Invective Gaze – Das digitale Bild und die Kultur der Beschämung

Der schaulüsterne Blick: Bilder adressieren affektive Register, fördern somit voyeuristische Tendenzen wie Glotzen, Gaffen und den Drang, sich oder andere im Bild zu exponieren. Digitale Medien ermöglichen direkte Beteiligung und Bewertung, wodurch sich das intrikate Verhältnis zwischen Bildern und gesellschaftlichen Anerkennungsprozessen nachhaltig verschiebt. Dabei hat ein abwertender, entblößender Blick Konjunktur, der neue Bildgenres hervorbringt und das Affektive, Politische und Ökonomische neu verknüpft. Die Beiträger:innen folgen der Karriere des invective gaze vom Analogen zum Digitalen, von Figuren des Gaffers im 19. Jahrhundert bis zum Terror im Livestream.

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5. Januar 2022, 208 Seiten
ISBN: 978-3-8394-5749-8
Dateigröße: 5.14 MB

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Elisabeth Heyne

Elisabeth Heyne, Museum für Naturkunde Berlin, Deutschland

Tanja Prokic

Tanja Prokic, Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?

Weil unser Band ein Phänomen betrachtet, das heute von entscheidender politischer, ökonomischer, gesellschaftlicher und individueller Bedeutung geworden ist und teils existenzielle Folgen hat: den herabsetzenden, abwertenden Gaze im Digitalen. Er schließt an Theorien des Gaze an, wie sie vor allem in der feministischen Filmwissenschaft (male gaze) und den Postcolonial Studies (white gaze) geprägt wurden und entwickelt diese weiter. Grundthese des Buches ist, dass die Transformation, die das Digitale herbeiführt, ein beschämendes, wertendes, eben invektives Blickregime auf die Spitze treibt, dessen Geschichte bis weit vor das Digitale zurückreicht. Diese Transformation, so glauben wir, schafft aber zugleich eine epistemologische Situation, dieses Blickregime zu hinterfragen.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Unser Buch bemüht sich einerseits um eine historische Perspektivierung des Gaze im Digitalen. Andererseits schien uns die Konzentration auf Verrohungen der Sprache eine künstliche Vereinseitigung. Spätestens mit dem Auftreten von digitalen Plattformen, die sich auf das Veröffentlichen und Teilen von visuellem Content spezialisieren, wird deutlich, dass diese Korrumption mit und durch das Bild eine Geschichte hat. Mit dem Fokus auf das Mediale wird zudem die Frage nach der ökonomischen Grundierung virulent, die in vielen anderen Theorien, etwa der Psychoanalyse, latent bleibt.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

Im Gegensatz zu einer Gaze-Debatte wie sie durch die Gender Studies und die Postcolonial Studies angestoßen wurde, soll hier nicht allein nach dem diskriminierenden Effekt des Blicks oder der ihn bedingenden Apparatur gefragt werden. Die ausgewählten Beiträge zeigen ein breites Spektrum invektiver Bildtypen oder -genres wie Reactionvideos, Hassbilder, Attentatvideos, Folterbilder, ohne sie zu isolieren. Als Ganzes soll der Sammelband das invektive Blickregime als Gefüge offenlegen. Wir wollen damit eine Diskussion anzuregen, die diese Phänomene in einen größeren, globaleren Kontext einordnet und nach ihren strukturellen Bedingungen fragt.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Mit allen, die das Thema interessiert.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Die Gaze-Theorie wird angesichts des Trends visueller Herabsetzung aktualisiert und historisch perspektiviert, um zu verstehen, wie Beschämung und Herabsetzung im und durch das Bild (z.B. Trolling, Shaming, Bewertung) zu einer allgemeinen sozialen Praxis der Gegenwart werden konnten.

Autor*in(nen)
Elisabeth Heyne / Tanja Prokic (Hg.)
Buchtitel
Invective Gaze – Das digitale Bild und die Kultur der Beschämung
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
208
Ausstattung
8 SW-Abbildungen, 30 Farbabbildungen
ISBN
978-3-8394-5749-8
DOI
10.14361/9783839457498
Warengruppe
1744
BIC-Code
JFD
BISAC-Code
SOC052000
THEMA-Code
JBCT1
Erscheinungsdatum
5. Januar 2022
Themen
Medien, Digitalisierung, Internet, Bild
Adressaten
Kulturwissenschaft, Medienwissenschaft, Bildwissenschaft, Kunstwissenschaft und (Digitale) Medienkultur
Schlagworte
Medien, Digitales Bild, Affekttheorie, Blickregime, Schaulust, (Post-)Photographie, Kultur, Soziale Medien, Bild, Internet, Digitale Medien, Medientheorie, Medienphilosophie, Medienwissenschaft

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