Übersetzung als Erinnerung

Sachbuch-Übersetzungen im deutschen Diskurs um NS-Verbrechen in den 1950er-Jahren

In den 1950er-Jahren spielten übersetzte Sachbücher eine Schlüsselrolle bei der Etablierung von Diskursräumen zu den NS-Verbrechen in der BRD und in der DDR. Die Übersetzung war für eine kleine Gruppe von Akteur*innen ein wichtiges Instrument, mit dem sie explizites Wissen in den deutschen Diskurs einschreiben wollten. Georg Felix Harsch beschreibt, wie dieser Sprachtransfer nicht-nationalsozialistische deutsche Sprachformen zum NS-Massenmord entwickelte, wie diese Sprache marginalisiert wurde und wie Übersetzer*innen dennoch Grundlagen für einen ehrlich erinnernden Diskurs schafften, der sich überwiegend erst Jahrzehnte später entfalten konnte.

39,99 € *

15. März 2021, 258 Seiten
ISBN: 978-3-8394-5289-9
Dateigröße: 1.93 MB

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Georg Felix Harsch

Georg Felix Harsch, Leibniz Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, Deutschland

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?

Der gesellschaftliche Umgang mit den NS-Verbrechen war in Deutschland von Anfang an zentral auf die Übersetzung als Medium und Kulturtechnik angewiesen. Wie sich in den ersten beiden Nachkriegsjahrzenten der öffentliche Diskurs darüber in beiden deutschen Staaten (sofern er stattfand) langsam von nationalsozialistisch geprägter Sprache, Verdrängung und Schuldabwehrreflexen lösen konnte, lässt sich nur verstehen, wenn wir betrachten, wer wann welche Texte zum Thema mit Unterstützung welcher Netzwerke und vor allem wie genau übersetzt hat.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Die Übersetzungen der Bücher von Russell und Reitlinger und eingeschränkt auch die des Buches von Bullock konnten im Deutschen implizites Wissen über die NS-Verbrechen explizit machen. Das Übersetzen war hier ein diskursives Werkzeug, das dieses Wissen in den deutschen Diskurs einschrieb, und die Übersetzer_innen erscheinen so als aktive Träger_innen gesellschaftlicher Erinnerung. Darüber hinaus kann ich dabei eine strukturelle Ähnlichkeit von Übersetzung und Erinnerung als mentale Prozesse zeigen: Beide holen Wissen über eine Grenze und transformieren es.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

Die dynamische Beziehung zwischen der deutschen Spezifik der NS-Verbrechen und ihrer globalen Bedeutung ist aktuell ein Kernthema der Holocaustforschung. Meine Studie untersucht, wie sich diese Dynamik auf den öffentlichen Diskurs und die Sprache in den Nachfolgestaaten Nazideutschlands ausgewirkt hat. Und wenn wir eine globaler konzipierten Kulturgeschichte schreiben wollen, muss die Übersetzungsgeschichte ein zentraler Baustein dafür sein.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Mit allen, die bereit sind, Übersetzung nicht als Reproduktionstechnik, sondern als aktive, geführte Textproduktion mit eigener Geschichte, vielfältigen Intentionen und konkreter Agency zu verstehen. Und kontrovers auch mit denen, die die Aufarbeitung der NS-Verbrechen als spezifisch deutsche Großtat mit weltweitem Vorbildcharakter darstellen möchten.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Wie Übersetzer_innen explizites Wissen über die NS-Verbrechen in den deutschsprachigen Diskurs der 1950er-Jahre einschrieben und damit das Fundament für spätere produktive Auseinandersetzungen legten.

»Die Fragen, die Georg Felix Harsch in seiner Arbeit stellt, sind wichtig und inspirierend. Seine Translations-Perspektive ist ein origineller Zugriff auf die Frühgeschichte der Holocaustgeschichtsschreibung und ergänzt diese um einen zentralen Aspekt.«
René Schlott, H-Soz-Kult, 05.07.2021
Autor_in(nen)
Georg Felix Harsch
Buchtitel
Übersetzung als Erinnerung Sachbuch-Übersetzungen im deutschen Diskurs um NS-Verbrechen in den 1950er-Jahren
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
258
ISBN
978-3-8394-5289-9
DOI
10.14361/9783839452899
Warengruppe
1558
BIC-Code
HBJD HBTB HBLW3
BISAC-Code
HIS014000 HIS054000 HIS037070
THEMA-Code
NHD NHTB
Erscheinungsdatum
15. März 2021
Themen
Recht, Gesellschaft, Politik, Erinnerungskultur, Sprache, Kulturgeschichte
Adressaten
Geschichtswissenschaft, Zeitgeschichte, Erinnerungskultur, Holocaust-Erinnerung, Kulturwissenschaft, Übersetzungswissenschaft, Literaturwissenschaft, Sachbuchforschung
Schlagworte
Übersetzung, Übersetzungstheorie, Übersetzungsgeschichte, Publizistik, Erinnerungskultur, 1950er-Jahre, Nachkriegszeit, Kalter Krieg, Holocaust, Erinnerung, Sachbuchforschung, Lord Russell of Liverpool, Gerald Reitlinger, Alan Bullock, Johann Wolfgang Brügel, Roswitha Czollek, Wilhelm Pferdekamp, Modeste Pferdekamp, Jaques Derrida, Walter Benjamin, Sigmund Freud, Gesellschaft, Kulturgeschichte, Deutsche Geschichte, Zeitgeschichte, Geschichte des 20. Jahrhunderts, Geschichtswissenschaft

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