Deutungsmacht von Zeitdiagnosen

Interdisziplinäre Perspektiven

»Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefasst.« – Was in Hegels Parole noch unproblematisch erscheint, ist heute methodisch umstritten. Zwar spielen Zeitdiagnosen eine große Rolle beim Verständnis von Lebenswelt, Kultur, Gesellschaft – und vielleicht sogar von Naturentwicklungen. Mit Begriffen wie »postfaktisch« und den häufig angeführten »alternativen Fakten« zeigen in diesen Tagen Gegenwartsdiagnosen ebenso ihren Einfluss wie bei den Klagen über die allgegenwärtige Ökonomisierung und den Niedergang des Lesens angesichts der Bilderflut. Doch wie hängen Zeitdiagnosen und Deutungsmacht zusammen?

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2019-03-14, 220 Seiten
ISBN: 978-3-8376-4592-7

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Heiner Hastedt

Heiner Hastedt, Universität Rostock, Deutschland

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?

Zeitdiagnosen sind gefährlich. Einmal formuliert neigen sie zur Selbstverifikation, die dem Verstärkereffekt unterliegen - viel gebraucht werden sie immer plausibler. Über kurz oder lang schaffen sie eine Filterblase, in der man nur noch diejenigen Aspekte der zeitgenössischen Wirklichkeit wahrnimmt, die zu der schon etablierten Deutung passen. Zugleich können sie aber auch von großer Nützlichkeit sein; denn ohne Akzentuierungen unterschiedslos auf alles und nichts gerichtet sieht man schlechter.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Zeitdiagnosen haben eine Durchsetzungsdimension, die keine Korrelation zu ihrer Wahrheit aufweist, so dass eine im Verbreitungsgrad erfolgreiche Zeitdiagnose falsch sein kann. Diesen Punkt muss man mit Theodor W. Adorno nicht soweit steigern, wonach im Erfolg einer Zeitdiagnose geradezu ein Indiz für ihre Falschheit liegt. Es empfiehlt sich, Zurückhaltung zu üben und den Durchsetzungserfolg sowie die Wahrheit einer Deutung als zwei unterschiedliche, im Prinzip erst einmal nicht zu überblendende Aspekte zu nehmen.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

Wie Zeitdiagnosen und Deutungsmacht zusammenhängen, ist bisher weitgehend unerforscht. Gedanken über Deutungsmacht sind von einem Diskurs-Sound geprägt, der an Friedrich Nietzsche erinnert und der in den gegenwärtigen Kulturwissenschaften vor allem von Michel Foucault verbreitet wird: Macht ist allgegenwärtig und keine Deutung bleibt außerhalb dieser Dimension. Gerade weil viele unangemessene oder schlicht falsche Zeitdiagnosen mächtig werden, ist die Frage dringlich, wie ihnen gegenüber gute Zeitdiagnosen auszuzeichnen sind.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Mit Barack Obama und Andreas Reckwitz; denn Zeitdiagnosen unterliegen bei aller Nützlichkeit der Mode. Wenn im Umfeld einer amerikanischen Präsidentenwahl, die nach unserem Lieblingspräsidenten nun einen Gottseibeiuns ins Amt gebracht hat, die Rede vom ›postfaktischen Zeitalter‹ Konjunktur bekommt, dann rücken Aspekte ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die es schon vorher gab und die auf vieles wiederum nicht so gut passen – wie auch in der soziologisch vieldiskutierten ›Gesellschaft der Singularitäten‹.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Ohne Deutungsmacht hat auch die Wahrheit einer Zeitdiagnose keine Chance, während bei festgestellter Falschheit ihrer Macht zu widerstehen ist.

Autor_in(nen)
Heiner Hastedt (Hg.)
Buchtitel
Deutungsmacht von Zeitdiagnosen Interdisziplinäre Perspektiven
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
220
Ausstattung
kart., Klebebindung
ISBN
978-3-8376-4592-7
DOI
Warengruppe
1510
BIC-Code
JFC JHBA HP
BISAC-Code
SOC022000 SOC026000 PHI034000
THEMA-Code
JBCC JHBA QD
Erscheinungsdatum
2019-03-14
Auflage
1
Themen
Gesellschaft, Kultur, Zeitdiagnose
Adressaten
Kulturwissenschaften, Philosophie, Sozialwissenschaften sowie die interessierte Öffentlichkeit
Schlagworte
Kultur, Philosophie, Deutungsmacht, Lebenswelt, Gegenwartsdiagnose, Quantifizierung, Gesellschaft, Kulturtheorie, Soziologische Theorie, Kulturphilosophie, Sozialphilosophie, Kulturwissenschaft

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