig bekannten Landes am Rande der Europäischen Union, der in dieser Form sonst nicht zu finden ist.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Im Hinblick auf die Tatsache, dass Weißrussland im Laufe seiner Geschichte immer ein Bestandteil größerer Herrschaftsverbände gewesen ist, wird die Republik Belarus als eine Schöpfung begriffen, die aus dem Untergang der Sowjetunion resultiert und sich noch auf der Suche nach der eigenen Identität befindet. Eine Legitimierung durch die Anknüpfung an das Erbe bürgerlicher Tugenden, das mit dem Prozess der Nationsbildung am Anfang des 20. Jahrhunderts verbunden ist, steht noch aus.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

Die Osteuropaforschung hat durch die Erweiterung der Europäischen Union eine Ausdifferenzierung erfahren, infolge derer die Staaten Ostmittel- und Südosteuropas an Relevanz gewannen. Während Russland auf den mentalen Landkarten immer weiter in den Osten zu rücken scheint, verlieren Wissenschaft und Politik fatalerweise das Interesse an den Staaten dazwischen, nämlich an Weißrussland und der Ukraine.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Mit der Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch, die in ihren Interviewprojekten zu den Erfahrungen von Frauen in der Roten Armee während des Zweiten Weltkrieges oder über das Schicksal von Tschernobyl-Opfern das Leiden einfacher Menschen im 20. Jahrhundert eindringlich dokumentiert hat.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Die Belarus ist ein Konstrukt, dessen Essenz sich in den Erfahrungen weißrussischer Bauern und jüdischer Händler widerspiegelt. Diese Lebenswelt ist durch den Holocaust und durch die forcierte Industrialisierung zerstört worden.

»[Die Herausgeber] präsentieren einen multiperspektivisch und transdisziplinär angelegten (und somit im deutschen Sprachraum bislang einzigartigen) Sammelband zu aktuellen Forschungsfragen zu Belarus.
Darüber hinaus werden bisher kaum beachtete Themenfelder erschlossen.
Der Band eignet sich sowohl für den Einstieg in die belarussische Problematik als auch für die Vertiefung einzelner Fragen.«
Konrad Hierasimowicz, Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung, 64/2 (2015)
»Den Autoren des Sammelbandes ist es vorbildlich gelungen, den oft negativen Berichten über Belarus kompetente, sachliche und zugleich optimistisch stimmende Beiträge gegenüberzustellen.
Eva Mader, Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, 4 (2014)
Besprochen in:

Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2011, Achim Engelberg
Das Historisch-Politische Buch, 60/2 (2012), Jürgen W. Schmidt
Autor_in(nen)
Thomas M. Bohn / Victor Shadurski (Hg.)
Buchtitel
Ein weißer Fleck in Europa ... Die Imagination der Belarus als Kontaktzone zwischen Ost und West
(unter Mitarbeit von Albert Weber)
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
270
Ausstattung
kart.
ISBN
978-3-8376-1897-6
DOI
Warengruppe
1558
BIC-Code
HBJD HBTB DSB
BISAC-Code
HIS010010 HIS054000 LIT004110
THEMA-Code
NHD NHTB DSB
Erscheinungsdatum
2011-08-22
Auflage
1
Themen
Kulturgeschichte, Europa
Adressaten
Geschichte, Sprachwissenschaft, Osteuropakunde, aber auch Journalisten, Politiker und zivilgesellschaftliche Initiativen
Schlagworte
Belarus, Weißrussland, Holocaust, Partisanen, Tschernobyl, Lukaschenko, Europa, Kulturgeschichte, Osteuropäische Geschichte, Slavistik, Kulturanthropologie, Geschichtswissenschaft

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