Geflüchtetenprotest und Gewerkschaften

Verhandlungen von Repräsentation im deutschen Arbeits- und Migrationsregime

Seit 2012 gibt es in Deutschland eine neue Generation von selbstorganisiertem Geflüchtetenprotest mit einer zentralen Forderung: das Recht auf Arbeit und gewerkschaftliche Organisation. Die Interaktionen geflüchteter Aktivist*innen mit Gewerkschaften reichen dabei von Besetzungen der Gewerkschaftsräume bis hin zu gemeinsamen Demonstrationen. Ein erster Erfolg kam 2015 mit dem Recht auf Mitgliedschaft bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Oskar Ilja Fischers ethnographische Untersuchung fragt nach den Interaktionsordnungen dieser Begegnungen von 2013 bis 2016, die von Verhandlungen der Repräsentation im deutschen Arbeits- und Migrationsregime gerahmt sind.

0,00 € *

2020-05-07, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7328-5011-2
Dateigröße: 2.76 MB

Weiterempfehlen

Oskar Ilja Fischer

Oskar Ilja Fischer, Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?

Als ›Non-Citizens‹ 2013 ins Münchner Gewerkschaftshaus kamen und sagten, sie seien ›unterster und unterdrücktester Teil der Arbeiter*innenklasse‹, war eine Präzedenz geschaffen. Was bedeutet dieser Anspruch? Zwei Jahre später öffnete ver.di die Mitgliedschaft für alle Geflüchteten. In den drei Jahren, in denen ich selbstorganisierte Geflüchtete in ihren Begegnungen mit Gewerkschaften begleitete, wurde auf vielfältige Weise Repräsentation ausgehandelt. Worum es dabei geht, wollte ich verstehen.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Ich betrachte Begegnungen, wie die ›Besetzung‹ und Räumung eines Gewerkschaftsraums in Berlin 2014 oder den Protest Geflüchteter und Gewerkschafter*innen gegen das ›Integrationsgesetz‹ in München 2016. Die Aushandlungen dort finden nicht unter selbstgewählten Bedingungen statt, sondern sie verweisen auf die vorgefundenen Umstände des deutschen Arbeits- und Migrationsregimes. Zu eben diesen Umständen eröffne ich eine Perspektive des politischen Subjekts der Arbeiter*innenklasse.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

»Geflüchtetenprotest und Gewerkschaften« knüpft an Diskussionen der (kritischen) Migrationsforschung über die Kämpfe der Migration und die Frage der Autonomie der Migration an. Ich diskutiere unerfüllte Repräsentationsansprüche ›subalterner‹ Subjekte. Im Buch führe ich auch einen Dialog mit den Selbsttheoretisierungen protestierender Geflüchteter beziehungsweise ›Non-Citizens‹, die besonders vom Postoperaismus und einer Kritik am ›Humanitarismus‹ inspiriert sind.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Mit Jacques Rancière. Ich nehme seine Bestimmung der ›Politik‹ als Konflikt auf. Die von mir begleiteten Geflüchtetenproteste setzen sich als Teil der Arbeiter*innenklasse und fordern damit Gewerkschaften in ihrem Repräsentationsanspruch heraus. Sie verlangen, als Gleiche anerkannt zu werden. Das ›Politische‹ bildet dabei ein Begriffspaar mit dem ›Humanitären‹, wo Rancière die ›Polizei‹ als Gegensatz bestimmt. Mich würde interessieren, was er darüber denkt.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Selbstorganisierte Geflüchtete verlangen ihren Anteil an den ›Organisationen der Arbeiter*innen‹, um Bleiberecht und Gleichheit zu erlangen.

Besprochen in:
InfoDienst Migration, 3 (2020)
Autor_in(nen)
Oskar Ilja Fischer
Buchtitel
Geflüchtetenprotest und Gewerkschaften Verhandlungen von Repräsentation im deutschen Arbeits- und Migrationsregime
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
240
Ausstattung
14 SW-Abbildungen
ISBN
978-3-7328-5011-2
DOI
Warengruppe
1721
BIC-Code
JPWF JPVH
BISAC-Code
POL003000 POL035010
THEMA-Code
JPWG JPVH
Erscheinungsdatum
2020-05-07
Themen
Arbeit, Politik, Migration, Zivilgesellschaft
Adressaten
Soziologie, Migrationsforschung, Ethnographie, Politikwissenschaft sowie Gewerkschafter*innen
Schlagworte
Geflüchtete, Flüchtlinge, Protest, Gewerkschaften, Deutschland, Arbeitsrecht, Soziale Bewegung, Grounded Theory, Flucht, Zivilgesellschaft, Politik, Soziale Bewegungen, Menschenrechte, Migration, Politikwissenschaft

Unsere Website verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen bereitzustellen.

Datenschutzerklärung