Details zu 10.14361/9783839442593-003

Samuel Camenzind
Der Paratext in Immanuel Kants Metaphysik der Sitten und seine (tier-)ethischen Implikationen
DOI: 10.14361/9783839442593-003
 
Samuel Camenzinds Anliegen ist es, mittels paratextueller Analyse einer Entwicklung und Neuakzentuierung in Immanuel Kants Moralphilosophie nachzuspüren, der weder in der Ethik der Mensch-Tier-Beziehung noch in der Kantforschung viel Beachtung geschenkt wird. Die Entwicklung betrifft Kants Pflichtensystematik, in welcher die »Pflichten in Ansehung der Tiere« von den »Pflichten gegen andere« in der Vorlesung zur Moralphilosophie (1774/75) zu den »Pflichten gegen sich selbst als moralisches Wesen« in der Tugendlehre (1797) verschoben werden. Die Berücksichtigung dieser Entwicklung ist aus mindestens vier Gründen relevant: Erstens wird durch die Neusituierung der Pflichten in Ansehung der Tiere unter die höchste Pflichtenklasse der Stellenwert der Mensch-Tier-Beziehung in der Tugendlehre aufgewertet. Diese Aufwertung findet zwar innerhalb des kantischen Paradigmas statt, in welchem Tiere moralisch nicht berücksichtigt werden, dennoch ist sie in einer theorieimmanenten Analyse bedeutsam. Denn zweitens betreffen die Pflichten in Ansehung der Tiere in der Tugendlehre nicht mehr primär die zwischenmenschliche Ethik, sondern die Pflichten gegen sich selbst. Damit lässt sich Kants Position in der Tugendlehre von anderen sogenannten indirect duty views wie bestimmte Formen des Kontraktualismus oder anthropozentrischen Positionen unterscheiden. Drittens verwendet Kant in der Tugendlehre nicht mehr wie in der Vorlesung das klassische Verrohungsargument. Und viertens hat diese Verschiebung moralphilosophische Konsequenzen für unseren Umgang mit Tieren, die weitergehen, als es Kant selbst gesehen hat. Wobei auch hier die Grenzen durch das Paradigma der indirekten Berücksichtigung festgelegt sind.
 
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