Staatsauftrag: »Kultur für alle«

Ziele, Programme und Wirkungen kultureller Teilhabe und Kulturvermittlung in der DDR

»Erstürmt die Höhen der Kultur!« Mit diesem Anspruch an die Bevölkerung erfuhren Kunst und Kultur in der DDR Anerkennung und eine hohe staatliche Förderung. Ein engmaschiges System der Kulturvermittlung von Kindergärten über Schulen und Jugendorganisationen bis zu Betrieben wurde etabliert. Inwieweit gelang es, Ziele einer »Kultur für alle und von allen« umzusetzen? Verhinderte die ideologische Funktionalisierung kulturelle Selbstbildungsprozesse? Und wie viel Zwang und Freiraum boten Künste und kulturelle Arbeit? Auf Basis von Originaldokumenten sowie knapp 100 Interviews mit Zeitzeug*innen und Expert*innen werden erstmalig kulturelle Teilhabe und kulturelle Bildung in der DDR aufgearbeitet und für aktuelle Diskurse fruchtbar gemacht.

21,99 € *

6. Oktober 2020, 308 Seiten
ISBN: 978-3-8394-5426-8
Dateigröße: 1.7 MB

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* = Preise inkl. Mehrwertsteuer.

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Birgit Mandel

Birgit Mandel, Universität Hildesheim, Deutschland

Birgit Wolf

Birgit Wolf, Museologin, Deutschland

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?

30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es Zeit, sich erstmalig mit den umfangreichen Konzepten und flächendeckenden Maßnahmen der Kulturpolitik der DDR für kulturelle Teilhabe, Kulturvermittlung und (sozialistische) kulturelle Persönlichkeitsbildung zu befassen und zu fragen, was sich aus diesen Erfahrungen für heutige Fragen chancengerechter kultureller Teilhabe lernen lässt.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Auch die Kulturpolitik der DDR lässt sich nicht auf die Funktion der sozialistischen Propaganda reduzieren. Mit sich oft verändernden, sehr unterschiedlichen Maßnahmen wurde versucht, sowohl die Künste der Gegenwart wie auch die klassischen Künste und das kulturelle Erbe und auch populäre Kunst- und Kulturformen für alle Gruppen der Bevölkerung zugänglich zu machen. Dabei spielte auch das sogenannte ›künstlerische Volksschaffen‹ und die betriebliche Kultur- und Vermittlungsarbeit eine zentrale Rolle.

In allen der Studie zugrunde liegenden Interviews wird die Differenz zwischen den offiziellen Tätigkeitsberichten der Kulturfunktionäre und den im Kultursektor tatsächlich stattfindenden Aktivitäten betont. Trotz allgegenwärtiger staatlicher Kontrolle und Zensur des professionellen wie des Laienkulturschaffens gab es Nischen, die für alternative und zum Teil subversive künstlerische und kulturelle Aktivitäten genutzt wurden. Die Künste wurden sowohl von den befragten Kulturvermittlern wie den Zeitzeugen auch als Freiraum wahrgenommen, um andere Ideen und Perspektiven auszudrücken. Mit ihren Verboten und ideologischen Einengungen forcierten Partei- und Staatsfunktionäre ungewollt das widerständige Potenzial der Künste sowie die Fähigkeit in der breiten Bevölkerung ‹zwischen den Zeilen zu lesen, die Mehrdeutigkeit und vielschichtigen Botschaften der Künste zu erkennen und für sich zu nutzen.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

Für die aktuelle Frage, wie kulturelle Teilhabe, Audience Development und chancengerechte kulturelle Bildung gelingen können, sind die Erfahrungen der DDR aufschlussreich, auch wenn sie immer vor dem Hintergrund eines autoritären Systems betrachtet werden müssen. Die staatlich verordneten Programme zielten dezidiert darauf ab, alle Bevölkerungsgruppen auch jenseits der Akademiker bzw. der sogenannten ›Intelligenz‹ und vor allem die Arbeiterklasse zu erreichen über ein flächendeckendes Netz kulturvermittelnder Aktivitäten von Kindergärten und Schulen über die Jugendorganisationen bis zu den Aktivitäten und multidisziplinären Kulturhäusern der Betriebe und Wohnviertel und auf dem Land.

Investiert wurde in ein flächendeckendes System von Vermittlungsinstanzen in den verschiedenen Alltagsbereichen und nicht nur in temporäre Projekte. Es bestanden strukturell verankerte Kooperationsbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Vermittlungsinstanzen, zwischen Bildungs-, Freizeit-, Kultureinrichtungen, zwischen Betrieben und freien Kunstschaffenden und dauerhafte Patenschaften von Kindergärten, Schulen, Betrieben und Jugendhäusern mit Kultureinrichtungen wie, Museen, Theater- und Konzerthäusern. Nicht nur Kinder und Jugendliche wurden als Zielgruppen kultureller Bildung adressiert, sondern auch Erwachsene. Die rezeptiven oder aktiv-gestalterischen Angebote waren zwar freiwillig, aber es wurde erwartet, dass alle in irgendeiner Weise kulturell aktiv werden. Dadurch, dass oft professionelle Künstler_innen die Vermittlungsarbeit übernahmen, entstanden Kontakte und wechselseitige Einblicke in die Lebens- und Schaffenswelten. Die kulturellen Angebote waren kostengünstig und es gab ausreichend Zeit, diese wahrzunehmen, weil sie in den schulischen Zeitplan oder die Arbeitszeit integriert waren. Man nahm daran in der Gruppe teil, also in vertrauter Begleitung, wodurch Schwellenängste abgebaut werden konnten. Die für die Mehrheit sehr wichtige soziale und gesellige Dimension von Kulturveranstaltungen war meistens integriert.

Damit gelang es einerseits tatsächlich alle Menschen mit verschiedenen Kunst- und Kulturformen in Berührung zu bringen, andererseits interessierten sich auch in der DDR vor allem die hochgebildeten Bevölkerungsgruppen nachhaltig für komplexere Kunstformen während die Mehrheit der Bevölkerung populäre Kunst und Kultur bevorzugte, die in Folge, auch aufgrund eines fehlenden Marktes, ebenfalls staatlich vorgehalten wurde.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Mit den Menschen, die in der DDR gelebt haben und sozialisiert sind, mit Expert*innen der DDR Kulturwissenschaft und mit aktuellen Expert*innen der kulturellen Bildung und der Kulturvermittlung.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Eine Untersuchung von Programmen, Maßnahmen für kulturelle Teilhabe, Kulturvermittlung und kulturelle Bildung in der DDR und ihrer beabsichtigten und unbeabsichtigten Wirkungen

Autor_in(nen)
Birgit Mandel / Birgit Wolf
Buchtitel
Staatsauftrag: »Kultur für alle« Ziele, Programme und Wirkungen kultureller Teilhabe und Kulturvermittlung in der DDR
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
308
ISBN
978-3-8394-5426-8
Warengruppe
1571
BIC-Code
JNA JPQB
BISAC-Code
EDU040000 EDU016000 POL038000
THEMA-Code
JNA JNB JPQB
Erscheinungsdatum
6. Oktober 2020
Themen
Bildung, Kulturgeschichte
Adressaten
Kulturpolitik, Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft, Kulturvermittlung, Kulturpädagogik, Kulturelle Bildung
Schlagworte
DDR Kulturpolitik, Kulturelle Teilhabe, Kultur Für Alle, Kulturvermittlung, Künstlerisches Volksschaffen, Sozialistische Persönlichkeitsbildung, Kulturelle Bedürfnisse, Bitterfelder Weg, Sozialismus, Kulturförderung, Bildung, Kulturgeschichte, Kulturelle Bildung, Bildungsgeschichte, Kulturpolitik, Kulturmanagement

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