Scheintod

Zur kulturellen Bedeutung der Schwelle zwischen Leben und Tod um 1800

»Scheintod« ist ein Neologismus des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Er verweist auf ein modernes Todesproblem: Mit ihm wird die Angst des sich »nur noch mit sich selbst identisch« (Luhmann) verstehenden Individuums vor einem Selbstverlust thematisiert, die eng mit der Verzeitlichung der Gesellschaft sowie der anthropologischen Transformation seit der Aufklärung zusammenhängt. Welche Bedeutung kommt dem Tod zu nach Überwindung der christlich-mittelalterlichen Seelenvorstellungen im Zuge der Aufklärung?

Die Studie rekonstruiert die wechselseitigen Bezüge zwischen Wissen und Tod, die der Bildung dieses Begriffs zugrunde liegen. Die soziale Reichweite des Scheintodes wird mittels konkurrierender Deutungsmuster und kultureller Praktiken des Umgangs mit Tod und Sterben untersucht, zu denen neben Diskursen aus der Medizin oder Theologie religiöses und überliefertes Wissen zählen.

31,80 € *

2008-03-27, 338 Seiten
ISBN: 978-3-89942-856-8

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Gerlind Rüve

Gerlind Rüve, Medizinische Hochschule Hannover, Deutschland

... mit Gerlind Rüve

»1. Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?

Das Buch rekonstruiert die Verwissenschaftlichung des Todes im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert und bringt sie mit den gesellschaftsgeschichtlichen Transformationen und dem damit einhergehenden Mentalitätswandel in der sogenannten Sattelzeit in Verbindung. Die differenzierte Theorieperspektive wird im Text mit einem Reichtum an historischem Material über den Diskurs über den Scheintod und seine Praktiken belegt, die die präsentierten Thesen über die moderne Todessemantik gut stützen können.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Der »Scheintod« ist viel mehr als eine technische Unsicherheit der Ärzte, zwischen Leben und Tod zu unterscheiden. Er hat seinen historischen Ort da, wo der Verlust der Unsterblichkeit und die Auflösung der alten Seelenvorstellungen durch das wissenschaftliche Wissen vom Körper eine neue Sinnstiftung des Todes nötig machten. Diese parallele Diskontinuität greift das vorliegende Buch auf. Dabei prüft es die Tragfähigkeit von Thesen wie der ›Verdrängung‹ und der ›Individualisierung des Todes‹ und hinterfragt die These einer zunehmenden Rationalisierung der Gesellschaft durch die Zunahme an wissenschaftlichem Wissen.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

Das Buch ist ein Beitrag zur Historisierung der Wissensgesellschaft und wendet sich gegen ein Verständnis von Rationalisierung, bei dem die Zunahme von wissenschaftlichem Wissen das Zurückdrängen von bis dahin bestehenden Irrationalitäten und Emotionen bedeutet. Wenn die Angst vor dem Geisterglauben abnimmt, weil Scheintote nicht mehr mit Wiedergängern verwechselt werden, entstehen gleichzeitig neue. Die Angst davor, dass nach dem Tod nichts mehr sein könnte, gehört zu den neu entstehenden Ängsten genauso wie die Umdeutung des Scheintodes als psychoanalytische Phobie. Die Durchsetzung und gesellschaftliche Relevanz von Wissenschaft ist vielmehr eine Frage des Status der beteiligten historischen Akteure sowie eine Legitimationsfrage insofern, als es der Wissenschaft gelingen muss, gesellschaftliche Akzeptanz zu erringen.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Mit Menschen, die ein konstruktivistisches Verständnis von Wissenschaft und Gesellschaft haben, und solchen, die nicht von Aufklärung als einem linearen Rationalisierungsprozess ausgehen, sondern sich die verschiedenen nebeneinander stehenden Diskurse, Praktiken, Kontexte und Konstellationen ansehen, in denen sie entstehen und in denen sie jeweils Wirkung zeitigen. So wie die moderne Gesellschaft von einer Ausdifferenzierung der Praktiken des Umgangs mit Tod und Sterben gekennzeichnet ist, hat auch die Verwissenschaftlichung zur Mehrschichtigkeit des Alltags geführt.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Scheintod: von alten Ängsten, auf die die Wissenschaft zugreift und neuen, die sie generiert.

»Gerlind Rüve liefert mit ihrer Untersuchung über die Scheintodproblematik einen wichtigen Beitrag zum Wandel in der Auffassung vom Tode seit der Aufklärung [...]. Sie wirft einen weitgespannten Blick auf die Thematik und berücksichtigt mentalitätsgeschichtliche, anthropologische, medizinhistorische, theologische sowie philosophische Aspekte des in dieser Weise neu bearbeiteten Forschungsfeldes.«
Barbara Happe, Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde, 2010
»Gerlind Rüves Studie ist von Bedeutung für alle Fachbereiche, die sich mit der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts beschäftigen, für die Soziologie ebenso wie für die Theologie, für Philosophie, Volkskunde, Medizingeschichte und Rechtsgeschichte.«
Claudia Maria Korsmeier, Westfälische Forschungen, 60 (2010)
Besprochen in:

Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur, 103 (2008)
Autor_in(nen)
Gerlind Rüve
Buchtitel
Scheintod Zur kulturellen Bedeutung der Schwelle zwischen Leben und Tod um 1800
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
338
Ausstattung
kart.
ISBN
978-3-89942-856-8
DOI
10.14361/9783839408568
Warengruppe
1691
BIC-Code
MBX PDX HBTB
BISAC-Code
MED051000 SCI034000 HIS054000
THEMA-Code
MBX PDX NHTB
Erscheinungsdatum
2008-03-27
Auflage
1
Themen
Medizin, Wissenschaft, Kulturgeschichte
Adressaten
Wissenschaftsgeschichte, Kulturgeschichte, Historische Anthropologie, Soziologie, Medizinethik
Schlagworte
Tod, Wissenschaft, Kultur, Moderne, Emotionen, Medizin, Kulturgeschichte, Medizingeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Geschichtswissenschaft

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