Systemvertrauen und Journalismus im Neoliberalismus

Vertrauenskrisen haben Konjunktur: Ob Politik, Wissenschaft oder Journalismus – kein gesellschaftliches Teilsystem bleibt von öffentlichen Misstrauensbekundungen verschont. Doch was genau meint der schillernde Begriff »Systemvertrauen« und welche Konsequenzen hat ein Mangel desselben? Malte G. Schmidt folgt diesen Fragen aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive. Er zeigt die sozialintegrative Bedeutung des Journalismus auf und prüft, inwieweit dieser seine Rolle als Vertrauensvermittler im neoliberalen Kapitalismus erfüllen kann. Ein ökonomisierter Journalismus – so seine These – bedingt gesellschaftliche Integrationsstörungen, die dann in Form von Autoritarismus auf ihn zurückfallen.

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29. Juli 2021, 322 Seiten
ISBN: 978-3-8376-5637-4

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Malte G. Schmidt

Malte G. Schmidt, taz, Deutschland

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?

Vertrauen wird häufig von denen eingefordert, die seine Entstehungsbedingungen systematisch untergraben. Die omnipräsente Vertrauensthematik ist Korrelat eines Netzwerkdenkens, das sich Sozialstrukturen nur als Zweckgemeinschaften vorzustellen vermag, die kollabieren, sobald die persönlichen Kosten-Nutzen-Rechnungen unvorteilhaft werden. Durch das Vertrauensvotum versucht man sich heute die Gefolgschaft des Homo oeconomicus zu sichern, den man zuvor jahrzehntelang zu opportunistischem, vertrauensfeindlichem Verhalten erzogen hat. Das Buch bietet demgegenüber ein unverkürztes Analyseraster für gesellschaftliches Vertrauen, das grundsätzlicher nach der sozialen Integration der/des Einzelnen fragt, womit der Journalismus als hierfür wichtigste Instanz ins Spiel kommt.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Systemvertrauen wird üblicherweise als notwendig erachtet, um in der Gesellschaft leben zu können. Dahinter steckt ein konservatives Menschenbild, in dem soziale Komplexität prinzipiell bedrohlich wirkt. Vertrauen ist aber nicht bloß sicherheitsstiftendes Routinehandeln. Seine Qualität liegt in der Anerkennung der Eigensinnigkeit seines Bezugsobjekts. Es ist Ausdruck einer ergebnisoffenen Beziehung, die hohe Voraussetzungen hat, denn die Beteiligten dürfen nicht permanent mit der Bewältigung erlebter Ungleichheiten belastet sein, welche zur Orientierung am eigenen Vorteil zwingt. Dass Letzteres heute die Regel ist, daran trägt der Journalismus eine Mitverantwortung, da er seiner Rolle als Antagonist zu neoliberalen Ökonomisierungsprozessen nicht nachgekommen ist.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

Es ist kein Zufall, dass die Vertrauensforschung, die heute sehr durch ein ökonomisches Vertrauensverständnis geprägt ist, Mitte der 90er Jahre stark expandiert – zu einer Zeit, in der die neoliberalen Umbaumaßnahmen des Wohlfahrtsstaats im vollen Gange sind. Überall werden soziale Bindungsverluste festgestellt: gegenüber Institutionen, der Politik, der Demokratie. Das Vertrauenskonstrukt schien aufgrund seiner ubiquitären Anwendungsmöglichkeit darauf eine einfache Antwort zu bieten, vor allem weil es – wie im Neoliberalismus üblich - bei der Innenwelt des Individuums ansetzt, anstatt bei der systemischen Umwelt.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

- Mit allen, die sich schon einmal gefragt haben, welchen Unterschied es macht, ob man einem Sozialgefüge vertraut bzw. misstraut, von dem man gleichzeitig auch abhängig ist.

- Mit allen, die bei der Ursachensuche für fehlendes Institutionenvertrauen nicht schon bei psychologischen Dispositionen Halt machen wollen.

- Gerade Diskussionen mit Medienpraktiker*innen und fachfremden Personen waren in der Vergangenheit überaus hilfreich, um neue Facetten der behandelten Themen zu entdecken und auch, um die Überlegungen in alltäglichen Beispielen zu illustrieren und dabei zu präzisieren. Gerne mehr davon!

5. Ihr Buch in einem Satz:

Warum Systemvertrauen heute selten ist, dies jedoch nur Symptom einer tiefergehenden Krise sozialer Integration ist, die auf einen ökonomisierten Journalismus zurückgeht.

Besprochen in:
https://www.dimbb.de, 14.09.2021, Heiko Hilker
Autor_in(nen)
Malte G. Schmidt
Buchtitel
Systemvertrauen und Journalismus im Neoliberalismus
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
322
Ausstattung
kart., Dispersionsbindung, 21 SW-Abbildungen
ISBN
978-3-8376-5637-4
DOI
10.14361/9783839456378
Warengruppe
1729
BIC-Code
JFD JHBA
BISAC-Code
SOC052000 SOC026000
THEMA-Code
JBCT JHBA JBCT1
Erscheinungsdatum
29. Juli 2021
Auflage
1
Themen
Medien, Zivilgesellschaft
Adressaten
Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Soziologie, Sozialphilosophie, Kritische Theorie, Politikwissenschaft
Schlagworte
Vertrauen, Journalismus, Neoliberalismus, Systemtheorie, Soziale Ungleichheit, Integration, Medien, Autoritarismus, Populismus, Wirtschaft

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