Pina Bausch und das Tanztheater

Die Kunst des Übersetzens

Gabriele Klein präsentiert eine neue Sichtweise auf die Arbeit des Tanztheaters Wuppertal: Die Entwicklung und Aufführung der Stücke, die Weitergabe von choreografischem Material und die Reaktionen der Öffentlichkeit werden als komplexe, voneinander abhängige und wechselseitige Übersetzungsprozesse dargestellt. Das Buch rückt zum ersten Mal die künstlerische Forschung vor allem bei den internationalen Koproduktionen des weltweit bekannten Ensembles in den Fokus und bietet umfangreiches empirisches Material in Form von Interviews mit Tänzer*innen, Mitarbeiter*innen und Publikum sowie ethnografische Studien an den koproduzierenden Orten. Eine Praxeologie des kulturellen und ästhetischen Übersetzens wird als tragfähiges Schlüsselkonzept für die Erforschung von Tanz und Kunst eingeführt.

34,99 € *

24. September 2019, 448 Seiten
ISBN: 978-3-8394-4928-8
Dateigröße: 27.6 MB

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Gabriele Klein

Gabriele Klein, Universität Hamburg, Deutschland

Sie sind Soziologin und Tanzwissenschaftlerin.

Was interessiert die Tanzwissenschaftlerin am Werk der Choreografin Pina Bausch?

Es liegt ja auf der Hand, dass sich eine Tanzwissenschaftlerin mit dem Werk einer der bedeutendsten und radikalsten Choreografinnen des 20. Jahrhunderts befasst. Pina Bausch war – auch spartenübergreifend betrachtet – eine der größten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie hat in ihrer eigenen Kunst, dem Tanz, in den 1970er Jahren einen wichtigen ästhetischen Paradigmenwechsel vollzogen, der nicht nur die Tanzgeschichte, sondern auch das Theater oder den Film beeinflusst hat. Entsprechend ist schon sehr viel über Pina Bausch publiziert worden. Allerdings sind dies eher journalistische Beiträge, Bildbände oder Ähnliches, und auch (tanz-)wissenschaftliche Publikationen. Allerdings war der Zugang zu dem Material über die Arbeit von Pina Bausch bislang immer sehr schwierig, um auch fundiert wissenschaftlich arbeiten zu können. Mit anderen Worten: Für die Tanzwissenschaftlerin ist hier noch sehr viel nachzuholen, auch um einer Künstlerin in der Wissenschaft wie in der Kultur- und Kunstgeschichte den Stellenwert zuzuordnen, der ihr gebührt.

Was interessiert Sie als Soziologin an der Arbeit des Tanztheater Wuppertal?

Als Soziologin interessiert mich an der Arbeit des Tanztheater Wuppertal vieles, so zum Beispiel die Biografien von deutschen Kriegskindern, die in den 60ern Künstler wurden: Pina Bausch wurde 1940 geboren und wie ihre langjährigen künstlerischen Weggefährten wuchs sie in der späten Kriegs- und der Nachkriegszeit in Deutschland auf, und dies in Solingen, der sog. ›Messerstadt‹, die damals in der Rüstungsindustrie sehr stark involviert war und am Ende des Krieges stark zerstört wurde.

Pina Bausch entwickelte ihre ersten Choreografien, als die Studentenbewegung, die 68er, ihren Höhepunkt erreichte. Zwar zählte sie sich als Studentin der Folkwang Hochschule selbst nicht zum politisch aktiven Part, aber sie hat wie andere Kunststudierende im Ästhetischen und im etablierten Kunstbetrieb nach Veränderungen gesucht. Bei ihr war es der Ausbruch aus dem klassischen Theaterbetrieb, der ja in Deutschland ein Dreispartenbetrieb war und vielerorts noch ist – und die hiermit verbundene untergeordnete Rolle des Tanzes. Pina Bausch gehörte in der jungen Kunstwelt damals zu denen, die ästhetische und institutionelle Aufbrüche gewagt haben. Diese Verbindung zwischen Erfahrungen einer Kriegs- und Nachkriegskindheit und Revolten in der künstlerischen Form und Arbeitsweise, das ist eine soziologische Dimension, die mich interessiert.

Zudem bin ich fasziniert von der Compagnie, also von einem Ensemble, das auch im Vergleich zu anderen großen internationalen Tanzensembles sehr außergewöhnlich ist. Das Tanztheater Wuppertal unter Pina Bausch arbeitete über Jahrzehnte zusammen, man reiste zusammen, manche lebten zusammen. Einige der Tänzer stehen noch mit etwa 60 Jahren auf der Bühne. Das Tanztheater Wuppertal zur Zeit von Pina Bausch ist keine Zweckgemeinschaft, sondern eine Art ›Familie‹, ein Modell von einer Künstlergemeinschaft, das heute in Zeiten neoliberaler Kulturpolitik vielleicht schon ein historisches Modell ist.

Schließlich interessiert mich die Frage der Kulturpolitik und -ökonomie. Pina Bausch war einer der größten, wie man so sagt, Exportartikel des Goethe-Instituts. Das Goethe-Institut hat die internationalen Gastspiele und vor allem die internationalen Koproduktionen des Tanztheater Wuppertal sehr unterstützt. So konnte Pina Bauschs Kunst einen enormen Einfluss auf die Tanzentwicklung in vielen Ländern dieser Welt nehmen. Hier entfaltet sich ein großes Forschungsfeld: zwischen ästhetischem Ansatz, internationaler Kulturpolitik und globalem Kunstmarkt.

Sie haben in dem Buch das Konzept der Übersetzung entwickelt - was ist darunter zu verstehen?

Übersetzung ist zunächst einmal ein Begriff aus der Sprachwissenschaft. Aber die ›translation studies‹ und die ›postcolonial studies‹, aber auch soziologische Ansätze haben auf unterschiedliche Weise den Begriff der Übersetzung in einen kultur- und sozialwissenschaftlichen Diskurs eingeführt. An diese Ansätze habe ich angeknüpft und sie in dem Buch in eine Praxistheorie des Übersetzens überführt, also in eine Theorie, die für die Künste und hier vor allem die performativen Künste fruchtbar sein kann.

Dieses theoretische Modell konnte ich so entwickeln, weil es im künstlerischen Arbeiten, in den Aufführungen und deren Rezeption allerlei Übertragungsprozesse gibt, so bei der Übersetzung von Lebenserfahrung in Tanz und Choreografie, bei den Formen der Zusammenarbeit, bei der Weitergabe von Rollen oder von Stücken des Tanztheaters auf eine andere Compagnie oder von der Aufführung in den Text, in die Tanzkritik beispielsweise. So habe ich in den verschiedenen Buchkapiteln die jeweiligen Übersetzungsprozesse und -praktiken nachzuzeichnen versucht, ob in Hinsicht auf die Zusammenarbeit, den Arbeitsprozess, die Stücke oder deren Rezeption.

Pina Bausch hat sich sehr skeptisch gegenüber Versprachlichung von Tanz geäußert.

Sie wagen es trotzdem. Was ist dabei zu gewinnen?

Ja, Pina Bausch war sehr skeptisch gegenüber dem Sprechen über ihre Kunst. Wenn sie in Interviews gefragt wurde, was sie selbst über ihre Stücke denkt und sagen möchte, hat sie gern geantwortet, dass wenn sie über ihre Stücke sprechen wollte, sie diese ja nicht machen bräuchte. Für sie war Tanz eine eigene Sprache. Es war ihr wichtig, dass diese Sprache des Tanzes immer eine offene, eine mehrdeutige Sprache bleibt. Deshalb mochte sie auch vor den Aufführungen keine erklärenden Einführungen in die Stücke oder im Anschluss Publikumsdiskussionen. Sie sah sich als erste Zuschauerin ihrer Stücke und alle Zuschauer und Zuschauerinnen sollten aus ihrer Sicht die Möglichkeit haben, das Stück offen wahrzunehmen. Manche ihrer Weggefährten sehen es ähnlich.

Während diese Position auf den Augenblick der Aufführung und die Subjektivität der Wahrnehmung abhebt, geht es mir als Wissenschaftlerin darum, diese Kunst in etwas, in einen Text zu übersetzen und in einen Kontext zu stellen. Es geht in meinem Buch nicht um Stückinterpretationen. Mein Buch stellt vielmehr eine Lesart vor, die Arbeitsweise und Kunst von Pina Bausch und dem Tanztheater Wuppertal kennenzulernen, im Kontext der Zeit zu verstehen und kultur- und tanzgeschichtlich zu verorten. Und diese Lesart beruht auf der Auseinandersetzung mit umfassenden Materialien, Quellen, Interviews oder Probenbesuchen. Hierbei knüpfe ich auch an aktuelle theater-, tanz- und performancetheoretische Debatten an, die um Fragen kreisen wie: Was ist ein Stück, was eine Aufführung? Wie arbeiten Künstlergruppen zusammen? Welche Rolle spielt das Publikum oder die Tanzkritik?

Sie beschreiben Pina Bausch als eine ›Anthropologin des Tanzes‹, als eine Ethnografin zwischenmenschlicher Verhältnisse. Was meinen Sie damit?

Pina Bausch hat in ihrer Arbeit und in ihren Stücken, insbesondere ab 1986 mit den internationalen Koproduktionen, danach gesucht, was uns Menschen miteinander verbindet, nicht danach, was uns trennt. Dieser kulturübergreifende, nach dem Wesenhaften des Menschen suchende Ansatz war schon in der Compagnie angelegt. Den wie viele große Tanzcompagnien war auch ihre Compagnie international aufgestellt. Pina Bausch hat aber nicht nur nach tänzerischem Können ausgesucht, sie hat sehr bewusst nach Menschen aus verschiedenen Kulturen gesucht. Pina Bausch sagte: »Wir sind das Stück«. Bei ihrer Arbeitsweise war es ja entscheidend, dass die Tänzer und Tänzerinnen sich selbst mit ihrer kulturellen, sozialen und situativen Erfahrungswelt in das Stück einbringen. Das unterscheidet diese große Compagnie von manchen anderen Compagnien, weil es in den Stücken ja sehr viel um zwischenmenschliche Beziehungen geht, um alltägliche Machtverhältnisse, um die Grundgefühle des Menschen wie Angst, Wut, Trauer, Hass, Lust. Pina Bausch hat eine Art künstlerischer Forschung betrieben. Sie ging dabei ethnografisch vor, indem sie sich mit ihrer Compagnie zu den sog. Research-Reisen aufgemacht hat und die Tänzer und Tänzerinnen vor Ort Erfahrungen sammeln konnten, beobachteten, teilnehmend oder nicht-teilnehmend, in dem jeweiligen koproduzierenden Land und dies dann in dem Probenprozess und dem Stück verarbeitet wurde.

Welche Relevanz hat tanzwissenschaftliche Forschung für das kulturelle Gedächtnis über Tanz – und hier konkret über das Tanztheater?

Tanzwissenschaft, oder Wissenschaft insgesamt, wirkt nachhaltig. Sie hat eine Eigenzeit. Im Unterschied beispielsweise zum journalistischen Schreiben, das als Kritik, als Tanzkritik relativ schnell nach dem Stück erfolgen muss und nicht auf umfangreiche Materialien in dieser Form zurückgreifen und diese kleinteilig analysieren kann, sind die Prozesse des wissenschaftlichen Arbeitens auf längere Zeiträume angelegt. Materialgenerierung und Materialauswertung finden detaillierter statt und insofern sind die Ergebnisse natürlich auch andere.

Der gesellschaftliche Beitrag, den die Wissenschaft für Tanz leistet, besteht darin, ihm einen Ort in der Kunst- und Kulturgeschichte zuzuweisen. Tanzwissenschaft ist eine sehr junge Wissenschaft, anders als Musikwissenschaft oder Kunstgeschichte beispielsweise, wo dieses schon seit Jahrzehnten, z.T. Jahrhunderten passiert. Hier ist es eine junge Wissenschaft, die von dem Bemühen getragen ist, den Ort des Tanzes als Kunsttanz, aber auch den Ort des Tanzes als populären Tanz – beispielsweise in Popkulturen wie Hip-Hop oder Techno oder in Volkstänzen – einen Ort zuzuweisen in der Kunst, der Alltagskultur und der Gesellschaft.

»Ein umfangreiches und absolut lesenswertes Buch.«
Jan Kuhlbrodt, Signaturen, 9 (2020)
»[Die Lektüre] wird nur von einem übertroffen: vom Besuch eines Tanzabends von Pina Bausch.«
Thomas Rothschild, Kultura-Extra, 31.07.2020
»Gabriele Klein [...] bietet eine phantastische Fülle an Informationen, sie arbeitet die charakteristischen Aspekte des künstlerischen Schaffens heraus und bettet die Stücke in ihren jeweiligen historischen, gesellschaftlichen und politischen Zeitkontext ein.«
Karen Nölle, TraLaLit, 29.07.2020
O-Ton: »Das Erbe der Tanzpionierin« – Gabriele Klein im Interview bei SWR2 am 27.07.2020.
http://bit.ly/3g4O0ZR
»Viele ausführliche Werke über eines der bekanntesten Tanzensembles der Welt gibt es nicht. Das Buch bietet neue Perspektiven auf den Arbeitsprozess, die Mitglieder und die Rezeption des Tanztheaters Wuppertal und die Arbeit von Pina Bausch.«
Michael Lausberg, www.scharf-links.de, 08.07.2020
»Dieses Buch [ist] so angelegt, dass es sich gut dafür eignet, alle Kulturinteressierten in Bauschs Kosmos einzuführen, und trotzdem Abschnitte enthält, die informative Nahrung auch für ausgefuchste Spezialisten bieten.«
Helmut Ploebst, DerStandard, 27.03.2020
»Ein informatives und persönliches wie auch gesellschaftlich relevantes Lesevergnügen, nicht nur für ein Fachpublikum, sondern für eine breite Leserschaft.«
Miriam Althammer, www.tanznetz.de, 26.02.2020
»Klein [bettet] das künstlerische Schaffen und Wirken der gesamten Kompanie in komplexe kulturelle, soziologische, aber auch intertextuelle Zusammenhänge ein.
Das Ergebnis trägt entschieden dazu bei, zehn Jahre nach dem Tod der Künstlerin deren Langzeitwirkung in neuem Licht betrachten zu können.«
Rico Stehfest, tanz, 1 (2020)
»Eine Arbeit [...], die den Charakter eines Standardwerkes zur Legende und zum Phänomen Pina Bausch darstellt und viele der bisherigen Veröffentlichungen aus zweiter Hand [...] widerlegt, unterstützt und auch für die interessierte Nachwelt dokumentiert.«
Peter Dahms, Tanzinfo Berlin, 07.10.2019
Besprochen in:
hr2 Kulturcafe, 27.07.2020
NDR – Kulturnachrichten, 27.07.2020
Autor_in(nen)
Gabriele Klein
Buchtitel
Pina Bausch und das Tanztheater Die Kunst des Übersetzens
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
448
Ausstattung
71 Farbabbildungen, 28 SW-Abbildungen
ISBN
978-3-8394-4928-8
DOI
10.14361/9783839449288
Warengruppe
1586
BIC-Code
ASD AN
BISAC-Code
PER003000 PER011020
THEMA-Code
ATQ ATD
Erscheinungsdatum
24. September 2019
Themen
Theater, Tanz, Kunst
Adressaten
Kulturwissenschaft, Tanzwissenschaft, Theaterwissenschaft, Sprachwissenschaft, Kunstwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Praxistheorie, Qualitative Sozialforschung sowie Praktiker_innen im Feld
Schlagworte
Tanztheater, Pina Bausch, Übersetzung, Praxistheorie, Praxeologie, Tanz, Kunst, Künstlerische Forschung, Publikum, Kunstkritik, Wuppertal, Ethnografische Studie, Choreografie, Theater, Tanzgeschichte, Theaterwissenschaft, Tanzwissenschaft

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