Details zu 10.14361/9783839443958-007

Norbert Huchler
Assimilierende versus komplementäre Adaptivität
Grenzen (teil-)autonomer Systeme
DOI: 10.14361/9783839443958-007
 
Eine generelle Folgewirkung des Einsatzes digitaler Technologien, wie die (teil-)autonome Steuerung von Prozessen über »Künstliche Intelligenz« (KI) bzw. lernende Systeme, auf Beschäftigung, Qualifizierung, Handlungsräume, Motivation, Gesundheit etc. lässt sich nicht bestimmen. Entscheidend ist die konkrete Gestaltung der Technikentwicklung und des Technikeinsatzes in Realbedingungen. In diesem Beitrag wird argumentiert, dass sich hier zwei Vorgehensweisen unterscheiden lassen: erstens eine assimilierende, die auf die umfassende Beherrschbarkeit durch technische Systeme setzt und in deren Eigenlogik verharrt, und zweitens eine komplementäre, die Vorteile vor allem in der wechselseitigen Verschränkung technischer und humaner Koordination im Sinne einer offenen Kooperation sieht. Die Identifikation der Grenzen der Digitalisierung bietet eine Möglichkeit, um sich der zweiten Vorgehensweise, also einer neuen Arbeitsteilung zwischen Mensch und (teil-)autonomem technischem System anzunähern. Die Anerkennung von »Grenzen« bedeutet jedoch nicht, dass dadurch der digitale Wandel ins Stocken gerät. Im Gegenteil: Dadurch können Innovationen angestoßen werden. Werden aber diese Grenzen in der Gestaltung des digitalen Wandels ignoriert und nicht systematisch berücksichtigt, wird dies mit entsprechenden Folgen einhergehen: für Unternehmen, Beschäftigte und die Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit den Grenzen der Digitalisierung dient damit einer nachhaltigen Arbeits- und Technikgestaltung. Der Beitrag sondiert zunächst (2.) unterschiedliche Entwicklungen des digitalen Wandels von Arbeit entlang der Felder Industrie 4.0, Arbeiten 4.0 und Wirtschaft 4.0. Dann wird (3.) die dezentrale Steuerung als zentrales Moment einer gemeinsamen 4.0-Kernlogik identifiziert, das Industrie 4.0, Arbeiten 4.0 und Wirtschaft 4.0 miteinander verbindet, mit dem Ziel, Adaptivität und Flexibilität im Wertschöpfungssystem zu steigern. Dieses Ziel konfligiert allerdings (4.) mit der gängigen Praxis einer planungsgeleiteten formalen technischen und organisationalen Einhegung. Doch selbst wenn (5.) diese überwunden wird, stößt die Digitalisierung und damit auch die digitale Adaptivität (teil-)autonomer Systeme an unhintergehbare Grenzen, die sich in Form von Dilemmata und Nebenfolgen (5.1), Problemen der Komplexität der physischen und sozialen Umwelt (5.2) und Nicht-Formalisierbarkeit (5.3) äußern. Diese Grenzen sind zwar »unhintergehbar«, können aber »übergangen« werden (5.4). In der Praxis zeigt sich (6.), dass dies oftmals geschieht mit entsprechenden Folgewirkungen. So wird häufig der vollständige Ersatz eines vormals »analogen« Prozesses durch (Teil-)Automatisierung suggeriert, während es sich »nur« um ein funktionales Äquivalent handelt, mit einer anderen Bearbeitungslogik und anderen Folgewirkungen (6.1). Durch die Ausblendung impliziten Arbeitshandelns und Wissens werden die mit der Digitalisierung verbundenen Substitutionspotenziale systematisch überschätzt (6.2). Unter anderem um Adaptivitätsdefizite auszugleichen, tendiert eine in ihrer Eigenlogik verhaftete Gestaltung (teil-)autonomer Technologie dazu, die Umwelt an die Bedarfe des Systems anzupassen (6.3). Dabei geht es oftmals eher um das Schaffen von Akzeptanz als um echte Partizipation in der Gestaltung und im Nutzungsprozess (6.4). Insgesamt dominiert also eher ein assimilierender Zugang zu Adaptivität als ein komplementärer (6.5). Der Beitrag schließt damit, dass die Gestaltung offener sozio-technischer Systeme als Herausforderung für die Technikentwicklung insbesondere über lernende Systeme identifiziert wird (7.).
 
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