Deutschland und seine Flüchtlinge

Das Wechselbad der Diskurse im langen Sommer der Flucht 2015

Die Aufnahme Tausender »Fremder« im Sommer 2015 wurde medial euphorisiert als »deutsches Wunder« beschrieben. Die Geflüchteten selbst tauchten in dieser Perspektive kaum auf. Dem Narrativ der »Willkommenskultur« folgte ein Wechselbad der Diskurse hin zum drohenden Staatsversagen, der Belastungsgrenze oder sexueller Übergriffe. Dabei ging es primär um die Befindlichkeit der Nation und der »Flüchtling« wurde zum Verursacher nationaler Bedrängnisse. Uwe Becker analysiert diese Diskurse und zeichnet nach, welche Narrative sich im »langen Sommer der Flucht« aufgebaut haben. Dabei zeigt er auf, wie sie im kollektiven Gedächtnis ruhen, jederzeit aktivierbar sind und bis heute eine restriktive Flüchtlingspolitik legitimieren.

Stimmen zum Buch
»Uwe Becker führt eindringlich vor Augen, wie wir uns das Weltgeschehen durch Erzählungen zurechtlegen, und lässt uns dabei in einem Licht erscheinen, in dem wir uns nicht gern wiedererkennen. Eine brisante und überfällige Studie.« (Albrecht Koschorke, Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft, Universität Konstanz)

»Wie kann eine Flüchtlingskrise für ›gelöst‹ erklärt werden, während sie weiter eskaliert? In seiner fulminanten Analyse zeigt Uwe Becker, wie die Schutzkrise der Flüchtlinge medial entsorgt wurde. Schlepper, Belastungsgrenzen, Sexmobs, gute und schlechte Flüchtlinge: Die Moral des Helfens wurde von den Narrativen eines nationalen Selbsterhaltungsdiskurses förmlich niedergewalzt. Was am Leitmedium Die Zeit empirisch belegt wird, ist zugleich ein Lehrstück in progressiver Medienkritik. Absolut lesenswert.« (David Goeßmann, Autor, freier Journalist und Medienkritiker)

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29,50 € *

9. Juni 2022, 288 Seiten
ISBN: 978-3-8376-6426-3

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Uwe Becker

Uwe Becker, Evangelische Hochschule Darmstadt, Deutschland

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?

Weil es aufdeckt: ›Nie wieder 2015‹ ist ein strategisches Narrativ. Es stützt die europäische Abschottungspolitik. Folglich sind Botschaften der nationalen Bedrohung durch Geflüchtete konstruiert worden, etwa das drohende Staatsversagen, die Belastungsgrenze oder der ›uns‹ bedrohende ›arabischen Mann‹, die bis heute als ›Wahrheit‹ im kollektiven Gedächtnis ruhen. Das Buch will dieses Narrativ re- und dekonstruieren und im Epilog anzeigen, warum für Geflüchtete aus der Ukraine dieses Narrativ nicht greift.

2. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen gesellschaftlichen Debatten zu?

Das Buch bietet einen aufklärerischen Beitrag zum Diskurs über Geflüchtete, der nachzeichnet, wie dieser die Wirklichkeit von Geflüchteten weder zur Sprache noch zur Geltung gebracht hat. Sich angesichts von mehr als 85 Millionen Menschen auf der Flucht diesem Diskurs neu zu stellen, ihn anders und ›wahrhaftiger‹ zu führen und die Brutalität der europäischen Abschottungspolitik kritisch zu hinterfragen, ist ein Impuls, den dieses Buch verfolgt.

3. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Was dieses Buch vermitteln möchte: Wie Diskurse eine Wirklichkeit konstruieren, die simplifizierend und stereotypisierend machtpolitischen Strategien zur Realisierung verhilft. Es enthält Gegengeschichten, etwa: Die Akteurinnen und Akteure der Flüchtlingshilfe waren nie ›naiv‹, sondern sehr politisch. Der ›arabische Mann‹, der vermeintlich enthemmte und frauenverachtende Eigenschaften hat, ist ein Konstrukt, das der Verschärfung des Aufenthaltsrechts gedient hat. Das Buch deckt diese Mechanismen diskursiver ›Erfindungen‹ auf.

4. Welche besonderen Aspekte kann die wissenschaftliche Betrachtung in die öffentliche Diskussion einbringen?

Es gibt viele Menschen, etwa aus dem Bereich der Flüchtlingshilfebewegung, die frustriert erschrocken oder empört sind über die Politik der Abschottung. Ihre Unterstützung von Geflüchteten bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche, bei Behördengängen oder bei Rechtsverfahren schreibt ganz andere Gegengeschichten zu der Frage, wer diese geflüchteten Menschen sind. Das Buch möchte wissenschaftlich vergewissern, dass diese Kraft der Humanität, diese ›Revolution für das Leben‹ anderer Menschen dringend weiterverfolgt werden soll.

5. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Mit allen, die ernsthaft an dem Thema dieses Buches interessiert sind.

6. Ihr Buch in einem Satz:

Im Diskurs 2015/2016 ging es nie um Geflüchtete, sondern immer um die Perspektive nationaler Befindlichkeit, nie um ›die anderen‹, sondern immer um ›uns‹.

Autor*in(nen)
Uwe Becker
Buchtitel
Deutschland und seine Flüchtlinge Das Wechselbad der Diskurse im langen Sommer der Flucht 2015
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
288
Ausstattung
kart., Dispersionsbindung
ISBN
978-3-8376-6426-3
DOI
10.14361/9783839464267
Warengruppe
1729
BIC-Code
JFFD JFD JFFN
BISAC-Code
SOC007000 SOC052000
THEMA-Code
JBFG JBCT JBFH
Erscheinungsdatum
9. Juni 2022
Auflage
1
Themen
Medien, Flucht, Migration
Adressaten
Soziologie, Migrationsforschung, Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft, Diskurstheorie, Medienwissenschaft sowie Praktiker*innen im Journalismus, der Flüchtlingshilfebewegung und die interessierte Öffentlichkeit
Schlagworte
Geflüchtete, Flucht, Migration, Diskurs, Medien, Zeitung, Willkommenskultur, Erzähltheorie, Narratologie, Flüchtlingspolitik, Abschottungspolitik, Flüchtlingsforschung, Mediensoziologie, Kultursoziologie, Soziologie
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